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Deck -> Das Duell -> Missbrauch -> Missbrauch in aller Munde
Montag, 15.03.2010
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Pädagogischer Eros
 

Missbrauch in aller Munde

Priester wurden geoutet, inzwischen beschuldigen sie sich selbst. In katholischen Ganztagsschulen, Internaten und Kollegs wurde an Schülern seit den Sechziger Jahren Missbrauch getrieben. Doch wie sich dieser Missbrauch definiert, ist bis heute unklar.
Missbrauch
Geschrieben von: Rainer Langhans   
Wo hört Erziehung auf und wo fängt Missbrauch an? © Flickr Andre Helmstetter
 

Alle reden in diesen Tagen von Missbrauch und keiner fragt, was das ist. Wir haben vor kurzem hier im Park bei Dreharbeiten ein paar Kinder im Bild gehabt, die in die Kamera Grimassen schnitten. Als wir dann gehen wollten, kamen die Betreuerinnen hysterisch hinter uns hergelaufen, nannten uns Pädophile und verlangten unsere Telefonnummern. Eine rief mich später an und drohte, mich anzuzeigen. Hier ist seit der Frauenbewegung eine zunehmende Missbrauchshysterie am Werk, die nach der 68er Liberalisierung einsetzte. Männer waren plötzlich nur noch Täter und als Vergewaltiger unterwegs. Auch die Erotisierung der Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen der 68er wurde erheblich zurückgenommen. Dagegen protestierten dann wieder einige Frauen und nannten es: den Missbrauch des Missbrauchs. Die Folge: Zum Beispiel geriet das liberal ästhetische Fotobuch nackter Zärtlichkeiten zwischen Eltern und Kindern von Will McBride (mehrfach ausgezeichneter TWEN-Fotograf) bereits ein paar Jahre später auf den Index.

Geschlossene Institutionen in Frage gestellt

In diesem Klima gerät die Kirche zwar wegen ihrer Erziehungsmethoden unter erheblichen Druck, nutzt aber diese Debatte, um die Befreiung der Sexualität durch die 68er dafür verantwortlich zu machen. Merkwürdigerweise handelt es sich bei allen Missbrauchsfällen um solche aus der Zeit kurz nach 1968. Warum heute erst diese Debatte? Und vor allem: Was ist Missbrauch? Gehört Gewalt dazu? Geht es vor allem um Missbrauch von männlichen Kindern, den es bislang nicht zu geben schien? Oder geht es um einen weiteren Schritt im Abbau der Autorität von Erwachsenen, in diesem Fall von männlichen Erziehern? Oder werden geschlossene Institutionen als solche damit in Frage gestellt?

Wir hielten 68 die Verteuflung von Sexualität, ja jegliche von Gewalt bestimmte Erziehung für repressiv, für falsch, für gefährlich. Kinder sollten ihre  Triebregungen wahrnehmen und  eine geeignete Form entwickeln können, wie man in dieser Welt mit sich und anderen leben kann. Vor allem: wie man lieben kann. Das gilt sicher auch ansatzweise für die von solcher Liberalisierung beeindruckten Patres: Es wird berichtet, dass einige dieser „Täter“ eher besonders aufgeschlossene Erzieher waren, die aufgrund des 68er Aufbruchs auch die Verbote der Kirche als nicht mehr zeitgemäß empfanden. Man kann davon ausgehen, dass sie statt der traditionellen Verteuflung des Körpers oder der Triebe versuchten, diese sexuellen Impulse der Schüler wahrzunehmen, sie zu lenken und vielleicht zu veredeln.

Wie kann Missbrauch verhindert werden

Ähnlich war es wahrscheinlich in einem der fortschrittlichsten Internate, der Odenwaldschule. Charismatische Freigeister unter den Lehrern werden derzeit der Päderastie beschuldigt die sie als vom Kind ausgehend bemäntelt hätten ... Was davon  wirklich stimmt, muss untersucht werden. Kann sein, daww es in vielen Fällen nicht um Vergewaltigung oder ein gewaltsames sexuelles Verhalten geht, sondern eher um Zärtlichkeiten, die zwischen einem Erwachsenen und einem kindlichen Menschen als pädagogischer Eros erschienen, ja erscheinen sollten. Auch dieser Eros wird nun verdächtigt, lediglich ein Vorwand für Päderastie zu sein. Kann es nicht sein, dass solche  mangels Übung und Erfahrung oft unbeholfenen Versuche  in den meisten Fällen von beiden Seiten gut verkraftet worden sein dürften, zumindest weitaus besser, als die Unterdrückung zuvor. Die Schüler empfanden diese gegenseitige Zuneigung damals vielleicht durchaus nicht so, wie ihre Beschwerden heute nahe legen. Dabei gab es sicher auch Überschreitungen ...

Warum dann diese Beschuldigungen? Warum erst heute? Gab es sie damals schon? Wurden sie unterdrückt? Ich meine, entgegen der heutigen Tendenz einer Antiliberalisierung, dass man möglicherweise in einigen Fällen nicht von Missbrauch sprechen kann – nicht bevor klargestellt wird, wo jeweils die Grenze liegt zwischen Experiment und Gewalt, was also Missbrauch eigentlich ist. Ein gewalttätiger Mensch hat soviel Gewalt in Gestalt der Unterdrückung seiner Lebensäußerungen, speziell seiner Sexualität  erlebt, dass er sie weitergibt. Das Opfer wird zum Täter. Wichtig wäre daher, anhand dieser Debatte zu überlegen, wie liebevolle und zur Liebe befähigende Erziehung aussehen könnte. Allein sie vermag künftigen Missbrauch zu verhindern. 

Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von herr axel, März 16, 2010

Als Erklärung zu wenig ...
Ich denke nicht, dass die Grenze zwischen Experiment und Gewalt wirklich wichtig ist. Ich denke, solange das Opfer ein KIND ist, welches weder körperlich noch vor allem geistig voll entwickelt ist, ist auch ein experiment schon eine Gewalttat. Natürlich ist es richtig, bei den Tätern nach den Wurzeln dieser Triebe zu suchen und natürlich mag es sein, dass eben diese durch die Antiliberalisierung - eben und gerade auch in der Zuneigung und Sexualität - so fehlerhaft unterdrückt wurden, dennoch: dies als Entschuldigung oder gar Rechtfertigung heranzuziehen für Vergehen an Kindern, das ist zu wenig. Sexualität, Zuneigung und Zärtlichkeit kann noch so unterdrückt worden sein, die Schwelle zu überschreiten, "deshalb" Kinder anfassen zu "dürfen" ist absolut bedenklich und in meinen Augen für die Erklärung deutlich zu wenig.
geschrieben von Philotalk, April 08, 2010

...
'Für sexuellen Mißbrauch von Kindern gibt es keine Entschuldigung oder gar Rechtfertigung'. So der zentrale Satz von Herrn Axel. Eine Rechtfertigung kann es auch gar nicht geben, bei Tätern, die aufgrund eigener Mißbrauchserfahrungen als Kind zu Tätern wurden. Sie machen das ja nicht bewußt, nach dem Motto: jetzt überschreite ich die Schwelle, weil mir das auch geschehen ist. Das können sie gar nicht. Da sie die Schwelle gar nicht wahrnehmen. Sie kennen es ja nicht anders. - Eine andere Frage ist das mit der Entschuldigung. Wenn diese nicht möglich wäre, würde das ein lebenslanges Gefesseltsein von Täter und Opfer bedeuten. Das ist ja das Furchtbarste im Furchtbaren.
geschrieben von C.A., Juni 04, 2010

...
Ein sehr guter Artikel mit interessanten Beobachtungen. Ich gehe jedoch nicht konform mit der Ansicht, dass Menschen, die Gewalt erlitten haben, diese wieder weitergeben. Träfe dies zu, würde Gewalt exponentiell wachsen und die Menschheit wäre binnen Generationen nur noch ein Konglomerat aus Gewalt.

Dennoch gibt es einen tieferen Zusammenhang zwischen der Unterdrückung körperlicher Lust und Gewalt. Den zeigt der Neuropsychologe James W. Prescott in seiner Forschungsarbeit "Körperliche Lust und die Ursprünge der Gewalttätigkeit" auf. Er untersuchte kulturübergreifend den Zusammenhang zwischen körperlicher Zuwendung zu Kindern - vornehmlich durch Hautkontakt - und Gewalt. In 36 der 49 untersuchten Kulturen zeigte sich ein Zusammenhang: viel Hautkontakt mit Kindern korrelierte signifikant mit geringer bis nicht vorhandener Gewalt. Von den 13 Ausreißern zeichneten sich aber 12 durch restriktive voreheliche Sexualität aus. Prescotts Schlussfolgerung lautete: intensiver Hautkontakt mit Kindern vermindert Gewalt. Dieser positive Effekt kann aber durch eine sexualfeindliche Einstellung im Jugendalter zunichte gemacht werden.

Dazu passt eine andere frappierende Beobachtung: Anfang des 20. Jahrhunderts fiel ein durch Ordens-Schwestern geleitetes Waisenhaus in den USA durch ein wahres Massensterben dort "abgegebener" Säuglinge auf. Eine Untersuchungskommission konnte zunächst keinen erkennbaren Grund festellten: die Säuglinge waren wohlgenährt und bestens versorgt. Es fiel jedoch auf, dass die Schwestern nahezu keinen Körperkontakt mit den Säuglingen pflegten. Daraufhin wurde den Säuglingen mehr Körperkontakt zuteil und das Sterben endete. Dies ist ein starker Hinweis darauf, dass intimer Körperkontakt zumindest für Säuglinge essentiell ist. Eine frappierende Erkenntnis.

Die Studie von Prescott erklärt auch heute noch viele Phänomene. In den durch Prüderie verkrusteten USA findet jeder Körperkontakt mit Kindern unter dem Damokles-Schwert des Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs statt. Körperkontakt mit Kindern ist dort nahezu ausgestorben - die Gewaltkriminalität hat einen Spitzenplatz in westlichen Gesellschaften.

Leidtragende sind übrigens Kinder, deren Bedürfnisse von Erwachsenen aufgrund ihrer Sexualphobien negiert werden. Diese Phobien sind pathologisch wie ein Kommentar hier deutlich zeigte: Gewalt sei bei intimen Körperkontakten mit Kindern zwar nicht wichtig aber dennoch sei das eine Gewalttat. Welch ein verworrener Geist kann in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen sich selbst widersprechen und den Widerspruch nicht einmal erkennen? Aus diesem Grund lehne ich den Begriff Missbrauchshysterie ab. Er ist euphemistisch. Angesichts solcher offensichtlicher kognitiver Verzerrungen wäre "Wahn" der adquate Begriff.

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