Schließen

Kostenlos registrieren!

  • Vertiefen und Erweitern Sie Ihr Netzwerk
  • Profile ansehen und neue Freunde hinzufügen
  • Teilen Sie Fotos und Videos mit der Community
  • Erstellen Sie eigene Gruppen und werden Sie Mitglied bei anderen Gruppen


Mein Philibuster
Deck +++ Kopfkino +++ Der Anti-Christ
Donnerstag, 22.10.2009
(15 Bewertungen)
Kommentare (2) Drucken
 
K(n)opfkino - Kur(t)z-Geschichten für Knopfhasser
 

Der Anti-Christ

Im Fegefeuer der Eitelkeiten: Wie ich bei meinem täglichen Kampf für die Knopflosigkeit zum Satansbraten mutierte und meine Familie das Fürchten lehrte.

Geschrieben von:   
Apocalypse Now: Und wenn er kommt? Dann laufen wir! © Ferdinand Haschner / Philibuster


Da ich mich vor kurzem ins ländliche Idyll meines Heimatdorfes zurückgezogen habe wohne ich derzeit mit meinen Eltern unter einem Dach. Und gerade als ich in die Tasten hauen wollte, stand plötzlich meine Mutter hinter mir. Sie wollte mich nach eigenen Angaben gar nicht lange stören, sondern lediglich darauf hinweisen, dass ich in meiner ersten Geschichte "Liebe in Zeiten der Knopfphobie" ein paar entscheidende Details vernachlässigt habe. Es ist nämlich keineswegs so gewesen, dass ich als kleines Kind nur Alarm geschlagen habe, wenn ich Kleidungsstücke mit Knöpfen anziehen sollte. 

Die Bluse des Grauens

Richtig garstig bin ich erst dann geworden, wenn meine Mutter, mein Vater oder meine Geschwister sich dazu erdreisteten, eine Bluse oder ein Hemd anzuziehen. Meine Mutter erinnert sich in diesem Zusammenhang vor allem an einen Abend, an dem sie und mein Vater zu einer Geburtstagsfeier eingeladen gewesen waren.  Sie hatte sich für diesen Anlass eine besonders schicke Bluse gekauft – das war zumindest ihre Meinung.

Es handelte sich um eine schwarze Seidenbluse, die ganz nach 80er-Jahre-Manier mit Schulterpolstern ausgestattet war und nur bis zu den Ellbogen reichte. Mancher Modekenner dürfte allein bei dieser Vorstellung die Krise kriegen. Was mich störte waren aber nicht etwa die Schulterpolster oder der gewöhnungsbedürftige Schnitt, sondern die strahlend weißen Perlmuttknöpfe, die auf der seidig schimmernden Knopfleiste nur so leuchteten.

"Du bist nicht mehr meine Mama!"

Als meine Mutter – mit dieser Bluse bekleidet – am Abend der Geburtstagsparty mein Zimmer betrat um mir auf Wiedersehen zu sagen, entriss ich mich ihren Händen und schmiss ihr empört meinen Schnuller vor die Füße. Mein wutentbrannter Kommentar: „Du bist nicht mehr meine Mama!“ An einen Gute-Nacht-Kuss war nicht mehr zu denken. Ich hatte ja bereits erzählt, dass sie sich auf Grund einer Holzknopf-Bluse zuvor schon mal eine Backpfeife von mir gefallen lassen musste. Wenn ich heute darüber nachdenke, frage ich mich allerdings, ob sie der verweigerte Kuss nicht noch viel härter getroffen hat als der Schlag ins Gesicht.

Es war übrigens nicht nur meine Mutter, der ich regelmäßig das Leben schwer machte. Vielmehr schien ich in meiner Kindheit wie der kleine Damien in „Das Omen“ nur ein einziges Ziel verfolgt zu haben: Meine Familie in den Wahnsinn zu treiben. Mein Terrorregime erstreckte sich nämlich längst über den gesamten Familienkreis und in meinem kindlichen Übereifer machte ich nicht einmal vor Fremden halt.

Bei "Jim Knopf" endet der Spaß

Dafür spricht vor allem das nachfolgende Ereignis, das sich etwa zur selben Zeit in dem hiesigen Kindergarten abspielte. Ich möchte vorwegschicken, dass ich für gewöhnlich eine glühende Verehrerin des deutschen Schriftstellers Michael Ende bin –bei seinem Kinderbuch „Jim Knopf“ hört der Spaß bei mir allerdings auf.

Doch eben dieses Stück war es, das in unserem Kindergarten von einer Theatertruppe aufgeführt wurde und das meine Großeltern eines Nachmittages zusammen mit mir besuchten. Bereits als der Hauptdarsteller die Bühne betrat, machte sich Unbehagen bei mir breit. Denn seine Aufmachung entsprach nicht dem, was ich mir unter einem Helden-Outfit vorstellte. Mit dem schwarz bemalten Gesicht, dem roten Pulli und der blauen Latzhose hatte ich freilich kein Problem. Was mich störte waren die beiden knallroten Monster-Knöpfe, die auf seiner Hose prangten – auf jedem Träger einer.

Wer will schon mit nach Lummerland?


Das ganze Stück über habe ich mich ruhig verhalten, doch als das vermeintliche Finale nahte, wurde es mir zuviel. „Wer will mit nach Lummerland fahren? Wer will mit nach Lummerland fahren?“ rief Jim den Kindern von der Bühne aus in freudiger Erwartung zu. Alle Kinder sprangen auf und stürmten johlend auf Jim und Lukas den Lokomotivführer zu. Alle, bis auf eines.

Ich war nicht zur Bühne gerannt sondern hatte mich mit entschlossener Miene und Zornesfalte auf der Stirn auf die Sitzfläche meines Stuhls gestellt. Als mir die Schauspieler und meine Großeltern einen fragenden Blick zuwarfen schmetterte ich ihnen mit all der Inbrunst, die mein kleines Kinderstimmchen hergab, ein entschiedenes „Ich nicht!“ entgegen und verließ fluchend den Raum. Meine Großeltern griffen verschämt nach ihren Mänteln, entschuldigten sich bei den verstörten Schauspielern mit einem ratlosen Schulterzucken und folgten mir auf dem Weg nach draußen. Ob mir meine Familie meine Eskapaden inzwischen gänzlich verziehen hat, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Fest steht jedoch: Den Trick mit der Bastelschere haben sie mir nie geglaubt.

Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Nina, Oktober 19, 2010

Irre ...
Kaum zu glauben, dass es sowas tatsächlich gibt. Aber man soll ja bekanntlich niemals nie sagen. Vielleicht werden diese Geschichten ja sogar eines Tages verfilmt ;)
geschrieben von Saskia, Mai 24, 2013

...
Hoffentlich NICHT, bitte bitte NICHT verfilmen! Es gibt doch diesen Film Coraline, mich würde auch wirklich interessieren worum es da geht, aber es ist mir unmöglich. Das Filmplakat hat schon gereicht.

Als Kinder gelten Koumphophobiker als "schwierig", auch wenn sie ansonsten das beste Benehmen haben, an Wursttheken nie auf die Idee kamen zu betteln, höflich, ordentlich und kleine Engel waren. Wir waren schon deswegen "schwierig" in den Augen der koumphophilen Welt, weil wir es wagten, uns deren Kleiderdiktat zu widersetzen und "reizende Blüschen" zu tragen. Das stempelt einen bereits in zartem Alter zum Täter!
Kommentar schreiben:

kleiner | groesser
Bitte den folgenden Code eintragen
security code
busy
 

FOLGT UNS

Philibuster bei FacebookPhilibuster bei TwitterPhilibuster RSS FeedE-Mail-Abonnement

Philibuster-Fan werden


Neueste Beiträge

Meistgelesen