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Deck -> Der Phili-Vollpfosten -> WM Tag 16 - Favoritensterben? Fehlanzeige!
Samstag, 26.06.2010
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Der Phili-Vollpfosten
 

WM Tag 16 - Favoritensterben? Fehlanzeige!

Die Gruppenphase ist zu Ende, die ersten kleinen Überraschungen geglückt und allmählich macht die Schadenfreude Platz für die Vorfreude vor den letzten K.O.-Spielen der WM in Südafrika. Heimliche Gewinner des Turniers sind die Underdogs.
Geschrieben von: Andreas Dauerer   
Der Worldcup in Südafrika wird zum Turnier der Underdogs © Flickr CLF
 

Es ist vollbracht! Die Gruppenspiele sind abgepfiffen, jetzt beginnt die Weltmeisterschaft erst so richtig. Die drei Spieltage davor waren doch nur der Aufgalopp, das lästige Pflichtprogramm, derer sich die offiziellen - und selbsterklärten - Favoriten erwehren mussten. Jetzt folgt die Kür, ab heute gilt wieder: Alles oder nichts. Bloß nicht verlieren, sonst droht die (verfrühte) Heimreise. Doch wer in der K.O.-Runde rausfliegt, kann wenigstens mit erhobenem Haupt den Heimflug antreten. Schließlich gehört Können, aber auch eine Portion Glück dazu und manchmal, so sagen es die Experten immer wieder, kommt es auf die Tagesform an.

Alles und nichts, oder?

Einige Teams haben die schon etwas zu früh vermissen lassen. Nehmen wir das zerstrittene Team Frankreichs oder die geriatrische Abteilung Italiens. Ich höre noch ganz leise jene Jubelarien im Büro, als der (noch) amtierende Weltmeister gegen die Slowakei 3:2 verliert. Im letzten Spiel. Für die Italiener der letzte Strohhalm, um doch noch ins Achtelfinale zu kommen. Aus eigener Kraft. Die aber haben sie nicht. Die Italiener fügen sich gerade schicksalhaft in eine verdiente, aber äußerst blamable Niederlage. Doch seien wir ehrlich, ein ganz großes Favoritensterben hat es auch bei dieser WM nicht gegeben.

Argentinien, England, Deutschland, Holland, Brasilien, Spanien, Portugal - Länder, denen man immer zutraut, ins Finale vorzudringen, sind allesamt noch dabei. Weiterhin auch Mannschaften wie Chile, Uruguay, USA, Paraguay oder Mexiko, von denen man wusste, dass sie einerseits das Zeug dazu haben, unter die letzten 16 Mannschaften zu kommen, aber andererseits immer fürchtete, sie könnten auch sang- und klanglos ausscheiden. Richtige Außenseiter wie Südkorea, Ghana, Japan und die Slowakei sind dünn gesät. Und selbst wenn Nigeria für Südkorea, Serbien für Ghana, Dänemark für Japan oder die Elfenbeinküste für Portugal unter die letzten Teams gerückt wären, hätte das wirklich einen merklichen Unterschied gemacht?

Hose voll, statt Flasche leer

Was man als Fußballfan wirklich aus der Vorrunde herausziehen kann, ist, dass die kleinen Fußballnationen den größeren zwar ein paar Probleme bereiten konnten (man denke nur an das Unentschieden von Neuseeland gegen Italien oder den Zittersieg Hollands gegen Japan), aber wenn es darauf ankommt, doch noch nicht reif genug sind. Andersherum muss man ebenfalls konstatieren, dass viele der sogenannten Favoriten die Hosen voll hatten. In den Gesichtern der deutschen Kicker vor dem Spiel gegen Ghana hat man die nackte Angst gesehen. Die wollte man doch im Vorfeld locker weglächeln (was wunderbar gelang), auf dem Platz aber sah das freilich etwas anders aus. Auch England oder Italien spielten blockiert, was alles andere als schön anzusehen war.

Und da wären wir wieder beim Thema der Fußballästhetik. Wo ist denn jenes "Jogo bonito", das wir so gerne sehen würden? Selbst das schöngeistige Brasilien spielt einen körperbetonten Systemfußball, der an Unattraktivität fast nicht zu überbieten ist. Holland müht sich, Argentinien hat nur Messi, offenbart aber hinten wenigstens ein paar charmante Schwächen, die bisher aber noch nicht bestraft wurden. Aber Hand aufs Herz: So richtig schöne Spiele gab es bei dieser WM noch nicht. Die Spanier verzweifelten im ersten Spiel an einer Schweizer Mauertaktik, und spielten dann zwar souverän, aber nicht attraktiv. Deutschland rumpelt wieder, Portugal, bis auf das 7:0 gegen Nordkorea (man wusste lange Zeit nicht, dass es dort Fußballplätze gibt), blass, und Ghana brauchte gleich zwei Elfmeter, um überhaupt zu Toren zu kommen.

Das Schlimme daran: all das ist mehr als legitim. Jede Mannschaft versucht mit ihren Mitteln zum Erfolg zu kommen. Manchmal klappt's (siehe Europameister Griechenland), manchmal auch nicht (siehe Italien 2010). Am Ende gewinnt man allein durch Schönspielerei keinen Weltmeistertitel. Italien hat es 2006 ja eindrucksvoll vorgemacht. Ein knallhartes "Hinten-zu-Null-System" und vorne die wenigen Chancen nutzen. Ab und an noch fallen lassen, um den Gegner Australien durch einen (unberechtigten) Elfmeter zu zermürben. Was die gegnerischen Fans dann gerne als "unfair" titulieren, bezeichnen die heimischen Fans als "clever". Leider ist der Übergang dieser beiden Faktoren mittlerweile so fließend, dass man als unbedarfter Zuschauer schon gar keine Grenze mehr ziehen kann. Aber, um es auf den Punkt zu bringen: Die Breite an der Spitze mag zwar dichter geworden sein, wie unser früherer Bundestrainer Berti Vogts behauptet hat. Eine WM gewinnt aber in der Regel die Mannschaft, die das bessere System und die "clevereren" Spieler hat. Schön spielen wird da schon eher bestraft.

Themen: Fußball Südafrika Turnier WM 2010
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