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Freitag, 18.06.2010
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Der Phili-Vollpfosten
 

WM Tag 8 - Ein Königreich für eine Fernbedienung

Man kann sein Fußballbier auch gemütlich auf der Couch trinken, ganz ohne Gefahr zu laufen, vom Nebenmann damit übergossen zu werden und die Wiederholung zu verpassen. Ein Plädoyer gegen das Public Viewing.
Geschrieben von: Andreas Dauerer   
Gegentrend: Fußball allein Zuhaus© Flickr ˙Cаvin
 

Stell' Dir vor, es ist WM und niemand geht zum Public Viewing. Ist das nach dem Sommermärchen 2006 überhaupt noch vorstellbar? Darf man denn gar allein dem Spiel der Spiele folgen? Schaut man auf die schier unzähligen Möglichkeiten der öffentlichen Fußballschau, dann muss man ganz klar sagen, nein, darf man nicht. In den großen Städten werden flugs überdimensionierte Plätze auserkoren, die man dann ganz stadionmäßig ausstaffiert. Der Zuschauer zahlt nicht selten Eintritt, der Weg ins öffentliche Stadion ohne eigene Fußballmannschaft ist gesäumt von Bier- und Würstelbuden und - wo eigentlich das Tor stehen sollte - findet sich eine riesige Leinwand, deren Seiten nicht selten mit Werbung zugepflastert sind. Und das Schlimmste: Bequeme Stühle sucht man vergebens.

Öffentlich ausgelebter Leidensdruck

Seit 2006 hat Deutschland dafür ein neues Wort liebgewonnen: Public Viewing (ausgesprochen: ’pAblik ’vju:in). Wir mögen den Englischen Fußball zwar nicht so, aber bei den Wörtern sieht die Sache ganz anders aus. Auch alles, wo "Event" drin vorkommt, finden wir per se erst einmal toll. Was aber ist so toll daran, mit einer weitgehend unbekannten Menschenmasse auf eine schlecht ausgeleuchtete Leinwand zu schauen? Erst betrinkt man sich, weil das Spiel so schlecht ist (aktuell trifft das für fast alle Partien der WM 2010 zu, aber es besteht Grund zur Hoffnung) und falls ein Tor fällt, schwenkt man schnell seine Fahne, damit dem Hintermann, der mehr vom Po seiner Vorsteherin fasziniert ist als vom Spielgeschehen selbst, auch der Blick für die Wiederholung verwehrt bleibt. Man muss schon einen gewissen Leidensdruck mitbringen, um freiwillig zum Public Viewing zu gehen.

Interessanter Weise gab es Public Viewing auch schon vorher. Früher sagte man einfach: "Du, wollen wir heute gemeinsam das Deutschland-Spiel gucken?". Dann traf man sich entweder privat bei einem Kollegen oder ging in die nächste Stammkneipe und frönte dem Fußballgenuss mit einer Handvoll Freunde. Das Bier wurde getrunken, kein Fähnchen versperrte den Weg auf den Fernseher und es gab auch selten Ablenkung durch hübsche Menschen in der Nähe (man kannte sie ja bereits). Wenn Heribert Faßbender (Anm. d. Red. für junge Semester: das war so eine Art Vorgänger von Marcel Reiff) legendäre Sätze sagte wie "Hier sind viele deutsche Fans mit deutschen Gesichtern" oder "Sie sollten das Spiel nicht zu früh abschalten. Es kann noch schlimmer werden", dann hat einfach jemand die Fernbedienung genommen und den Ton ausgemacht. Ein Akt, der beim öffentlichen Schauen quasi undenkbar ist.

Die Rückkehr der Jubel-Ritter

Nähert man sich dem Begriff Public Viewing von der sprachlichen Seite, bekommt die Sache eine noch ganz andere Qualität. Neben dem öffentlichen Anschauen oder Präsentieren wird der Begriff des PV auch benutzt, um die öffentliche Zurschaustellung eines Verstorbenen zu umschreiben. Für einen Abgesang auf die Deutsche Mannschaft ist es vielleicht noch zu früh, aber wenn man sich einige Vorrundenspiele ansieht, dann könnte man schon gewisse Parallelen ziehen. Die Mexikaner etwa könnten bereits gestern der Grande Nation Frankreich das letzte Geleit gegeben haben. Aber auch die Gastgebermannschaft Bafana Bafana ist auf einem guten Weg, die Rolle des Verstorbenen einzunehmen. Nur leider wird deren Ausscheiden aus dem Turnier auch die Tröten nicht verstummen lassen. Und DAS wäre dann tatsächlich das einzige Argument für ein Fußballgucken mit tausend anderen: weil die unsäglichen Tröten auf den öffentlichen Plätzen verbannt worden sind, können die Fans endlich ihre eigenen Schlachtgesänge, ihr Klatschen, Pfeifen und ihre Unmutsäußerungen hörbar in die Welt posaunen. Zu Hause hilft da nur ein Drücken auf die richtige Taste der Fernbedienung.

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