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Samstag, 19.03.2011
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Weekender Woche 11
 

Der nukleare Albtraum

Während Japan gegen den Supergau kämpft, überlegt die deutsche Politik, mit welchen Lügenmanövern sie das aufgebrachte Volk in Schach halten kann. Auch in Sachen Libyen dreht sich Deutschlands Fähnchen heftig im Wind.
Geschrieben von: Violetta Schäfer   
NUKULAR © flickr Miss Brendalina Badchild


Das Grauen, das die Menschheit erfasst hat, ist unvorstellbar. Noch vor wenigen Tagen schien doch alles in Ordnung zu sein und jetzt ergießt sich die Büchse der Pandora über Japan und bringt nach dem Erdbeben und dem Tsunami die radioaktive Strahlung. Und plötzlich erkennt man die Sinnlosigkeit des eigenen Daseins, das angesichts dessen, was geschehen kann, auf einmal so fragil erscheint. Da haben wir uns vor wenigen Wochen erst über den Erfolg von Sea Shepherd gegen die japanische Walfangflotte gefreut und müssen nun hilflos mit ansehen, wie der von Menschen gezähmte nukleare Drache entfesselt wird und seinen Schatten über den Großraum Tokio wirft. 

Der nukleare Albtraum Japans

In den letzten Tagen konnte man es immer wieder in den Nachrichten sehen und hören: 35 Millionen Menschen kann man nicht evakuieren. Züge stehen durch den abgeschalteten Strom still, kein Flughafen der Welt könnte es bewältigen und keine Flotte von 200.000 Schiffen wird kommen, um die Menschen zu retten. Doch die Japaner scheinen eine fast stoische Ruhe an den Tag zu legen, eine Beherrschung, die wohl in jedem anderen Land der Welt undenkbar erscheinen würde und man fragt sich hier, soweit entfernt von der Katastrophe, wie diese Menschen bei alledem so gefasst sein können. Die 50 verbliebenen Techniker im Atomkraftwerk Fukushima 1 werden als Helden gefeiert, obwohl ihr Schicksal schon längst besiegelt ist, denn im Umkreis des Kraftwerkes wurden hohe Strahlungswerte gemessen, die sich auch durch die Schutzkleidung nicht abschirmen lassen. Auch die rauchenden Trümmer der explodierten Reaktoren erwecken kaum noch die Hoffnung, dass man den Super-GAU noch abwenden könnte. Der Betreiber Tepco überlegt mittlerweile daran, das Kraftwerk mit Sand und Beton abzudecken, um den Austritt weiterer Radioaktivität zu verhindern, doch wird dies das Problem der Verseuchung von Boden und Grundwasser nicht lösen können.
Und während die Bevölkerung Japans noch versucht Haltung zu bewahren, kaufen Deutsche Apotheken leer, um sich mit Jodtabletten einzudecken oder stürmen die Elektronikfachgeschäfte, um einen Geigerzähler zu erwerben. Verkehrte Welt so scheint es fast, wenn die Telefone des Amtes für Strahlenschutz heiß laufen, weil sich besorgte Bürger vor der Strahlung vom anderen Ende der Welt fürchten.  Es macht auf eine seltsame Art und Weise betroffen, dass eine so hochentwickelte Kultur binnen weniger Tage vor einer nuklearen Katastrophe stehen kann, dem Ereignis, vor dem man sich seit Tschernobyl umso mehr gefürchtet hat.

Super-Angie hält ihr Fähnchen in den radioaktiven Wind

Der Einsatz der Atomenergie ist und bleibt immer risikobehaftet. Und obwohl seit Tschernobyl viele Jahre vergangen sind, ist unsere Technologie noch nicht weit genug fortgeschritten, als dass wir einer 2400 °C heißen radioaktiven Kernschmelze irgendetwas entgegenzusetzen hätten. Die Hilflosigkeit, mit der man Fukushima 1 gegenübersteht beeindruckte nicht nur Deutschland, sondern brachte auch die USA, Frankreich und sogar China zum Überdenken seiner Atompolitik, obwohl letzteres noch am Anfang der Woche am Bau von 32 neuen Atomkraftwerken festhalten wollte. Diese Form der Energiegewinnung galt in China bislang als saubere und sichere Alternative zu Kohlekraftwerken und Atomkraftgegner werden dort ohnehin nicht gefragt. Fakt ist, trotz aller Sicherheitsstandards erhöht sich das Risiko eines nuklearen Unfalls mit der weltweit zunehmenden Zahl an AKWs.

In Deutschland reagierte man prompt auf die Ereignisse in Japan, so kündigte Kanzlerin Merkel ein Moratorium von drei Monaten an, um die geplante Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke in dieser Zeit auszusetzen. Sollen die Anstrengungen der Atomlobbyisten wirklich umsonst gewesen sein? Aber Frau Merkel hält es wie Pippi Langstrumpf und macht sich ihre Welt, wie sie ihr gefällt. Da entwirft man mal ein Gesetz und setzt es dann im nächsten Jahr einfach wieder außer Kraft. Eine ganz ausgezeichnete Wahlkampfstrategie, für die ich Lob und Anerkennung aussprechen möchte. Denn die wichtigste Frage, die sich hier der vernunftbegabte Mensch stellt ist, warum  Atommeiler wie Neckarwestheim 1, Isar 1 und Biblis A etc. bis letzte Woche als sicherheitstechnisch so einwandfrei eingestuft werden konnten, dass man eine Laufzeitverlängerung durchaus gerechtfertigt sah. Und diese Woche ist das Risiko auf einmal so hoch, dass man diese Kernkraftwerke nur noch abschalten kann, ja sogar hofft, dass die Meiler der Sicherheitsüberprüfung nicht Stand halten, um sicher gehen zu können, dass sie nicht mehr ans Netz gehen? Alle bekannten Mängel und Gefahren waren doch bis letzte Woche schon bekannt, welchen Grund, außer der politischen Steuerung der Bevölkerung sollte es also in dieser Woche geben, um die Meinung der Kanzlerin so grundlegend zu ändern? Nichtsdestotrotz ist es richtig, dass man Konsequenzen aus Fukushima ziehen will, wenngleich offensichtlich nicht alle europäischen Länder diese Meinung teilen wollen. So gab ein Sprecher des problembehafteten Kernkraftwerkes in Temelin in Tschechien bekannt, dass man sich freue, dass Deutschland seine AKWs abschalte, dann könne man Strom nach Deutschland liefern. Bei solchen Aussagen möchte man doch fast schon handgreiflich werden …

Eine nukleare Katastrophe kennt keine Landesgrenzen, was eine länderübergreifende Regelung der Sicherheitsstandards und vor allem der Alternativen zur Kernenergie dringend notwendig erscheinen lässt.

Wo der Bürgerkrieg zur Randnotiz wird

Und während alle Welt auf Japan schaut, scheint die Krise in Libyen fast zur Randnotiz zu werden. Machhaber Muammar al-Gaddafi setzt seinen Feldzug gegen die Rebellen unbeirrt fort und bombardierte die Rebellenhochburg Bengasi bereits mit Kampfflugzeugen aus der Luft. Gaddafi handelt ohne Rücksicht auf Verluste und drohte darüber hinaus mit Angriffen auf den Seeverkehr im Mittelmeerraum. Der Uno-Sicherheitsrat berät über ein militärisches Eingreifen, um die Zivilbevölkerung zu schützen. Deutschland hält es dahingehend wie die neutralen Schweizer und wird sich an einem Krieg in Libyen nicht beteiligen.

Themen: Fukushima Gaddafi Japan Libyen
Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Ground Control to Major Tom, März 20, 2011

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Wer die Bundeskanzlerin für ihre Aussagen und ihren Richtungswechsel kritisiert, heuchelt sich selbst etwas vor. Man beantworte mir bitte folgende Frage: Was hätte sie tun sollen, ohne Kritik einstecken zu müssen?? Am Ausstieg festhalten? Steinigung. Alle Kraftwerke sofort ausschalten? Gejammer wegen hohem Strompreis, Steinigung. Eh nicht möglich! Oder? Moratorium? Steinigung wegen Richtungswechsel. Lächerlich sage ich! Sie hätte sofort zurücktreten sollen! Jawohl! Lasst die Grünen ran, lasst die SPD wieder ran, bei denen war ALLES immer richtig!!
geschrieben von Saskia, März 22, 2011

...
Wenn Wahlen etwas verändern würden, wären sie schon längst verboten. Von daher gebe ich dir recht, lieber Major Tom. Unsere lieben Politiker sind alle gleich, egal welcher Partei sie angehören.

Trotzdem stellt sich mir die Frage, wieso AKWs, die letztes Jahr noch so sicher waren, dass man sie für weitere 20 Jahre am Netz halten wollte, plötzlich so unsicher sind, dass man sie sofort abschalten lässt. Es ist weniger die Frage, was die Kanzlerin JETZT hätte tun sollen, sondern viel mehr, warum sie uns letztes Jahr so unglaublich verarscht hat. Manchmal möchte man den lieben Politikern mal wieder sagen, dass sie von uns bezahlt werden und nicht von der Industrie, in deren Dienst sie sich schlagen. Aber wer weiß, vielleicht ist es ja ganz anders...?
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