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Mein Philibuster
Deck +++ Alte Welt +++ "Im Netz bin ich Bürger"
Mittwoch, 30.09.2009
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Politiker Gerald Häfner
 

"Im Netz bin ich Bürger"

Bisher haben die großen Parteien ihr vor allem junges Wählervolk im Netz noch kaum erreichen können. Die Grünen schienen im Wahlkampf einen Schritt weiter zu sein. Wir sprachen mit dem grünen Europa-Politiker Gerald Häfner.

Geschrieben von:   
Gerald Häfner mit seiner Tochter in München


Philibuster: Niemand versteht bisher das Internet wirklich, aber ganz besonders schwer scheinen sich damit die Politiker zu tun. Wie die meisten Älteren nutzen sie das Internet nur dazu, in der alten Welt besser technisch zu kommunizieren.

Häfner: Das ist auch bei unseren Politikern weitgehend ein Generationen-Dilemma, denn die meisten Menschen sind in hohem Maße Gewohnheitstiere. Was man nicht als junger Typ gelernt hat, fällt einem schwer, später noch zu begreifen. Hinzu kommt, dass Politikern, sobald sie in höheren Ämtern sind, alles abgenommen wird. Sie recherchieren nicht selbst, sondern lassen ihre Mitarbeiter ins Netz gehen, lassen sich das ausdrucken. Sie kapieren daher nicht, was im Internet passiert, lernen nicht, sich selbst dort zu bewegen. Es gibt natürlich auch Ausnahmen, die ins Internet selbst eintauchen und dort surfen und dadurch entdecken, was da alles möglich ist.

Philibuster: So wie es für die Jungen ganz selbstverständlich ist. Sie scheinen ausgewandert zu sein, leben längst in dieser neuen Welt des Netzes und bauen sie weiter langsam aus. Das Netz wird durch sie immer deutlicher zu einer neuen Welt.

Häfner: Das kann ich nicht wirklich beantworten. Den Jungen muß man das Internet tatsächlich nicht erklären, weil sie dort zuhause sind. Es ist für sie selbstverständlich. Bei den Älteren habe ich Zweifel, ob die das noch hinkriegen. Vielleicht hat immerhin die mittlere Generation noch eine Chance. Eins müßte aber uns allen klar werden: Das Internet ist eine Kommunikations-Maschine. Es stellt bald jedem das gesamte Wissen, alle Informationen der Welt zur Verfügung. Es ist daher nicht hierarchisch, ist egalitär und ermöglicht uns so endlich Begegnungen auf gleicher Augenhöhe. Diese kommunikativere Demokratie dürfte spannend werden, jetzt im Übergang erscheint sie manchen auch ein bisschen unheimlich. Wer im Internet nicht nur surft, sondern es aktiv nutzt, taucht ein in eine Parallelwelt, die weitgehend völlig anders zu laufen scheint und auch Angst machen kann. Sie funktioniert nicht mehr von unten nach oben oder umgekehrt. Da wächst etwas heran, was sich allen Herrschaftsideen entzieht. Das ist vielen ungewohnt. Im Internet wird zum Beispiel mit Besitz anders umgegangen. Daß man sich wie in unserer realen Welt ein Recht erkauft, wäre im Internet völlig absurd. Dort wird im Grunde jeder Besitz aufgelöst, wogegen Besitzenwollen in unserer alten Welt jedes Handeln motiviert. Im Internet herrscht Offenheit, Gleichheit, eigentlich völlige Freiheit. Ich habe die Hoffnung, dass sich, je mehr Menschen sich damit weiter vertraut machen, auch die Verhältnisse in unserer Gesellschaft enorm verbessern.

Philibuster: Die Menschen, die tiefer in die Welt des Internets einsteigen, darunter vor allem die jungen, dürften da nicht mitmachen. Deshalb wirken sie ja hier so“ lasch“  und „unpolitisch“. Sie interessieren sich nicht für Verbesserungen der alten Welt, weil sie daran nicht glauben. Stattdessen bauen sie die Welt des Netzes aus. Dorthin geben sie all ihre Energie.

Häfner: Ich bewege mich selbst im Internet, komme mir da aber immer ein bisschen wie auf dem falschen Fuß vor. Ich merke dann, manche Freunde schwimmen dort bereits wie die Fische im Wasser, während ich mir noch mühsam jeden neuen Schritt erobern muß. Das Netz scheint aber zu wirken, als veränderte es meinen Blick, man stellt neue Fragen, auch die, was heute politisch ist. Meine Sorge ist allerdings, ob man aus dem Internet auch wieder heraus findet und irgendwann auch bereit ist für das Reale, also die „wirkliche Wirklichkeit“ zu verändern. Denn das Netz ist so vielfältig und komplex, daß es nicht einfach sein dürfte, seine Inhalte und die damit verbundenen Erfahrungen auch in den Alltag dieser Gesellschaft zu übertragen.

Philibuster: Das scheinen die Jungen zu wissen. Da sie nirgendwo eine Karriere in Konzernen oder Parteien verfolgen, sieht es so aus, als glaubten sie nicht an unsere Gesellschaft in der alten Form. Im Netz entwerfen sie dagegen bereits eine neue, weitaus kommunikativere Werteskala, der die Parteien nicht feindselig, sondern neugierig und wohlwollend begegnen müssten.

Häfner: Das würde ich mir auch wünschen. Allerdings antworte ich jetzt als Bürger, nicht als Abgeordneter: Wenn das oben nicht passiert, müssen vielleicht wir Bürger die Politik mehr und mehr selbst in die Hand nehmen und nicht auf die Politiker warten. In der Politik haben es neue Ideen unendlich schwer, Resonanz zu finden. Das hat zum Beispiel mit der Korruption durch Macht, durch Machtinteressen zu tun, in der Politiker nicht immer „sachlich“ handeln, also, was ist gut für den und die, sondern danach, was ist gut für die eigene Karriere oder für diese und jene Interessengruppe. Ich stimme Ihnen zu, es wäre Aufgabe der Politik, das Internet wohlwollender zu betrachten, es besser kennenzulernen. Andererseits, warum sollten die Bürger auf die Politiker warten? Die Netizens könnten sich längst mehr einmischen und über neue Formen der Politik nachdenken und sich nicht im Netz verstecken und die Entscheidungsmacht weiter an Politiker abgeben.

Philibuster: Für das Einmischen braucht man kämpferische Kraft, Durchsetzungsvermögen gegen andere, wovon man sich dann im Urlaub erholt. Nicht sehr attraktiv für die jungen Leute. Darauf setzen sie nicht. Sie brauchen alle Kraft für die neue Welt einer Netz-Community. Darin müssten endlich auch die Älteren die neue Form von Politik entdecken.

Häfner: Dazu fällt mir ein Beispiel ein: Vor ein paar Jahren hat ein Schüler in seiner Klasse einen Vortrag darüber gehalten, wie Nike in Asien Schuhe produzieren läßt. Dass Nike in armen Ländern die Menschen ohne Gesundheitsschutz, ohne Sozialabsicherung ausbeutet. Darüber waren seine Mitschüler so empört, dass sie im Internet zum Boykott von Nike aufgerufen haben. Die Zielgruppe hat sich also gewehrt und ihren Protest selbst in die Hand genommen. Daraufhin hat Nike eine wichtige Frage stellen müssen: Was können wir verbessern? Die Schüler haben umgehend einen Katalog mit Forderungen aufgestellt. Nike müsse die einbauen und nach einem Jahr wollten sie das überprüfen. Das ist eine der folgenreichen Geschichten aus dem Internet, die auch die Situation von Menschen in Indien oder Pakistan verbesserten. Auf solche Aktionen setze ich. Das ist eine neue Ebene einer letztlich direkten Demokratie. Da schaut man nicht mehr, wer hat das Geld und das Sagen, sondern man mobilisiert im Internet und verändert so das Bewusstsein. Eine sanfte Gegenmacht, die auch die so genannten Mächtigen in die Knie zwingt.

Philibuster: Es scheint diese enorme Möglichkeit sanfter Kommunikation zu sein, die alle Menschen miteinander über das Netz verbindet. Jeder fühlt sich als wichtiger Teil einer großen Community gemeint.

Häfner: Hier setzt meine Sorge ein. Ich habe eben das Beispiel deshalb gewählt, weil ich glaube, dass man den Horizont nicht zu sehr auf sich selbst einengen darf. Es reicht eben nicht, in welchen Turnschuhen ich mich selbst wohl fühle, du musst weiter schauen, wie sich die Marke anderen gegenüber verhält. Ob sie den Menschen dient oder sie ausbeutet. Wenn man sich solche Fragen im Internet stellt, ist man gleich mit der ganzen Welt verbunden. Das ist die großartige Möglichkeit des Netzes, vorausgesetzt, es wird in diesem Sinne auch für die Allgemeinheit genutzt. Erst wenn die anderen nicht zu kurz kommen, kannst du dich selbst auch gut fühlen.

Philibuster: In der Wirtschaft ist die Globalisierung, die ja ein Ableger des Internets ist, schon eine Weile angekommen. Dort hat man schnell gelernt, besser zu kommunizieren. Die Folge war ein entfesselter Kapitalismus, eben auch die Krise. Dagegen scheint der Staat nur langsam zu lernen. Er kommuniziert noch längst nicht so gut, wie es ihm die Wirtschaft vormacht. Von der Idee des Nationalstaats kann er sich bisher kaum lösen.

Häfner: Ich bin überhaupt kein Gegner der Globalisierung. Sie ist unaufhaltsam und wenn Grenzen fallen, sich die Menschen über Grenzen hinweg austauschen, nicht nur im Internet, wenn sie zusammen arbeiten, füreinander tätig sind, so verändert das allmählich die Welt zum Besseren. Es wird sicher passieren, daß wir langsam die krassen Gegensätze von arm und reich überwinden. Die offeneren Finanzmärkte und das einseitige Welthandelsrecht, die die Krise maßgeblich verursachten, gehören zur alten Welt, die mit ihren Besitzständen obsolet werden dürfte. Die Krise oder dass die Schere zwischen Reich und Arm sich immer weiter öffnet, ist also nicht der Globalisierung geschuldet, sondern alter Macht, gekoppelt mit Gier und Ausbeutung, die ungebremst die offeneren Märkte der Globalisierung missbrauchen.

Philibuster: Die jüngeren, aber zunehmend auch ältere Menschen, suchen offenbar nach einer menschlicheren,  vielleicht geistigeren Welt mit weniger destruktiven Werten und finden sie im Netz.

Häfner: Sie suchen tatsächlich, wie mir auch scheint, nach anderen Werten und Google hat das verstanden: Sie digitalisieren zum Beispiel die Bücher der Welt und jeder soll sie kostenlos lesen können und zum Souverän des eigenen Lebens werden.

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