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Deck -> Alte Welt -> Elite statt Ikea-Bildung
Mittwoch, 14.07.2010
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Hamburger Schulreform
 

Elite statt Ikea-Bildung

Volksentscheide kommen mit dem bayerischen Rauchverbot wieder in Mode. Eine Hamburger Bürgerinitiative kämpft derzeit gegen eine Schulreform nach skandinavischem Vorbild, und stellt dadurch den Stadtstaat auf den Kopf.
Geschrieben von: Maximilian Lüderwaldt   
Karriere statt Kindheit © Flickr Truthout.com
 

Seit zwei Jahren kämpft der Sprecher der Hamburger Bürgerinitiative „Wir wollen lernen“, Walter Scheuerl, nun mit seinen Kollegen gegen die Schulreform des schwarz-grünen Senats, zu der die Einführung einer sechsjährigen Grundschule, der sogenannten Primarschule gehört. Die Reform-Befürworter sind sich im Gegensatz zu Scheuerl sicher, dass längeres gemeinsames Lernen verhindert, dass Schulen eine „soziale Selektionsinstanz“ sind, in denen Lehrer ihre Schüler durch verfrühte und damit möglicherweise falsche Schulempfehlungen die Zukunft „verbauen“. Nach dem Erfolg der bayerischen Nichtraucher, schöpft Scheuerl Hoffnung. Eine Begegnung im Endspurt des Volksentscheids:

Deutsches Sieb statt skandinavischer Träumereien

Walter Scheuerl genießt es, ein paar Minuten Ruhe zu haben. Der Rechtsanwalt macht es sich auf einem grünen Stuhl bequem, doch die Farbe ist selbstverständlich nur Zufall. Scheuerl nimmt einen Schluck Wasser aus seinem Glas. Es ist so rund wie die Gläser seiner Hornbrille. Viel Zeit ist vergangen, seitdem er und andere aufgebrachte Eltern 2008 beschlossen, dass nun Schluss sein müsse mit skandinavischen Träumereien von einer Schulreform. „Bildungspolitik ist nun mal das einzige Thema, in dem sich Landespolitik profilieren kann. Da kommen schon mal verquere Ideen zustande.“, sagt Scheuerl. Große Worte sind dem Hamburger, der ein graues Fischgrätsakko zu Jeans uns Chucks trägt, sonst schwer zu entlocken. Er entschuldigt sich leise und höflich für das Verschieben unseres Gesprächs um einen Tag. Als Anwalt habe er in eine dringende Beweisaufnahme gemusst. Nun sitzt er in jener Akademie in der Nähe des Hamburger Michels. Nur gelegentlich unterbricht der 1961 in München geborene Vespa-Liebhaber seinen Redefluss, wenn draußen auf der Straße ein paar Autos knarren.

„Wieso immer Skandinavien?“ Diese Frage betet Scheuerl im heißen Endspurt vor der Volksabstimmung am 18. Juli gebetsmühlenartig herunter. Wenn er mal wieder hört, dass doch nördlich von Hamburg alles besser sei, winkt er inzwischen routiniert ab. Er entgegnet dann immer, dass zwar Deutschland im Durchschnitt schlechter abgeschnitten habe als skandinavische Länder, Hamburg sei davon aber ausgenommen. Wenig anfangen kann er auch mit den Worten der Bildungssenatorin Goetsch, die nicht nur das Berliner Modell mit sechs Jahren Grundschule als Vorbild nehmen will. Sie verkündete sogar eine „total neue Schule.“ Dabei läuft es doch in Hamburg gar nicht so schlecht, findet Scheuerl. Sein Anliegen, das Verhindern der Schulreform, stehe für den Wunsch tausender Eltern in Hamburg. „ Nicht nur in Blankenese sitzen unsere Anhänger. Auch in den weniger bürgerlich geprägten Stadtteilen sitzen die Leute und versenden Briefe gegen die Reform. Wir gehen davon aus, eine Wahlbeteiligung um die 70 Prozent zu erreichen.“

Das Ziel: Die Zwei-Klassen-Gesellschaft

Die Initiative „Wir wollen lernen“ fordert, sich weiter am „extrem erfolgreichen“ deutschen Schulsystem zu orientieren. Und was ist mit den schwächeren Schülern, Herr Dr. Scheuerl? „Die profitieren von zwei Jahren mehr Grundschule auch nicht.“ Es geht Ihnen also nur um die stärkeren Schüler? „Ganz im Gegenteil.“ Aber Ihre Sorgen gelten schon der Elite? „Nicht nur, aber auch.“ Scheuerl hat in den vergangenen Monaten noch mehr Erfahrung darin gewonnen, seinen Standpunkt überzeugend herüberzubringen. Doch auf der anderen Seite stehen nicht weniger erfahrene Medienprofis. Ole von Beust, regierender Bürgermeister der Hansestadt, ließ verlauten: „Es kann nicht sein, dass die Wohlhabenden sich nur um ihre Interessen kümmern und diejenigen, die in einer schwierigen Situation leben, nicht einmal mehr die Hoffnung oder die Chance haben, dass es besser werden kann.“

Auf solch eine Rhetorik möchte sich Scheuerl nicht einlassen. „Im Endeffekt ist es doch so, dass wir ein Anliegen haben, das wir als mehrheitsfähig ansehen, und Gebrauch von unseren demokratischen Rechten machen.“ Der langjährige Elternvertreter an einem Hamburger Gymnasium findet auch nicht, dass Ole von Beust bei einer Niederlage gehen müsste. „Er war es schließlich auch, der die Hürden für Volksbegehren heruntergesetzt hat. Es ist auch unser Ziel, Vorreiter für mehr Mitbestimmung von Bürgern im politischen Alltag zu sein“, sagt Scheuerl. Natürlich sei das Projekt, die Schulreform zu kippen, ambitioniert. „Aber gewinnen wir, profitiert davon jeder Schüler- unabhängig von der Herkunft.“ Das behaupten seine Gegner auch. Sein Glas ist nun leer. Scheuerl muss weiter- nächster Termin. Es wird spannend werden, am 18. Juli.

Nachtrag: Walter Scheuerl und seine Mitstreiter waren erfolgreich. In Zukunft heißt es wohl weiter: Elite statt Ikea-Bildung!

Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Der Tutor, Juli 28, 2010

Bildung vs. Einbildung
Das ist irgendwie wieder so typisch deutsch. Kaum machen sich mal ein paar Leute Gedanken, wie man das in die Jahre gekommene Schulsystem voranbringen kann, kommen so ein paar Elite-Heinis und wollen unbeding an Altem festhalten. Wie will man denn so jemals weiterkommen? Land der Dichter und Denker? Pustekuchen ...
geschrieben von Realitas, September 24, 2010

Re: Bildung vs. Einbildung
@Der Tutor: Da gebe ich Dir volkommen Recht. Deutschland wird nicht durch Migranten immer Dümmer (Thilo Sarrazin), sondern durch die Scheuklappen einer neokonservativen Bürgerschicht. Nur nichts neues ausprobieren. Als könnte man bei unserem Bildungssystem noch irgendetwas kaputt machen ...
geschrieben von fünfeuronen, September 27, 2010

...
Geld das sonstwo rausgehauen wird, und dann wird mit einer 5,-€-Erhöhung des ALG-IIs geprahlt; inkl. der angeblichen Möglichkeiten für ALG-II-ler, die Kinder auch im Freizeitbereich zukünftig sinnhaft betreuen zu lassen. Peinlich.
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