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Mein Philibuster
Deck +++ Alte Welt +++ Tunesien steht auf
Mittwoch, 29.12.2010
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Proteste
 

Tunesien steht auf

Ausgelöst durch den Selbstmord zweier junger Männer begannen Mitte Dezember in Tunesien Proteste nie da gewesenen Ausmaßes gegen das autoritäre Regime des Präsidenten Zine el-Abidine ben Ali – Grund genug für die Weltöffentlichkeit, mal wieder elegant wegzuschauen.
Geschrieben von:   
Anarchy in Tunisia © Philibuster


Nein zum Elend und Nein zur Arbeitslosigkeit! – das waren die letzten Worte des arbeitslosen Jungakademikers Mohamed Bouzizi aus Sidi Bouzid, bevor er sich Mitte Dezember mit Benzin übergoss, sich selbst anzündete und an seinen schweren Verletzungen starb. Polizeibeamte hatten kurz zuvor seinen Wagen und die darin befindlichen Lebensmittel beschlagnahmt und damit die bescheidenen Pläne Bouzizis, als Gemüsehändler die Familie durchzubringen, torpediert. Ein Selbstmord, geboren aus Verzweiflung und Protest, jedoch verbunden mit einem berufsbiographischen Misskontext, der stellvertretend Massen junger Tunesier betrifft: Endstation Arbeitslosigkeit. Vor allem junge Akademiker trifft es – knapp 30 Prozent von ihnen landen direkt nach der Universität im Erwerbslosenstatus. Und der Tropfen, den Bouzizi mit seinem Suizid in den brodelnden Kessel warf, brachte anscheinend das Fass zum Überlaufen: Es folgten Proteste, zunächst in Bouzizis Heimatort Sidi Bouzid, dann nach und nach in weiteren Städten Tunesiens und auch in der Hauptstadt Tunis. Zudem ein weiterer Selbstmord: Ein junger Mann kletterte einen Strommast hoch und verkündete einen an Bouzizi angelehnten Protestruf nach Abschaffung von Armut und Elend, bevor er seine Hand an die Stromleitung legte. Seitdem sind mehrere tausend Tunesier auf den Straßen gewesen, um zu protestieren – das mag mancher Seele unseres Landstrichs, nach deren Gusto eine extraordinär anmutende Protest-Veranstaltung erst im fünfstelligen Bereich die Bezeichnung „Massenkundgebung“ verdient, lächerlich klein vorkommen, ist jedoch eine Courage-Sensation für Tunesien und die arabische Welt insgesamt. Und es wird spannend werden, wenn am 3. Januar die tunesische Universitätspause vorbei sein wird und sich gegebenenfalls die Studenten zum Protest organisieren werden.

Die paradiesische Diktatur


Tunesien, hm, was war das noch mal für ein Land? Ach ja, dieses Urlaubsparadies, wo man quasi für lau einen exquisiten Urlaub abfeiern kann – inklusive feiner und bezahlbarer Lektionen in Cocktailogie und der hohen Wahrscheinlichkeit, mehr als hundertmal am Tag zum Zielobjekt des berühmten arabischen Servicelächelns zu werden. Zudem ein hervorragender Wirtschaftspartner für Deutschland: Tourismus, Textilindustrie, Automobilzulieferer und so weiter und sofort. Das ganze garniert mit dem politischen Anführer ben Ali, der an einem ideologiefreien Vakuum fürs Land bastelte, indem er den Islamisten seit jeher und rigoros das politische Mitspielen verbot und auf arabisch-nationalistische Tendenzen verzichtete. Dafür kann man dann natürlich auch die Kehrseite der Medaille im vollen Glanz bewundern: Mit der Zerschlagung islamistischer Tendenzen ging nämlich parallel die Zerschlagung von Demokratieansätzen und Zivilgesellschaft einher, begleitet von anderen unschönen Randphänomenen: Presse- und Meinungsunfreiheit, Gefängnisse voller politischer Gefangener, Berufsverbote für Regimegegner, das Fehlen einer pluralistischen Gesellschaft – Probleme, die in allen arabischen Ländern mehr oder weniger ausgeprägt existieren, aber gerade im Falle Tunesiens durch die grellbunte Maske des Fortschritts und der „Aufklärung“ verschleiert wurden. Vor allem die scheinbare wirtschaftliche Progressivität Tunesiens scheint passgenau dem westlichen Evolutionsideal der Produktivität zu entsprechen – trotz der Dreifaltigkeit Billiglohn, Arbeitslosigkeit und hoher Kreditvergabe, um trotz allem der Bevölkerung Konsum irgendwie möglich zu machen.

„Stabilität statt Freiheit“: Ein Verlustgeschäft


Obschon längst klar, dass Tunesien nie etwas anderes gewesen ist als ein Polizeistaat, ließ man ben Ali – selbstredend immer begleitet vom westlichen Applaus oder dezentem Wegschauen - nahezu kritiklos schalten und walten. Er ist mittlerweile zum fünften Mal sein eigener Nachfolger, und falls er mal nicht mehr sein sollte, stehen schon einige Anwärter aus seiner Blutsreihe Spalier, um den warm gesessenen Stuhl des Herrschers einzunehmen. Gegenstimmen mussten sich also schon immer vermehrt und einsam im eigenen Land sammeln – nahezu ohne Unterstützung des Auslands. Tunesien, so fasste einst der wichtigste tunesische Intellektuelle Mohamed Talbi in „Penseur Libre en Islam“ zusammen, sei „eine äußerst stupide Diktatur“. Und er warnte schon vor knapp einem Jahr den Westen davor, den Blick vom politischen Unheil Tunesiens abzuwenden: "Ben Ali ist schlimmer als Gott, denn Gott kennt immerhin Erbarmen. Das Touristenparadies Tunesien ist eine Diktatur. Das freie Wort ist verboten. Wer schweigt, macht sich schuldig. Schreiben Sie den deutschen und europäischen Politikern ins Stammbuch: 'Mit eurem Schweigen unterstützt ihr die Diktatur.'" Deutschland schweigt auf jeden Fall immer noch – auch angesichts der unverhältnismäßigen Gewalt, mit der gegen die Protestler angegangen wird. Grund genug, mal den einen oder anderen Satz in einigen Büchern zu hinterlassen. Und derweil formiert sich der Protest, der in Tunesien bisher noch relativ unorganisiert ist, weiter. Es sind vor allem die jungen Menschen und das akademische Proletariat, das sich auf der Straße tummelt. Und das nachdem ben Ali im August lustigerweise das offizielle „Jahr der Jugend“ ausrief. Nun hat er auf jeden Fall schon Mal den ersten Monat der Jugend hinter sich – und so wie es aussieht, werden auch noch ein paar weitere Wochen oder gar Monate folgen.

Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Carsten, Dezember 29, 2010

...
Man kann froh sein, dass zumindest die Blogger der Nachrichtenpflicht ordentlich nachkommen - wenn der Rest der deutschen Medienwelt schon so kläglich versagt.
geschrieben von Hannibal, Dezember 30, 2010

Aus Tunesien
sehr guter Artikel. Die MSM sollten sich Beispiel dran nehmen.

Die 300 Mio teure A340 des Presidenten ist in ständiger Bereitschaft für den Fall der Fälle. Einiger hoher Polizeibeamter bekundeten den Demonstranten ihr Verständnis.Die Lage ist brisant und könnte sich noch mehr hochschaukeln.

Ben Ali hätte den Demonstranten den Wind aus den Segeln nehmen können, hätte er Verständnis für den Jungen gezeigt der sich verbrannte. Stattdessen diffamiert er die Protestler als Extremisten und gießt Feur ins Öl. Damit bestätigte er seine intollerante und autoritäre Art und beschleunigte sein kommendes Ende.

Kleiner Zusatz: Noch verhasster als der President ist seine Frau Leila und ihre Familie die Trabilsis. Sie haben sich alle Schlüsselunternehmen unter den Nagel gerissen und lassen sich von den nationalen Banken illemitierte Credite geben. Sie zerschlagen die Konkurrenz und üben ungeheurlichen Machtmissbrauch aus.
Wenn man keine Ahnung hat einfach mal die Fresse halten, wenig bewertet [Anzeigen]
geschrieben von pivi, Januar 02, 2011

Alles nur Show!
"Eigentlich hatte er Verständnis für den Jungen gezeigt. Er besuchte ihn nur 2 tage danach im Krankenhaus des weiteren besuchte er die Familie und bot ihnen seine Hilfe an.... "

Das ist doch alles nur eine glanzvoll inszenierte Show, wie alles Show ist, wenn er sich in der Öffentlichkeit präsentiert und sich von seinem bezahlten Publikum feiern lässt!
geschrieben von Anonym, Januar 02, 2011

23 Jahre Tiefschlaf !!!
Unglaublich wie einige Leute auf solche Szenen reinfallen und es hoch bewerten, dass ein Präsident einem Jungen seine Hilfe anbietet, nach dem er sich umbringen wollte. Zuvor wollte ihm aber keiner helfen. Erst nach dem es Unruhen im Land gegeben hat, besucht er ihn im Krankenhaus. Und was ist mit all den anderen "Extremisten" wie Zine el-Abidine ben Ali sie bezeichnet, brauchen diese seine Hilfe nicht???? Warum sollen die bestraft werden? Viele Menschen sind geblendet von der schönen heilen Welt in Tunesien. Aber was sich hinter dieser Fassade verbirgt, interessiert keinen bzw. den jenigen den es gut geht in Tunesien, nämlich diejenigen die ihre Augen verschließen und zu all dem, was ihnen ihr Gott (Präsident oder Diktator) befiehlt, ja und Amin sagen. Und solange es solche dummen und egoistischen Menschen gibt, wird es immer einen Diktator geben, der sich nichts sagen lässt. Daher kann man auch nicht Zine el-Abidine ben Ali die ganze Schuld geben. Er war nur schlau und hat gesehen, dass sein Volk 23 Jahre geschlafen hat. Hoffentlich ist das Volk endlich aus seinem Tiefschlaf erwacht!!!!
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