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Sinnsuche
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"Religionen bedeuten Krieg" |
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Mit der Mitfahrzentrale in einem VW Passat nach München und plötzlich bin ich unter neuen Freunden mitten zwischen Minarett, Kirchtürmen und der Sehnsucht, Gott nicht da draußen zu finden. |
| Geschrieben von: Christa Ritter |
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Religion ist auch keine Lösung © Flickr / Marty Stone
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Vier bis sechs Stunden auf der Autobahn von Düsseldorf nach München liegen vor mir. Ich habe kein eigenes Auto und die Bahn wird immer teurer , daher setze ich mich an diesem Morgen, von der Mitfahrzentrale im Internet vermittelt, vor dem Hauptbahnhof in einen silbernen VW Passat zu Tom, dem glatzköpfig geschorenen Fahrer und zwei weiteren Mitfahrern wie ich: die sehr jungen Nikko und Kasper. Der Wagen ist ziemlich neu, bequem und schnell. Hinter dem Hildener Kreuz geht die Wintersonne auf, während ich meine Mitreisenden bereits kennen lerne. Mitten im Minarett Tom ist heute früh gelandet, hatte zwei Wochen in Ägypten mit Freunden privat ein Haus am Meer gemietet. Sie sind viel getaucht und haben sonst Party gemacht: „Wie man das so mit Freunden tut.“ Er schmunzelt. Nikko ist Perserin (wie sie betont), studiert Steuerrecht und besucht in München ihren Ossi-Freund aus Chemnitz. Kasper will Freunde besuchen, studiert BWL, interessiert sich aber mehr für seine Band und ein Nomadenleben: „Wir sind mehr als das halbe Jahr mit unserem VW-Bus unterwegs durch Deutschland und spielen unsere Gigs.“ Der Wagen schnurrt bereits gleichmäßig schnell, die Autobahn ist trocken, wenig Verkehr. Obwohl wir uns eben erst trafen, sind wir plötzlich mitten im Minarett, hören virtuell den Muezzin (alle: „Wunderschön, würden wir gern öfter hören!“) und die Kirchenglocken („Stört manchmal, dieses Gebimmel!“) und es stellt sich schnell heraus, dass wir alle Vier schon im Morgenland unterwegs waren, daher in einer Moschee knieten und religiöse Ekstase schnupperten. „In Deutschland muss man seit Hitler offiziell Ekstase vergessen,“ sage ich und die anderen nicken. „Nur Komasaufen,“ murmelt Kasper und grinst zu mir nach hinten. Er allerdings kennt Ecstasy und Kiff und es stellt sich heraus, dass er ein ziemlich entspanntes Kind von Hippie-Eltern ist. Sie wurden sein Vorbild, weil sie noch immer locker drauf sind: „Noch heute hängen sie ab und fühlen sich nicht zum spießigen Leben verpflichtet.“ Seine Eltern sind jahrelang in einem mit Zebrastreifen bemalten VW-Bus durch Afrika gegondelt. Die Sandrosen, die sie in der Wüste fanden, haben sie verkauft und davon eine Weile gelebt. Später wurden sie sesshaft und lebten in Tanger, wo er geboren wurde. Der Vater arbeitete in der Botschaft, später auch in Prag. „Als die Mauer fiel, hab ich dort den Genscher erlebt und wie der kalte Krieg in einem verrückten Tanz in der Botschaft zu Ende ging“. Kasper strahlt. Nikko (das heißt: die Gute/Schöne) ist in Teheran geboren und kam mit 9 Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland. Sie hat wunderschöne Augen wie die Prinzessinnen in persischen Märchen. Sonst: enge Hosen, offenes schwarzes Haar. Alle zwei Jahre besucht sie ihre Heimat. „Meine Familie hat ganz am Rand der Stadt eine eigene Wohnung und von dort aus kann ich in die einsamen Berge schauen.“ Auf der Suche nach dem Sinn Diesen Blick in die Weite liebe sie. Dann sind wir plötzlich doch wieder bei den Minaretten, denn Tom sagt, dass er einmal länger in St.Gallen lebte. Schweiz. „Die haben ein Rad ab, halten die Zäune hoch und niemand kann ihnen was.“ Mit der schweizerischen Engstirnigkeit hätte er sich nie wohl fühlen können. Aber die Deutschen, so Umfragen, würden sich ähnlich gegen Minarette und verschleierte Frauen entscheiden, heißt es. „Der Sarrazin ist ja auch ein kluger Mann“, werfe ich ein, „die Schere im Kopf, die müssen wir Deutsche, auch er, immer noch einhalten“. Pause, Nicken. Nikko wird heftig: „Ich finde, dass man das Land achten muss, in das man auswandert.“ Sie hätte schon bald, noch als Kind, ein perfektes Deutsch sprechen wollen. Nikko findet die Türken, aber auch andere Muslime engstirnig. „Obwohl sie in den aufgeklärten Westen wollen, machen sie selbst das Gegenteil. Furchtbar!“ Sie könne die Schweizer verstehen: Alte Männer mit Bart und düsterem Blick, die Frauen missachten. „Terroristen sind doch eine Minderheit, überall in diesen islamischen Ländern,“ sagt Tom. Dass wir vor ihnen kuschen, heiße doch nur: Die Westler haben ein schlechtes Gewissen. „Wir sind entwicklungstechnisch brutaler gewesen, haben sie sogar ausgebeutet und bald sei das Öl alle.“ Ich ergänze: „Kreuzzüge und später nur ein Ziel: Aufklärung. Das Paradies auf Erden zu holen, während die Moslems sich noch brav gen Mekka verneigten.“ Tom flüstert so was wie: „ Die haben ja recht, wenn sie unseren Götzen Geld und Erfolg misstrauen.“ Ein Leben ohne Sinn sei für ihn krank. „Sonst kannst du dir gleich die Kugel geben.“ Er hätte aber die Moderne überall, auch in den islamischen Ländern gesehen, gestern noch in Kairo. „Da leben Menschen wie wir. Modern, gebildet. Die siehst du aber nicht im Fernsehen.“ Nikko war vor kurzem in Istanbul: In den Straßen stand sie vor herrlichen, alten Häusern, die Händler wie früher in den Gassen, die Frauen mit Kopftuch und langen Mänteln und schon ein paar Straßen weiter lachende junge Frauen mit blond gefärbten Haaren vor Flagstores, Männer in T-Shirts, die ihre Begleiterin vor aller Augen küssen. „Krass ist dieser Unterschied, nur fünf Minuten auseinander.“ Abschied von den Weltreligionen Oh ja, ich erinnere mich an Kreuzberg. Aggressiv wirkende Gangs kommen bedrohlich auf mich zu, verstummte und vermummte Frauen in langen Mänteln über den breiten Hüften hinter ihnen. Keine Aussicht, nirgendwo, stelle ich mir vor. „Religionen bedeuten Krieg,“ sagt Tom. Das sei Macht und Herrschsucht und Wahn, und so wären alle Weltreligionen. Davon hätte er sich schon lange verabschiedet. Durch ein Erlebnis mit 28. Was das denn gewesen sei, fragen wir alle gleichzeitig. „Ich stand hinter unserem Haus und schaute in den Wald und plötzlich war alles anders. Schwer zu beschreiben. Ich spürte etwas und wusste, dass ich mit allem um mich Eins bin. Alles war Liebe. Verrückt.“ Aber seitdem unvergesslich. „Von da an habe ich mein Leben verändert.“ Er las Krishnamurti und fuhr sogar zu einem deutschen Weisen nach Rütte in den Schwarzwald: Graf Dürkheim. „Kennst du den?“ Ja, schon vor langer Zeit von ihm gelesen. Dieses ganze Kirchenzeug sei ihm, einem Katholiken, endlich grundsätzlich abhanden gekommen. „Trotzdem liebe ich immer noch, den Muezzin zu hören“. Aber der sänge eben etwas, das er in sich spüre. „Das hat mit der Religion des Islam wenig zu tun.“ Der Orient habe auch eine spirituelle Seite, Sufis und Derwische. Kasper murmelt nur: „Abgefahren!“ Diese Reise scheint ihm zu gefallen. “Ja“, sage ich noch: „einmal habe ich Jesus gesehen“. Der stand auf den Sanddünen der Insel Lamu und hätte mich angelächelt. „Ohne Schmarrn.“ Tom dreht sich bei 180 zu mir um und schaut mich mit seinen grünen Augen ernst an. Nikko verteilt Kaugummi. Es scheint: wir sind Freunde und waren es schon immer. Email-Adressen werden ausgetauscht. Kasper murmelt: „In meinem Kopf rattern noch lauter Fragen.“ Bis bald. Kommentare zu diesem Artikel:
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