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Deck +++ Alte Welt +++ Superheldenjäger mit Legitimationsproblem
Samstag, 19.10.2013
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Wie sich TV-Amerika mit der totalen Überwachung versöhnt
 

Superheldenjäger mit Legitimationsproblem

Im US-TV legte Agents of S.H.I.E.L.D., ein Spin-Off der Marvel-Superhelden-Filme, gerade den besten Serienstart seit vier Jahren hin. Doch erscheinen die Stories rund um geheimdienstliche Überwachung wie eine Versöhnung Amerikas mit der NSA.
Geschrieben von: Julian Dörr   
Haben die Gesichtskontrolle beim Casting bestanden: Geheim-Agenten


Wäre Franz Kafka ein zeitgenössischer Autor, der berühmte erste Satz seines Romans Der Prozeß würde wohl wie folgt lauten: "Jemand musste die Datenströme des Josef K. überwacht haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." Die Verleumdung, die Denunziation von Individuen durch Individuen, erscheint im Jahr des Edward Snowden und der NSA-Affäre wie ein immer schwächer werdender Funkspruch aus einer vergessenen analogen Welt.

Bespitzelung im großen Stil – von jeher das Steckenpferd der Geheimpolizei in totalitären Staaten. Gestapo, Stasi, die fremden Männer in Josef K.s Zimmer. Das Erschütternde an den Enthüllungen Snowdens, eines ehemaligen Mitarbeiters der amerikanischen National Security Agency (NSA), zeigte sich jedoch in der Bestätigung düsterer Vorahnungen: Technischer Fortschritt führt zu effektiverer Überwachung. Ein System, vor dem selbst große Demokratien wie die USA und Großbritannien nicht zurückschrecken.

Für Volk, Vaterland und Sicherheit

Die westliche Welt steht deshalb heute vor einem Legitimationsproblem. Ist diese organisierte Überwachung von weltweiten Datenströmen tatsächlich die einzige Möglichkeit zur Wahrung der Sicherheit des Einzelnen? „Defending Our Nation. Securing The Future“, verspricht der Schriftzug auf der Website der NSA. Und auch der deutsche Innenminister Friedrich sprang reflexartig hinterher in diese Nesseln, als er vom „Supergrundrecht Sicherheit“ fabulierte.

Verlassen wir nun für einen Augenblick die Mühlen der globalen Politik und wenden uns den aktuellen Serienstarts im US-Fernsehen zu. Dort bescherte ein Spin-Off aus dem Marvel-Universum dem Sender ABC vor wenigen Wochen die erfolgreichste Premiere seit vier Jahren. Agents of S.H.I.E.L.D., soeben erst auf eine volle, erste Staffel verlängert, erzählt die Geschichte eines kleinen Sonderkommandos innerhalb der großen Geheimorganisation S.H.I.E.L.D.: menschliche Agenten und Spione ohne übernatürliche Fähigkeiten, die sich aber nichtsdestotrotz mit übermenschlichen Gegner und Superhelden herumschlagen müssen.

Kannst du deinen Feind nicht bezwingen - kaufe ihn!

Schon die erste Folge der Comic-TV-Verfilmung bügelt einen kafkaesken Prozess gnadenlos auf Happy End. Die Hackerin Skye (Chloe Bennet) wird von den Agenten Coulson (Clark Gregg) und Ward (Brett Dalton) entführt und verhört. Sie gehört zu den Aktivisten von "The Rising Tide" (lies: WikiLeaks, Occupy Wall Street o.ä.) und sie weiß zu viel. Doch die Agents of S.H.I.E.L.D. kennen weder Folter, Flucht noch Asylverfahren. Stattdessen gewinnen sie die junge Skye, Digital Native und autoritätsskeptisch ("Billions of dollars of equipment at your disposal and i beat you with a laptop?"), für ihr Team. Welch großartige Narration! Welch wunderbare Versöhnung! Das System beseitigt alle Widerstände und verleibt sich die kritischen Whistleblower einfach ein.

Agents of S.H.I.E.L.D. liefert zwischen reichlich Action und allerlei technischem Feuerwerk eine fiktionale Blaupause: Wird hier auf der Metaebene versucht, ein ganzes Land von der Notwendigkeit einer geheimen Überwachung zu überzeugen? Frei nach dem Motto "Wenn ich meine Bürger nicht mehr von Washington aus erreichen kann, dann hole ich sie da ab, wo sie sowieso ihre ganze Zeit verbringen: vor dem Fernseher"?

Buffy - The Vampire-Observer?

Höchst erstaunlich für europäische Augen und Ohren ist die Leichtigkeit, Süffisanz und Sattelfestigkeit, mit der sich diesem Thema genähert wird. Auf die gebluffte Frage, wer zur Hölle er denn sei, antwortet Agent Coulson gegen die Motorhaube seines roten Sportwagens gelehnt: "A concerned citizen. Who happens to be a member of a giant bureaucratic organization that’s tracking your every move." Das ist so überspitzt, man könnte Joss Whedon (Buffy, Firefly, Marvel’s The Avengers), dem Macher der Serie, beinahe kritische Tendenzen unterstellen.

So hochaktuell die Thematik, so staubig ist die Umsetzung der neuen Serie. Die einzelnen Folgen von Agents of S.H.I.E.L.D. sind in sich dramaturgisch geschlossen, bisher entfalteten sich nur wenige Erzählstränge, die über den Rahmen einer Folge hinausreichen. Auch Drehorte und Ausstattung wirken wenig zeitgemäß und erinnern in ihrem Hang zum eindeutigen Bild an eine Mischung aus Criminal Minds und Relic Hunter.

Hingabe an den "Großen Bruder"

Am Ende ist Marvels TV-Spin-Off eine Geschichte, die von der Zeit, in der sie spielt, überholt wurde. Warum die Bedeutung der Affäre rund um NSA, PRISM und Snowden von den Bürgern dies- und jenseits des Atlantiks jedoch so unterschiedlich aufgefasst wurde, erklärt ein Blick auf die amerikanische Kultur. Und auf Argumentationsmuster, wie sie auch Agents of S.H.I.E.L.D. vermittelt.

Denn natürlich ist der Mann, der sich für den freien Fluss von Informationen und den Schutz der Privatsphäre vor staatlichen Eingriffen einsetzt, gleichzeitig auch ein größenwahnsinniger Superschurke, der in seiner Villa auf Malta versucht, das Gravitationsfeld der Erde außer Kraft zu setzen. Und natürlich können nur die Männer in Schwarz dieses Unglück verhindern, unter Missachtung aller nationalen Hoheiten und Gesetze. Die Zukunft des unwissenden Bürgers, einmal mehr verteidigt. Wäre George Orwell ein zeitgenössischer Autor, die berühmten letzten Sätze seines Romans 1984 wären treffender denn je: „But it was all right, everything was all right, the struggle was finished. He had won the victory over himself. He loved Big Brother.“



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