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Deck +++ Alte Welt +++ Zahnloser Köter in Cancún
Mittwoch, 15.12.2010
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Kommentare (3) Drucken
 
Weltklimakonferenz
 

Zahnloser Köter in Cancún

Wer braucht schon das Klima, wenn man Klimaanlagen hat? Unter dieser Prämisse schien einmal mehr die Weltklimakonferenz in Cancún gestanden zu haben. Deren Ergebnis wird von den einen gefeiert und von den anderen verteufelt.
Geschrieben von:   
Von wegen Prima Klima - droht bald die Einschläferung? © Flickr biblicone


Globale Erwärmung? Allein die Vorstellung fällt schwer, wenn ganz Europa unter Minustemperaturen und Blitzeis zittert. Kein Wunder, dass sich da auch für Klimaziele keiner so richtig erwärmen kann. Ist ja auch kalt draußen. Da drehen wir doch erst mal die Heizung auf volle Pulle und suchen uns bei Expedia ein tolles Reiseziel im sonnigen Süden. Mir doch egal, wie viel CO2 der Flieger in die Luft bläst.

Tatsächlich endete aber gerade erst die 16. Klimakonferenz in Cancún, die in den Medien immerhin pflichtbewusst Erwähnung findet und kurz vor den Fußballergebnissen noch mit aufmunternder Mimik zum Erfolg erklärt wird. Erfolg? Alles eine Frage der Relation. Denn im Vergleich zur letztjährigen Klimakonferenz in Kopenhagen einigte man sich in Cancún immerhin auf ein Minimalziel, ein Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll gibt es jedoch bisher nicht. Dieses Minimalziel ist die Einigung darüber, dass die Erderwärmung nicht über 2 Grad gegenüber den vorindustriellen Werten steigen dürfe. Ein hehres Ziel, wenn man sich doch auch gleich überlegt hätte, wie man da hinkommt!
Die ebenfalls beschlossene Einrichtung eines Klimahilfsfonds läuft allenfalls unter Symptombekämpfung, und die Erarbeitung neuer Systeme für den Emissionshandel hat den schalen Beigeschmack zwielichtiger Geschäftspraktiken.

Ein Fliegengewicht in der Sumo-Klasse

Die Presse titelt derweil, dass Bolivien beinahe noch die Beschlusslage gekippt hätte. Tz tz tz, böses Bolivien. Das kennen wir ja schon von den USA, China und Pakistan, auch alles ganz üble Burschen. Doch halt, der geneigte Leser erfährt dann doch noch, dass die bolivianische Abordnung nur einem Anstieg der Erderwärmung um 1,1 Grad zustimmen wollte. Die erzielten Vereinbarungen gingen der Andenrepublik einfach nicht weit genug. Dennoch gewinnt Bolivien mit dieser Haltung keinen Blumentopf, schon gar nicht, nachdem alle anderen Entwicklungsländer letztlich dem als Erfolg deklarierten,  halbherzigen Beschluss zugestimmt haben.

Die Politik hingegen feiert sich selbst und zeigt mit dem Finger auf die Bolivianer, die fast dafür gesorgt hätten, dass der Klimagipfel ebenso ergebnislos bleibt, wie der vom letzten Jahr (und dem Jahr davor, und dem Jahr davor, … ).

Die USA – immerhin eines der Schwergewichte, was den Ausstoß von CO2 betrifft – üben sich weiterhin in vornehmer Zurückhaltung. Auch unter Barack Obama konnte sich noch niemand zu einer Ratifizierung des Kyoto-Protokolls durchringen. Ob die Halbzeit von Obamas Präsidentschaft auch gleichzeitig Aussagen über seine Halbwertszeit zulässt? Momentan kann er sich in seinem krisengebeutelten Land wohl keine andere Haltung leisten, würde das doch Einschnitte für die ohnehin kränkelnde Wirtschaft bedeuten. Doch damit macht er sich zur bloßen Marionette der Lobbyisten und Konzerne. Ist es das, was er mit „Yes, we can!“ meinte?

China hingegen, der Klimakiller auf der anderen Seite der Welt, nimmt für sich weiterhin den Status eines Entwicklungslands in Anspruch. Was mag wohl die Definition eines Entwicklungslands sein, wenn China hinter der EU und den USA das größte Bruttoinlandsprodukt aufweist? Keine Frage, in China profitiert ein großer Teil der Bevölkerung noch nicht vom Wirtschaftswachstum. Darf es aber die internationale Gemeinschaft zulassen, dass Länder wie China, Indien und Pakistan in Sachen Klimaschutz dieselben Fehler machen, wie die Industrienationen? Ist natürlich schwierig mit dem Finger auf andere zu zeigen, wenn man sich selbst auch nicht einschränken will.

Und was war eigentlich Deutschlands Rolle in Cancún, Herr Röttgen? Auch Deutschland (und das trifft übrigens auch für die EU zu) hat sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Man stellt sich unweigerlich die Frage, wie wichtig uns eigentlich eine Einigung beim Klimaschutz ist. Bei Verkehrs- und Energiepolitik markiert Deutschland sogar den Bremsklotz.

Doch vielleicht ist Norbert Röttgen in der Position des Bundesumweltministers auch nicht optimal besetzt. Das „Untertan-Machen“ der Erde müsse im Sinne des bewahrenden, pflegenden, liebenden Gärtners verstanden werden. Das sagte er im März bei einem geistlichen Themenabend mit Hinweis auf das Alte Testament. Vielleicht ist diese Vorstellung in der aktuellen Klimadebatte eine Spur zu romantisch, um wirklich ernst genommen zu werden. Aber dennoch sieht ein Umweltminister mit Biss anders aus. 

Unterlassene Hilfeleistung

Die Einigung auf dem Klimagipfel in Cancún verkommt zu einer reinen Absichtserklärung, ohne rechtlichen Bestand. Greenpeace bringt es dahingehend auf den Punkt, dass Cancún den Prozess zur Erarbeitung eines Klimaschutzvertrags gerettet habe, aber noch nicht das Klima selbst.

So lange die einzelnen Staaten nur ihre eigenen Wirtschaftsinteressen im Auge haben, wird sich daran auch nichts ändern. Es fehlt weltweit an Politikern, die den Mut haben an die Zukunft zu denken und nicht nur an die nächste Wiederwahl. Da wundert es nicht, dass die Nachrichten von einem Klimagipfel niemanden mehr hinter dem warmen Ofen hervor locken.

Die UN-Klimakonferenz ist ein schwacher, zahnloser Köter, der einmal in seinem Leben in Kyoto einen Preis gewonnen hat und dem man nun eine Vitaminspritze verpasst hat, damit er es ein weiteres Jahr macht. Hoffen wir für uns, dass man sich in Durban 2011 nicht dafür entscheidet, ihn einzuschläfern.

Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von scribine, Dezember 15, 2010

...
Es ist schon merkwürdig wie auch online-medien in die Falle der sogenannten mainstream-blättchen tappen.
Ihr Artikel, verehrte Saskia Schäfer zeigt es deutlich:
Sie bemängeln, dass nur "am Rande" über Cancun berichtet wurde - und tun es ebenfalls.

Für mich, und ich denke für viele Menschen weltweit, war Evo Morales der einzige Politiker, der die gesamte Problematik auf den Punkt gebracht hat:
". . .Aber wir hören auch mit großer Besorgnis von der grünen Wirtschaft. Wir sind hier nach Cancún in Mexiko gekommen, um die Natur zu retten, um den Wald zu retten, damit auch den Planeten Erde zu retten. Wir sind nicht hierhergekommen, um die Natur in eine Ware zu verwandeln, wir sind nicht hierhergekommen, um das Überleben des Kapitalismus mittels Kohlenstoffbons zu erleben. Der Wald, die Natur ist etwas Heiliges für die Völker der Welt, und wir können nicht zulassen, dass neue Politiken für das Überleben des Kapitalismus eingeschlagen werden."

Ich glaube, dass es dringend nötig ist, dass wir, schon lange nicht mehr "bodenständigen" von sogenannten zivilen Errungenschaften künstlich am Leben gehaltenen Plastikmenschen, endlich erkennen müssen, dass dieser way of life eine Sackgasse ist.

Warum fangen wir nicht an, uns wieder mit der Erde, dem Boden und unserem Part innerhalb der Natur ernsthaft zu beschäftigen - und vor allem, warum zwingen wir nicht unsere sogenannt demokratisch gewählten Damen und Herren Politiker dazu, endlich "ihre Arbeit" zu machen und wenigstens im Ansatz die Thesen von Morales zu durchdenken?

Warum machen Journalisten nicht den Anfang und hinterfragen zuerst sich und dann/oder gleichzeitig unsere Lebensart?

Erst wenn wir diese "Arbeit" leisten, können wir uns ein Urteil über Morales erlauben - und der hat schon jetzt Anspruch auf alle Blumentöpfe der Welt.
geschrieben von David, Dezember 15, 2010

Einfach mal...
... seinen persönlichen "Ökologischen Fußabdruck" berechnen. Er wird verstanden als die Fläche auf der Erde, die notwendig ist, um den Lebensstil und Lebensstandard eines Menschen (unter Fortführung heutiger Produktionsbedingungen) dauerhaft zu ermöglichen. Siehe z.B.

http://www.gjgt.de/fussabdruck/

Wirklich, klickt die 33 Fragen mal durch. Da wird schnell klar, dass jeder bei sich selbst anfangen könnte und auch müsste! Nur wäre das mit ein bisschen Verzicht verbunden. Und deshalb wird´s nix :-(
geschrieben von Saskia, Dezember 16, 2010

...
@Scribine: Ich gebe Ihnen recht, dass wir generell unseren Lebensstil überdenken sollten und uns viel stärker mit den Forderungen nach einem nachhaltigen Way of Life auseinander setzen sollten.

Ich sehe dies jedoch als Aufgabe, die jedem Einzelnen zukommt und die auch jeder Einzelne für sich angehen muss. Es ist nicht Aufgabe der Journalisten, für alle mitzudenken, sondern aufzuzeigen, hinzuweisen und ggf. Mißstände auch anzuprangern.

Die Politik wird von Wirtschaftsinteressen getrieben, denen immer noch das Geld der Verbraucher zugrunde liegt. Wir alle sind Verbraucher und müssen unsere Nachfrage verändern. Doch so lange wir (billigen) Atomstrom wollen, gibt es auch keine Anreize in erneuerbare Energien zu investieren. Dies ist nur ein Beispiel. Den Druck auf die Wirtschaft und Politik können somit nur wir als Verbraucher aufbauen.

Die Frage ist also nicht, warum nicht die Journalisten den Anfang machen, sondern warum nicht wir - Sie, ich, jeder einzelne Verbraucher - den Anfang macht den Status Quo nicht nur zu hinterfragen, sondern konkret etwas an seiner Lebensweise zu ändern.

Wenn Sie den Artikel aufmerksam gelesen haben, werden Sie sehen, dass ich an Morales bzw. der bolivianischen Abordnung keine Kritik geübt habe, sondern vielmehr herausgestellt habe, dass ein wirtschaftlich unbedeutendes Land wie Bolivien leider wenig ausrichten kann gegen die Wirtschaftsinteressen der Schwergewichte. Das bedeutet aber nicht, dass man es nicht wenigstens versuchen sollte.
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