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Deck -> Alte Welt -> Wir sind die Schweiz
Dienstag, 08.12.2009
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Minarett-Verbot
 

Wir sind die Schweiz

Die Schweizer wollen keine Minarette. Das führte zum politischen Eklat. Fast die Hälfte der Deutschen aber auch nicht. Das führt hierzulande zu der Frage: Wie viel Mitsprache ist politisch vertretbar?
Geschrieben von: Britta Weddeling, Florian Ernst   
Was ist gefährlicher: Minarette oder die öffentliche Meinung? © Flickr neptune000
 
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ie Schweizer gelten als politisch neutrales, wenn auch leicht bräsiges Volk, das von hohen Bergen geschützt, sich in diskreten Finanzgeschäften sowie in Käse verdingt und geniale Schriftsteller hervorgebracht hat, darunter Max Frisch. Diese Reputation blieb – trotz der rassistischen Schäfchen-Wahlkampagne des Rechtspopulisten Christoph Blocher 2007 – bislang unbeschädigt.

Jetzt hat die Schweiz ihr Image ziemlich ramponiert, mit einem Satz. „Der Bau von Minaretten ist verboten.“ So soll „Artikel 72 Absatz 3 neu“ in der Schweizer Bundesverfassung nach dem Willen von 57,5 Prozent der Schweizer lauten, die bei der Volksabstimmung am 29. November für die Verfassungsinitiative „Gegen den Bau von Minaretten“ votiert hatten.

Und in Deutschland?

Es folgte: Allgemeine Empörung, Ski-Urlaub-Stornierung, ein türkischer Minister, der Muslime zum Schweiz-Boykott aufrief und unausweichlich: Ralph Giordano, der bemerkte, es gehöre „nicht viel Fantasie dazu, sich auszumalen“, zu welchem Ergebnis eine solche Abstimmung in Deutschland führte.

Fünf Tage nach der Schweizer Volksbefragung tat ihm "Spiegel Online" den Gefallen und veröffentlichte eine TNS-Infratest-Erhebung, laut der 44 Prozent der Deutschen für ein Minarett-Verbot in Deutschland und 45 gegen ein solches votieren würden. Dieses Ergebnis, so "Spiegel Online", ließe „die Deutschen toleranter erscheinen als die Schweizer“.

Ist Deutschland toleranter, wenn sich 44 Prozent der Deutschen für ein Minarett-Verbot aussprechen?


Und: Ist das Votum – 44 Prozent anti Gebetstürme zu 45 Prozent  pro Minarette wirklich ein eindeutiges Ergebnis? Kann hier tatsächlich EIN Prozent entscheiden, dass Deutschland in dieser Frage „toleranter“ ist?

Ganz offenbar, bemerkt "Spiegel Online" weiter, sei Deutschland in dieser Frage gespalten. Nach Ost und West aufgeschlüsselt, ergebe sich ein „differenzierteres Bild“: Fast jeder zweite im Osten Befragte (47 Prozent) spreche sich für, nur etwa jeder Dritte (37 Prozent) dagegen aus. Im Westen hingegen seien die Verbotsgegner mit 47 zu 43 Prozent in einer „knappen Mehrheit“.

Müssen wir Angst vor der Meinung der Mehrheit haben?

Das Ergebnis ist, obgleich sich in Deutschland offenbar 13 Prozent weniger Minarett-Gegner als in der Schweiz finden, natürlich fatal. Zwar hat die Schweizer Volksabstimmung in ihrer verfassungsrechtlichen Konsequenz mit einer repräsentativen Umfrage eines Meinungsinstituts nichts gemein. Aber sie stellt, wie der Infratest-Test die Frage, wie viel Mitsprache der Bürger politisch zu verantworten ist. Auch in Deutschland. Schließlich gibt hier derartige Volksabstimmungen wie in der Schweiz nicht – nur den viel gehegten, aber nebulösen Wunsch nach mehr „direkter Demokratie“.

So lies sich Bundesjustizministerin Sabine Leutheuser-Schnarrenberger (FDP) vom Negativ-Beispiel Schweiz nicht beirren: „Das Resultat der Schweizer Volksabstimmung ändert nichts an meiner Überzeugung, dass mehr direkte Demokratie richtig wäre“, sagte sie der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Was genau sie mit „mehr“ und „direkt“ meinte, blieb unklar. Das Abstimmungsergebnis selbst bezeichnete sie dagegen „als überhaupt nicht gut“.

Wie viel Mitsprache ist uns zuzumuten?

Wenig bis gar nicht, meint offensichtlich Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU). Er bemerkte in "Focus“, dass er „immer vor einer Ausweitung der plebiszitären Verfahren und einer damit verbundenen Euphorie gewarnt“ haben will. Die 44 Prozent Minarett-Gegner in Deutschland scheinen ihm Recht zu geben.

Bei einer Podiumsdiskussion am Montag in Berlin riet Lammert dann für den Fall einer Öffnung des deutschen Systems für Plebiszite dazu, einen Kontrollmechanismus wie das Bundesverfassungsgericht vorzuschalten, da sich nicht alle Fragen zur Abstimmung durch das Volk eigneten. Gerade Menschenrechte müssten nicht mehr verhandelt werden. Entscheidungen nachträglich zu kassieren sei nicht nur „denkbar unelegant“, sondern erzeuge auch „politische Nebenfolgen“, sagte Lammert. Es wäre hinzuzufügen: Ist das, was die Mehrheit meint, immer auch das wahre und richtige? Über was darf und kann sie urteilen?

Und: Diskutieren wir nach dem Schweizer Votum wirklich über die Möglichkeit von mehr bürgerlicher Mitsprache? Oder ist die Debatte spätestens mit dem Weihnachtsessen vom Tisch? Alles andere wäre zu hoffen.

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Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Simon Köhl, Januar 12, 2010

Lieber Steuerpirat,
die meisten politischen Entscheidungen (wobei das nicht für die Minarett-Frage gilt) sind hoch komplexe Probleme, deren Lösung ein fundiertes volkswirtschaftliches und soziologisches Grundwissen und spezielles Fachwissen erfordert. Da es leider nicht einmal der Mehrheit der Berufspolitiker gelingt sich mit Problemen über die sie in den Parlamenten abstimmen ausreichend auseinander zu setzen, darf und kann man es erst recht nicht erwarten, dass jeder Bürger politische Entscheidungen treffen kann . Aus diesem Grund gibt es ja die repräsentative Demokratie in der die Bürger Spezialisten wählen, die ihren Werten und Überzeugungen entsprechen und diese in konkrete Politik umsetzen. Die Frage nach zu viel direkter Mitbestimmung ist also durchaus berechtigt. Bleibt die verkommende politische Kultur in Deutschland, welche meiner Meinung nach eher auf eine wirtschaftsorientierte Bildungspolitik und generell auf die Konsumgesellschaft als Unterdrücker von Dikussionskultur und Geisteswissenschaft, zurück zu führen ist. Mehr direkte Mitbestimmung führt am Ende zu noch mehr Wahlgeschenken an Wählerklientel und Individuen, vorbei an jeglichen gesamtgesellschaftlichen Interessen - siehe Steuersenkungsversprechen der aktuellen Regierung.
geschrieben von Steuerpirat, Januar 08, 2010

Gehts noch?
Es ist Wahnsinn ... wie gut muss es uns eigentlich gehen und wie bräsig muss unser Denken sein, dass wir inzwischen allen Ernstes fragen, "wieviel Mitsprache ist politisch vertretbar?" oder, "wieviel Mitsprache ist zumutbar" ...?

Der Wohlstand scheint uns das Hirn verfettet zu haben. Es gibt in einer Demokratie niemals zu viel Mitbestimmung. Wer eine solchen realen Staat kennt, möge sich melden, er bekommt von mir eine Toblerone zur Belohnung. Im übrigen geht es in einer Demokratie zunächst weniger um die Frage, was vielleicht die „Wahrheit“ wäre, sondern welches Modell sich auf Grund von Mehrheiten realisieren lässt. Selbstverständlich ist die Mehrheit nicht zwangsläufig klüger als die Minderheit. Aber da es nur in einer Diktatur möglich ist, die politische Wahrheit zu definieren, müssen wir mit dem Makel, dass basisdemokratische Entscheidungen falsch sein können, leben. Zumal es einfacher zu vermitteln ist, warum die Mehrheit bestimmt, welcher Fehler letztlich gemacht wird, und nicht die Minderheit.

Warum die deutsche Politik sich echter Demokratie verschliesst ist klar: Sie kennt das Schweizer System und weiss, was es für einen Politiker bedeutet: Sehr harte Arbeit. Wenn man vernüftige Ergebnisse bei Volksentscheiden will, muss man vorher geduldige Überzeugungsarbeit leisten. Dass dies möglich und notwendig ist, hat man in Deutschland leider vergessen. Stimmvieh ist natürlich bequemer. Alle vier Jahre ein paar Wochen Show, die man Wahlkampf nennt, danach darf man wieder zurück unter seinesgleichen, wo alle wissen wie es "wirklich" ist.

Genau letzteres, nämlich dass eine Elite weiss, was das richtige für den Rest des Volkes sei, hat übrigens erst zur Entstehung der Demokratie in Europa geführt. Nur hiess die Elite damals Adel oder Patriziat, heute nennt sie sich Classe politique.
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