Schließen

Kostenlos registrieren!

  • Vertiefen und Erweitern Sie Ihr Netzwerk
  • Profile ansehen und neue Freunde hinzufügen
  • Teilen Sie Fotos und Videos mit der Community
  • Erstellen Sie eigene Gruppen und werden Sie Mitglied bei anderen Gruppen


Mein Philibuster
Deck
Mittwoch, 30.09.2009
(11 Bewertungen)
Kommentare (4) Drucken
 
Selbstversuch
 

Wenn das Orakel flüchtet

Was würden Sie tun, wenn Sie Höhepunkt eines Kabarett-Programms wären, seit mehr als einem Jahr? Unsere Autorin Britta Weddeling versuchte es mit Fassung zu tragen. Ein radikaler Selbsterfahrungstrip.
Geschrieben von:   
So sah Michelangelo das Orakel von Delphi © Wiki Commons


Sie wissen ja, wie das läuft mit der Selbsterfahrung. Bei autogenem Training, Meditation oder dem Inneren-Engel-in-sich-Spüren sitzt, liegt, schneidersitzt man in einem ruhigen Raum, einer erzählt was von der grünen Wiese und man selbst stellt sich was vor.

Stellen Sie sich vor es ist Sonntag. Sonntagabend. Das ist nicht schwer, den haben wir jede Woche. Stellen Sie sich vor, Sie haben sieben harte Tage hinter sich und ich meine: wirklich harte. Und um die Anapher nicht weiter zu strapazieren: Jetzt werden Ihre Beine ganz schwer. Ganz, ganz schwer. Und Ihre Arme. Die sind ganz warm und ganz schwer.

Gesetzt, das passte gut

Jetzt haben Sie etwa eine Ahnung davon, in welcher Verfassung ich mich an jenem Sonntagabend befand, als ich einem Kabarett-Programm in der populären, aber zunehmend in die Jahre gekommenen Lach- und Schiess-Gesellschaft beiwohnte. An den Wänden hingen Kohlekarikaturen von Dieter Hildebrandt und Hanns Dieter Hüsch, die so gesetzt wirkten wie die wenigen Zuschauer, die sich eingefunden hatten. Aber gesetzt, das passte mir gut. Einfach mal sitzen und die Beine - ganz schwer.

Mein zweites Glas Rotwein war zur Hälfte geleert, das Bühnenprogramm klimperte dahin. Ein kleiner blasser Mann in grauem T-Shirt und hellgrauer Stoffhose spielte einigermaßen kunstvoll das Klavier und las Gedichte vor, die etwas mit Bildbetrachtung und Kunsttheorie zu tun hatten. Er machte das einigermaßen witzig, kam aber irgendwie zu intellektuell rüber. Dem Sonntagabend-Publikum, das sonst vermutlich Tatort schaut und auch ganz schwere Beine hatte, war das zu kompliziert.

Sie sind bestimmt schon auf der grünen Wiese!

Aber Dichter-Pianist Marco Tschirpke, der aus Brandenburg stammt und alle DDR-Arbeiterlieder aus dem FF kann, ging die Sache frontal an: „Wie viele von Ihnen sind heute Abend nur gekommen, weil die Lach- und Schiess-Gesellschaft mal einen großen Namen hatte?“, preschte er nach vorn. Respekt. Dann, kokett in die Stille des schmalen Zuschauerraums hinein vermutend: „Ich rechne damit, dass einige von Ihnen nach der Pause nicht wiederkommen.“ Ein paar Zuschauer husteten. Dann war Pause. Die Hälfte ging.

Sie, liebe Leser, sitzen jetzt sicher schon auf der grünen Wiese. Marco Tschirpke setzte sich ans Mikrophon, schaute ernst in den geleerten Zuschauerraum und erklärte gewichtig, dass er nun zum Höhepunkt seines Programms käme. „Ich lese Ihnen jetzt einen Text vor, der eine sehr schmerzliche Erfahrung in meinem Leben beschreibt.“ Er las:

„Wie die Illustrierte „Focus“ („Fakten, Fakten, Fakten“) einmal anlässlich der Verleihung des Deutschen Kabarettpreises mit dem Preisträger Marco Tschirpke ein Telefoninterview führen wollte, auf den Weg der schriftlichen Korrespondenz verwiesen wurde und alles zu einer Lehrstunde des deutschen Journalismus geriet. Ich zitiere hier wörtlich aus der Korrespondenz mit der betreffenden Journalistin:


Das war ich, zweifellos!

Hallo Marco Tschirpke, hier meine Fragen, die ich gern auch telefonisch mit Ihnen besprochen hätte, also in schriftlicher Form. Es geht um ein kurzes Profil anlässlich der Verleihung des Kabarett-Preises in Nürnberg. Dazu benötige ich auch ein Foto. Gibt es neben jenen, die auf Ihrer Internetseite unter ‚Presse’ zu sehen sind, ggf. auch andere Aufnahmen? Mit der Bitte um schnelle Rückmeldung die allerbesten Grüße, Britta Weddeling, ‚Focus’-Magazin.“

In diesem Moment erkannte ich mich selbst: Britta Weddeling, das war zweifellos ich. Der kleine Mann auf der Bühne war mein Delphisches Orakel. Schlagend wurde mir klar, woher die enervierend-betuliche Unverständlichkeit des Dichters rührte. Das Orakel ist schließlich bekannt dafür, dass es sich von Haus bzw. Orakel aus immer ein wenig verklärt ausdrückt.

Können Sie mich nicht doch kurz anrufen?

Tatsächlich hatte ich, es war im Januar 2008 und ich arbeitete erst kurze Zeit bei Focus, wegen eines kurzen Textes für die Profile-Seite, auf der in drei Sätzen Personen von mehr oder weniger Interesse vorgestellt werden, wegen eines Interviews bei Marco Tschirpkes Agenten angefragt. Der hatte mir die Handy-Nummer des Musikers gegeben. Allerdings mit der Bitte, diesen keinesfalls anzurufen, weil Herr Tschirpke in Telefoninterviews „schwierig“ sei. Tatsächlich hatte ich, nach dem erfolglosen Telefon-Versuch die Fragen via Mail versandt. Jetzt las Marco Tschirpke seine Antworten und meine Fragen:

„Sehr geehrte Frau Weddeling, danke, dass Sie Ihre Fragen in schriftlicher Form stellen. Gestellte Fragen liegen mir eben besser. Ich bleibe bei Ihrer Chronologie. Nein, leider, an Fotos gibt’s nur die 3 homepagigen.

- Mögen Sie, neben Beethoven, jetzt auch die Telefone nicht mehr?
Aber es kommt doch immer drauf an, wer anruft! Deutsche Journalisten haben es einmal immer eilig. Und zwar nicht, weil sie keine Zeit haben, sondern weil sie dann ihre journalistische Sorgfalt vernachlässigen können.
- Was bedeutet Ihnen der Preis?
Wenn an einer Person ein Preis pappt, dann darf man damit rechnen, dass sie käuflich ist. Der Preis hat aber nichts mir ihrem Gebrauchwert zu tun, sondern nur mit ihrem Marktwert.


- Haben Sie ihn verdient?
Natürlich. Wie jeder andere auch. Wenn man den einem Kabarettisten gibt, ist es freilich nicht so überraschend.

- Können Sie mich nicht doch kurz anrufen?
Im Übrigen sind Sie der Meinung, Karthago sollte zerstört werden?

- Während die Romantik das Kunstlied zur höchsten Kunstform erhob, verknappten Berg und andere die Sache auf 15- 20 Sekunden. Wer ist denn nun Ihr Vorbild, Schubert oder Webern?
Wenn Romantik eine Frage der Dauer wäre, was ich begrüßen würde, wären wir sie längst los. Das ist leider nicht der Fall. Die Verknappung bei Webern hat als tiefsten Grund den banalen Umstand, dass das Durchbuchstabieren der 12-Ton-Reihe so mühselig und der Verzicht auf einen Refrain zwangsläufig ist. Weiß doch jeder „Focus“-Leser.
- ‚Lapsuslieder 2’ erschien 2007, Ihr Gedichtband kommenden Monat. Welche Projekte sind danach geplant?
Eine CD mit Vertonungen von Peter-Hacks-Gedichten. Und das nächste Soloprogramm ‚Lauf Masche, lauf!’
- Können Sie mich nicht doch kurz anrufen?
Wegen Karthago, stimmt`s? Mit bestem Gruß, Marco Tschirpke


Sie wollen meine Antwort verkürzen?

Frau Weddeling antwortete:

Sehr geehrter Herr Tschirpke, vielen Dank für die prompte Rückmeldung! Nur noch drei Fragen: Sind Sie so nett, mir Ihr genaues Alter zu verraten? Mit welchem Programm treten Sie dieses Jahr auf? Gibt es schon Pläne, was Sie mit dem Preisgeld veranstalten werden? Besten Gruß, Britta Weddeling, weder verwandt noch verschwägert mit etwaigen Catos.

Sehr geehrte Frau Weddeling, ich bin 32, werde im April 33 Jahre alt, wenn`s klappt, und im selben Monat das Soloprogramm starten.

- Gibt es schon Pläne, was Sie mit dem Preisgeld veranstalten werden?
Freilich, die gibt es. Es wird ausgegeben werden. Sehr verbunden wär’ ich, wenn Sie mir sagen, wann und wo oder ob was erscheinen wird, und um wie viele Grade Sie meine Antworten verkürzt haben werden. Oder haben Sie das nicht vor? Ich grüße Sie sehr. Marco Tschirpke


Frau Weddeling antwortete:

Sehr geehrter Marco Tschirpke, am kommenden Montag wird in unserem Heft ein kleines Portrait über Sie erscheinen, auf der Profile-Seite im Deutschland-Teil. Da es sich um einen sehr kurzen Text handelt, zitiere ich Sie nur mit: „Wenn an einer Person ein Preis pappt, dann ist sie vermutlich käuflich.“ Mit den besten Grüßen, Britta Weddeling

Frau Weddeling, sehen Sie, ich wusste, dass Sie Mist bauen würden. Pressefreiheit bedeutet eben nichts anderes, als dass sich die Presse die Freiheit nimmt, meine Antworten zu entstellen. Wozu haben Sie mir Fragen vorgelegt? Obwohl ich alles vorausgesehen habe, bin ich angewidert. Nächstens lassen Sie mich bitte gleich in Ruhe. M. Tschirpke.“


Was hätte Ödipus getan?

Soweit das Mailing. Offensichtlich hatte Marco Tschirpke noch nicht viel Erfahrungen mit Journalisten gemacht. Schließlich hatte ich angekündigt, dass es ein sehr kurzer Text werden sollte. Wenn man als Journalist ein 3-Sätze-Kurz-Portrait schreibt, kann man höchstens einen Satz des zu Interviewenden zitieren. Selbst wenn die anderen Sätze genauso witzig sei sollten. Wenn.

Mich stieß die ganze Angelegenheit natürlich in eine tiefe Krise. Das tun Orakel zwangsläufig. Wir wissen das unter anderem von Öedipus. Was hätte er getan? Mein Weg führte allerdings nicht Richtung Theben, Mutterbett und Selbstblendung, sondern nach Vorstellungsende zum Mischpult, wo Marco Tschirpke mit dem Soundverantwortlichen der Lach-und Schiess-Gesellschaft stand.

Das Orakel flüchtete

„Guten Abend, ich bin Britta Weddeling“, sagte ich. Marco Tschirpke drehte sich ruckartig um. Ich streckte die Hand aus und fühlte, dass ich auf dem Weg zur Selbsterkenntnis ein paar Schritte weiter war: „Schön, dass wir uns mal persönlich kennenlernen.“ – „Nein, das kann nicht sein!“, entgegnete Marco Tschirpke und schaute mich perplex an. Aus der Nähe sah er leicht kränklich aus. „Das darf ja wohl nicht wahr sein!“ Ich dachte: Er könnte wenigstens etwas ausführen über Kunsttheorie oder Bildbetrachtung. Aber Marco Tschirpke antwortete gar nichts. Nicht einmal etwas, das es zu „entstellen“ lohnte. Er flüchtete.

Mein Selbsterfahrungstrip war radikal unterbrochen. Ich bleib zurück mit meinen Fragen: Was bin ich? Wohin gehe ich? Und was hat es mit dieser grünen Wiese auf sich? Wenige Tage später sandte ich Marco Tschirpke folgende  Mail:

Guten Tag Herr Tschirpke,

Sie werden sich sicher an mich erinnern – und ENDLICH haben wir uns auch persönlich kennen gelernt!

Jetzt bestehe ich natürlich darauf, dass Ihr Programm um unsere sonntägliche Begegnung in der Lach- und Schiess-Gesellschaft erweitert wird und dass – Sie werden es befürchtet haben– Sie mir dazu ein paar Fragen beantworten, die ich zum besseren Verständnis sehr gerne verkürzen würde.

- Wie lange schon verlesen Sie unsere lustige Mail-Korrespondenz auf der Bühne?
- Wie, wann und warum kam Ihnen diese extravagante Idee?
- Wie viele Nächte konnten Sie nicht schlafen, nachdem Sie Ihr Quote in "Focus" gelesen haben?
- Wie reagiert das Publikum in einer Skala von 1 (gelangweilt) bis 10 (frenetischer Applaus)
  landläufig auf diesen Programmpunkt?
- Bin ich jetzt berühmt?
- Sind Sie es eigentlich?
- Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich die Story meinerseits ebenfalls veröffentliche?
- Ich darf doch hoffen, dass Sie auch künftig dieses "Lehrstück des Journalismus" in Ihrer Show darbieten?
- Ich schätze, Sie wollen immer noch nicht telefonieren oder?

Herzlich,
Britta Weddeling

Noch hat Marco Tschirpke nicht geantwortet. Vielleicht ist er tatsächlich erkältet. Aber sicher ist: Fortsetzung folgt.
 

Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Anna Maria, November 16, 2009

...
Ich kann mir das alles einfach nicht vorstellen! :)
geschrieben von Sebo, Mai 06, 2010

...
Putzig. (Mein Kommentar ist zu kurz).
geschrieben von Daggi, Februar 01, 2011

...
Ist das Kunst, oder kann das weg ;-)

Wie kommt man nur auf so eine idee ??

Liebe Grüße

Daggi
Kommentar schreiben:

kleiner | groesser
Bitte den folgenden Code eintragen
security code
busy
 

FOLGT UNS

Philibuster bei FacebookPhilibuster bei TwitterPhilibuster RSS FeedE-Mail-Abonnement

Philibuster-Fan werden


Neueste Beiträge

Meistgelesen