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Borderline-Journalismus
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„It’s all entertainment ...“ |
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| Nach Tom Kummer steht derzeit ein weiterer Interviewfälscher des Magazins „NEON" am Wahrheits-Pranger. Aber: Ist die journalistische Hochstapelei nicht viel sympathischer als schnöde Faktensammelei? |
| Geschrieben von: Britta Weddeling |
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Schöner Schein - von der Drögheit der Hollywood-Stars © Flickr Nickel.Media
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Das Leben ist kurz und die Wahrheit wirkt ferner und lange“, meinte der Philosoph Arthur Schopenhauer in der Vorrede seines Werkes „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (1819) und verstehen wir ihn mal bewusst falsch: Meist ist die Zeit, die einem Journalisten für ein Star-Interview mit Kate Winslet, Leonardo di Caprio und Co. zur Verfügung steht, recht kurz und das, was Stars erzählen, langweilig und von der Wahrheit recht weit entfernt.
„Ich liebe meinen Mann, er unterstützt mich, bei allem, was ich tue“, gab kürzlich Oscar-Gewinnerin Sandra Bullock zu Protokoll. Nicht im Vier-Augen-Gespräch, sondern in einem Zehn-Minuten-Slot anlässlich der PR-Kampagne zu ihrem neuen Film „The Blind Side“. Die gängige Verabredung zwischen Journalist und Star bei dieser Art Veranstaltung: Sie bekommt die Story über die sympathische Schauspielerin mit deutschen Wurzeln – „Unser Mädchen in Hollywood hat endlich den Oscar und sie ist überhaupt nicht arrogant und sieht auch ungeschminkt total toll aus“- und der Journalist die 0815-Häppchen, die er so remixen darf, wie es ihm passt. Damit der Journalist dem Leser später vorgaukeln kann, es habe wirklich ein tiefgründiges Gespräch stattgefunden. Jedes Interview ein Fake Ein Interview erscheint nie so, wie es geführt wurde. Das liegt an den Journalisten und denen, die sie interviewen. Beide wollen nachher möglichst toll da stehen in Zeitung oder Magazin. Der Mensch hinter dem amerikanischen Star oder dem deutschen Politiker ist für die Allgemeinheit nie zu haben und falls er sich doch einmal enttarnt hinter den Fließband-Antworten, wird das Interview nachträglich autorisiert. Das ist die euphemistische Beschreibung für: die schönsten und heikelsten Passagen der politischen Korrektness oder der PR wegen rausstreichen. (Das passiert IMMER, außer wohl bei Thilo Sarrazin.) Der Journalist seinerseits formuliert Fragen um, ändert die Reihenfolge der Antworten, phantasiert ganze Passagen hinein. Der Text wird frisiert, was das Zeug hält. Und manchmal hält das Ergebnis der Wahrheit nicht stand. Das ist peinlich - für beide Seiten. Noch peinlicher ist, wenn die Hochstapelei herauskommt oder sich gar das ganze Interview als Fiktion erweist. Deshalb ist die jüngste „Enttarnung“ des Interviewfälschers und „NEON“-Pauschalisten Ingo Mocek nicht nur ein Ärgernis für das Leib-und-Magenblatt der „Nutella-Generation“ sondern für die ganze journalistische Zunft. Im Januar hatte „NEON“ ein Interview mit Pop-Diva Beyoncé Knowles publiziert, das nie statt gefunden hatte. Auch mit Britney-Doublette Christina Aguilera (2006) oder Rapper Snoop Dog (2006) hat Mocek nie gesprochen. Tom Kummer: Pimp my Hollywood-Stars Fiktionen statt Fakten, dieses Prinzip wird seit dem Medienskandal um die gefälschten Interviews von Tom Kummer als „Borderline-Journalismus“ gebrandet. Der Celebrity-Reporter hatte in den 90ern in großem Stil etliche erstaunliche Promi-Interviews verkauft, die eigentlich zu gut klangen, um wahr zu sein: Pamela Anderson plauderte bei ihm über Schönheits-OPs und die Entgrenzung des Körpers und klang dabei wie der französische Zeichentheoretiker Roland Barthes. Tom Hanks philosophierte über Feng Shui. Sean Penn outete sich bei Kummer als Fan des hochkomplizierten Schriftstellers Robert Musil und dass Sharon Stone sich mit Søren Kierkegaards „Tagebuch eines Verführers“ beschäftigte, war einfach der Knaller. Leider war: alles gelogen. Kummer’s Kunstgriff: Er half den flachen Hollywood-Größen intellektuell auf die Sprünge. Kein Wunder, dass man ihm die Interviews aus den Händen riss. Wo andere nur den erwartbaren Hollywood-Einheitsbrei (Bullock: „Ich liebe meinen Mann und er unterstützt mich bei allem, was ich tue“) lieferten, konnte sich das SZ-Magazin damit brüsten, „echte Interviews“ mit „echten Menschen hinter den Stars“ zu liefern. Wir lieben es, getäuscht zu werden Das ging gut, bis man diesen Felix Krull (wie Thomas Mann seine Hochstaplerfigur nannte) am 15. Mai 2000 enttarnte. Seitdem gilt Kummer als journalistische Unperson. „Ich war der radikalste Vertreter des Borderline-Journalimus, und das war, glaube ich, jenen klar, die mich zum Markenzeichen ihrer Publikation gemacht haben“, rechtfertigte sich Kummer im „SPIEGEL". Ob er die Stars wirklich befragt habe, diese Frage sei ihm zu eindimensional. „Mir ging es immer darum, die Definition, was Realität ist und was Fiktion, in Frage zu stellen. Wenn ich schreibe, beginnt die Implosion des Realen.“ Man kann darüber nachdenken, was er damit gemeint hat – aber vielleicht war es einfach nur eine dumme, mehr oder weniger intellektuell verbrämte Ausrede. Viel deutlicher war schon das, was er in seiner 2007 erschienenen Autobiographie "Blow Up" bezüglich der Rezipienten seiner Fälschertätigkeit feststellt: „It’s all entertainment, and you know it.“ Und, man muss hinzufügen: We love it. Wollen wir nicht unterhalten werden, bis wir alle platzen vor Fruchtgeschmack? „Welch eine herrliche Gabe ist nicht die Phantasie, und welchen Genuß vermag sie zu gewähren!" rühmt Felix Krull sein Fälschertalent im Hochstapler-Roman Thomas Manns. Sind wir nicht längst so abgestumpft, das wir die Realität schon gar nicht mehr für möglich halten und es immer drastischer zugehen muss, damit bei uns wenigstens noch EIN Nerv zuckt? Kick it like Helene Hegemann „We love to entertain you“, schickt Helene Hegemann ihrem Krasser-Härter-Ficken-mit-Drogen-Roman „Axolotl Roadkill“ voraus, einem, das muss der Debatte um das „Wunderkind“ und „Plagiat-Mädchen“ aus Berlin nachgeschickt werden, schlecht geschriebenen Buch, in dem es um nichts aber auch gar nichts geht. Warum sich das gesamte Feuilleton darauf stürzte? Weil es unterhaltsam war! Weil es kickte! Auch wenn man sich den Quasi-Vergewaltigungs-Sex-mit-Taxifahrer oder den Berghain-Besuch kaum vorstellen konnte, aber wollte. Besonders wenn man ein Feuilleton-Herr mittleren Alters ist, der sonst nur Uwe Tellkamp rezensieren darf oder Georg Klein (Who the fuck?), der jetzt den Preis der Leipziger Buchmesse bekam. Der Pro7-Claim, den die Autorin ihrem Roman voranstellte, er trifft es. (Und für Frau Hegemann, die wie Mocek und Kummer eine große Phantasie besitzt, besteht freilich Hoffnung: Sie ist erst 17.) Kurzum: Wir sind selber schuld, wenn wir getäuscht werden. Und wir lieben es. Was weiter nicht schlimm ist. Wie meint Schopenhauer: "Im Ganzen genommen, liegt, wie längst gesagt ist, die Welt im Argen: die Wilden fressen einander und die Zahmen betrügen einander, und das nennet man den Lauf der Welt." Von Sandra Bullocks Mann Jesse James wurde überdies bekannt, dass er eine wilde Affäre mit einer Tattoo-Dame hat und die Hollywood-Ehe darob ziemlich im Argen liegt. Aber das ist eine andere Geschichte und überhaupt: was soll die Häme? Kommentare zu diesem Artikel:
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Die Lösung? Gar keine Interviews mehr zu führen bzw. nur solche, die sich mit der Arbeit eines Promis beschäftigen (gähn!) oder Fakes, die zumindest Emotionen (à la "Ach neeeeeee, Gisele Bündchen hat ´ne Bettpfanne auf dem Nachtschränkchen stehen, weil sie zu faul ist, nachts auf die Toilette zu gehen?!) auslösen.