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Burnout
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Schweigend verglühen |
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| Burnout entwickelt sich zur Modekrankheit. Stars und Büroarbeiter sind nicht vor dem Ausbrennen gefeit und leiden tapfer. Doch es steckt mehr hinter dem Phänomen als lediglich eine aus den Fugen geratene Work-Life-Balance. |
| Geschrieben von: Andreas Dauerer |
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Die Mär von der Work-Life-Balance © Flickr Hannap
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Der Prozess ist schleichend. Neuer Job, man arbeitet begeistert, diszipliniert und ambitioniert, macht - wenn nötig - auch mal die eine oder andere Überstunde. Es ist toll, Teil des Projekts, Teil des Ganzen, Teil dieser Firma geworden zu sein. Doch die Türen stehen nicht immer sperrangelweit offen und nicht jeder schafft es immer wieder aufs Neue, unbeschadet hindurch zu laufen. Wer nicht aufpasst, bekommt sie knallhart ins Gesicht geschlagen. Das geht bis zu einem gewissen Grad gut, dann aber nicht mehr. Die Arbeit wird zur Belastung, Druck von oben und unten, gefangen im System und die theoretische Angst schnell raus zu sein, wo man nur schwer reingekommen ist. Man ist erschöpft, versprüht keine Motivation mehr, nickt die Vorgaben der Chefetage ab, auch wenn man insgeheim weiß, dass die nicht wirklich etwas taugen. Bei Misserfolg wird man für diese fremden Ideen ja doch den eigenen Kopf hinhalten müssen. Die Maschinerie Arbeitswelt scheint wie ein unsichtbarer Bagger jeden Tag ein kleines Stück der Willenskraft aus uns heraus zu puhlen. Die Medien aber wollen uns glauben machen, dass es im 21. Jahrhundert beinahe schon zum guten Ton gehört, wenn man im Leben mindestens einmal als ausgebrannt gegolten hat. Burnout, nichts geht mehr. Robbie Williams, Lady Bitch Ray, Bruce Darnell oder Macaulay Culkin, besser bekannt als Kevin allein zu Haus, Bestsellerautor Frank Schätzing ebenso, wie Peter Plate, der eine Teil des Musik-Duos Rosenstolz. Alle hatten es. Die Liste lässt sich endlos verlängern. Für den Otto-Normalverbraucher ist es beinahe schon wohltuend, dass diese "Seuche" nicht vor der Prominenz halt macht, aber sie scheinbar besonders oft übermannt. Leider ist sie weder auf die Dicke des Geldbeutels fixiert noch trifft sie immer vermeintlich kreative Künstler. Jeder kann selbst der nächste sein. Schuld ist, wie so oft, das soziale Gefüge, in dem wir uns bewegen. Gemeinhin sagt man auch Gesellschaft dazu. Bei Prominenten erfährt man das nur schneller. Das tägliche Mantra: Zähne zusammenbeißen Ob man nun als Individuum besonders zum Ausbrennen neigt, da sind sich die Experten einig, ist teilweise genetisch bedingt. Auffallend ist jedoch, dass es die über die Maßen Fleißigen, die Einzelgänger, die Idealisten, die Verbissenen und Dünnhäutigen besonders häufig trifft. Auch Personen, die von Berufswegen viel mit Menschen zu tun haben, brennen weit häufiger aus. Krankenpfleger, die ständig Empathie gegenüber ihrer Umgebung empfinden müssen, aber auch Lehrer. Bei Letzteren weiß man allerdings auch, dass das soziale Gefüge als Airbag funktionieren kann und es unter Umständen schneller zu einer Einforderung von "Rechten" kommt. Nicht dass man mich missversteht, ich möchte keinem Lehrer unterstellen, dass er sich ein Erschöpfungssyndrom ausdenkt, oder vortäuscht. Aber es ist ein Fakt, dass Lehrersein auch heute noch mit einer sehr sicheren Rentenzahlung einhergeht. Würden sie nicht so weich fallen, wären auch die Zahlen der ausgebrannten Lehrer andere. Sie würden dazu neigen, eher "auf die Zähne" zu beißen, wie das in anderen Berufen geschieht. Auch dass dieses Syndrom (es ist keine offizielle Krankheit) nur Chefetagen befällt, ist ein Trugschluss. Am meisten haben die Menschen zu kämpfen, die von unten und oben Druck bekommen bis sie diesen nicht mehr aushalten. Die Arbeit wird mit nach Hause gekommen, vieles wird geschluckt, man lebt vom Wochenende zum Wochenende und wenn der Urlaub länger als eine Woche stattfindet, dann ist er schon zu lang. Man ertappt sich dabei, entgegen der eigenen Vorgabe doch in die Arbeitsmails zu schauen. Ein Ringen um ein wenig Einfluss, den man längst verloren hat. Der Kontrollverlust durchzieht nicht nur die Arbeit, sondern auch das Privatleben. Irgendwann heißt es dann, rien ne va plus, nichts geht mehr. Und das in allen Bereichen. Streiksignale des Körpers werden ignoriert, man versucht sich so gut es geht, selbst zu helfen. Die Arbeitsintensität ist zweifelsohne eine höhere geworden. Durch den Arbeitsplatz "PC" kommen viele Komponenten hinzu, mit der die etwas ältere Generation nicht mehr zu Rande kommt. Aber es wird weiter munter rationalisiert, technisiert, man spart ein, wo es nur geht. Kostendruck ist das Zauberwort. Immer mehr leisten wollen, mit immer weniger Arbeitern. Gewinnmaximierung. Die Work-Life-Balance nicht mehr als ein schöner Begriff "Ich lebe nicht um zu arbeiten, sondern ich arbeite, um zu leben", so ein abgewandelter Sinnspruch von Sokrates (er benutzte essen anstelle von arbeiten) und der beschreibt nichts anderes, als die gesunde Work-Life-Balance. Doch die scheint in der freien Marktwirtschaft in vielen Sektoren gänzlich abhanden gekommen zu sein. Wenn ein Arbeiter seine Familie kaum noch sieht, weil er morgens um sieben Uhr aus dem Haus geht, um gegen acht Uhr abends wieder nach Hause zu kommen, dann beraubt ihn diese Arbeit einer ganz natürlichen Sache. Nämlich seine eigenen Kinder heranwachsen zu sehen. Hat er ob seines Engagements seinen Arbeitsplatz sicherer? Wohl kaum. Wer nicht funktioniert, wird nicht repariert, er wird ausgetauscht. Nicht zufällig spricht man vom Humankapital. Wege aus der Krise gäbe es einige, aber man muss diese auch wollen. Bei der ganzen Diskussion um das Burnout geht es zu sehr um das "wie ziehe ich mich aus der Krise" und nicht um ein Aufbrechen genereller Strukturen. Miriam Meckel, einst jüngste Lehrstuhlinhaberin für Publizistik und Kommunikationswissenschaft in Münster und hinlänglich als Lebenspartnerin von TV-Moderatorin Anne Will bekannt, geht medial gerade mit ihrem Buch über Burnout hausieren. Sie beschreibt, was so viele beschreiben. Das dient der Aufarbeitung ihrer Lebenssituation und ist zugleich Mahnung an ähnlich gefährdete Leser, die, vielleicht sogar ohne es zu wissen, latent vor dem Burnout stehen. Quintessenz ist jedoch, dass Freunde, vielleicht sogar einige Arbeitskollegen, aber allen voran Ärzte oder Psychologen einem in diesen schweren Zeiten beistehen. Doch ähnlich wie die Bestürzung um den Tod des Fußballers Robert Enke, der keinen Ausweg aus seiner Depression finden konnte, geht es nach kürzester Zeit weiter, als wäre nichts geschehen. Strukturen wollte man im Fußballverband aufbauen, damit so etwas nicht mehr geschehen könne. Nur geändert wurde nichts. The show must go on. Auch die Freizeit opfern wir dem Job In der Arbeitswelt ist das ganz ähnlich. Wo sind denn die Strukturen, die einem einen Freiraum geben? Zum Denken, zum sich Sammeln, zum Abschalten? Warum sollen diese Dinge nicht auch in die Arbeitswelt eingebaut werden? Wenn ich schon einen Teil meiner Freizeit für die Firma opfere. Auf dem Weg zur Matrix, wie sie die Wachovski-Brüder in ihrer Trilogie beschreiben, sind wir vielleicht noch ein Stückchen entfernt, aber den Weg des Menschseins, den scheinen wir zunehmend zu verlassen. Druck hier, Druck da, die Familie wird immer mehr zu einem Auffangbecken, um Probleme mit oder in der Arbeit zu bewältigen. Der Chef murrt nach unten, der Abteilungsleiter murrt nach unten, schweigt nach oben und so weiter und so fort. Das ist eine Kommunikation wie aus dem Uralt-Lehrbuch: Sender diktiert Empfänger. Ein Dialog sieht freilich anders aus. Der aber braucht Zeit. Zeit, die einem im Alltagsgeschäft nicht gegeben wird, weil, na klar, Zeit eben Geld kostet. Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Anna Maria ,
April 22, 2010
Verkehrte Welt
Das Schlimme an der ganzen Burnout-Geschichte ist ja, dass das System unseres Arbeitslebens weiterhin bestehen wird - egal wie viele Leute noch ausbrennen. In Zeiten wirtschaftlicher Krisen wird es eher noch schlimmer, drohen uns amerikanische Verhältnisse, wo EIN Job am Ende gar nicht mehr ausreicht. Aber alternative Arbeits-/ und Lebensweisen gelten ja nicht als chic. Burnout dagegen schon. Verrückte Welt, oder?
geschrieben von Katha,
April 30, 2010 Oft unterschätzt
Burnout wird gerne bei jüngeren Leuten böse unterschätzt. Kann mir nicht vorstellen, dass unsere Eltern auch mit solchen - oft gesundheitlichen - Problemen zu kämpfen hatten. Aber der Druck, heutzutage noch auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, ist einfach enorm. Kein Wunder, dass unsere Generation (25-35) kaum noch Zeit und Lust hat, sich politisch zu engagieren, weil man einfach zu beschäftigt ist, sich um den eigenen Lebensunterhalt zu kümmern. Das spielt dem System natürlich doppelt in die Hände :-(
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