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Mein Philibuster
Deck +++ Glanz & Gloria +++ Erinnern an Samira Bellil
Sonntag, 05.09.2010
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Durch die Hölle der Gewalt
 

Erinnern an Samira Bellil

Sie war nicht nur ein Gewaltopfer, sondern für einige Jahre die Symbolfigur schlechthin für die französische Frauenbewegung. Nun, sechs Jahre nach ihrem Tod, ist die Erinnerung an Samira Bellil verblasst.
Geschrieben von:   
Anklägerin einer Gesellschaft, die Täter deckt © Philibuster


Auch in Deutschland erlangte die junge Französin aufgrund ihrer dramatischen Lebensgeschichte Prominenz: Samira Bellils Buch „Durch die Hölle der Gewalt“ (Orig.: „Dans l`Enfer des Tournantes“) erschien 2002 - und führte auf schockierende Art die Institutionalisierung und Bagatellisierung sexueller Gewalt in einer „modernen“ Gesellschaft vor Augen. In ihrem Buch verarbeitete sie die schreckliche Erfahrung gemeinschaftlicher Vergewaltigungen, die sie unfassbare dreimal erleben musste.

Leidensweg versus Alltagsdelikt

1973 in Algier geboren verlebte Samira Bellil eine eher freudlose Kindheit und Jugend in einem Pariser Vorort. Völlig aus den Fugen gerät ihre Welt, als sie 14-jährig von drei ihr bekannten jungen Männern brutal vergewaltigt wird. Hier beginnt nun eine Geschichte, die für das Opfer Samira ein unendlich scheinender Leidensweg, für die Täter hingegen nur ein Alltagsdelikt ist. Die Täter bleiben jahrelang ungestraft auf freiem Fuß, für Bellil hingegen beginnt eine Lebensphase, in der sich ihre Gewalterfahrung vervielfacht: Im Viertel als Freiwild abgestempelt und von der eigenen Familie als schändliches Subjekt verstoßen, richtet sie fortan die selbst erlebt Gewalt gegen andere und sich selbst. Erst Jahre später gelingt es ihr, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen: Sie gewinnt mit Mitte zwanzig einen Schadensersatzprozess. Im Bewusstsein, dass ihre innere Zerstörung nicht bezahlt werden kann, schreibt sie ihr Buch. Sie widmet es allen Frauen, die ähnliches erlebt haben: „Für meine Leidensgenossinnen im Elend. Damit sie wissen, dass man herauskommen kann.“

Lebensbericht und Anklage

„Durch die Hölle der Gewalt“ ist jedoch nicht nur Lebensbericht, sondern vor allem Anklage einer Gesellschaft, die dazu beiträgt, Täter zu decken und Opfer nicht ernst zu nehmen. Da es um eine Geschichte aus dem Milieu der französischen Banlieues geht war auch Bellils Buch für manche Vertreter Beleg für die Rückständigkeit und Entwicklungsresistenz der „Migranten“. Bellil selbst brachte das Phänomen sexueller Verwahrlosung und Gewalt auf folgende Formel: „Die jungen Leute sind gefangen im Widerspruch zwischen den rigiden Regeln ihres kulturellen Umfelds (…) und einem stark erotisierenden kulturellen Umfeld.“ Die Pathologie des Banlieues wurde zumindest wieder diskutiert und auf die fatalen Auswirkungen von Ausgrenzung, Armut und Perspektivlosigkeit hingewiesen. Der Versuch, an diesem Problem zu arbeiten, wurde allerdings wieder nur ernsthaft von sozialen Institutionen und Vereinen betrieben. Samira Bellil selbst wurde prominente Unterstützerin der bekannten Bewegung „Ni putes ni soumises“. Die Politik spendete dafür zumindest Beifall. Das brachte einiges an Öffentlichkeit – und weiter nichts.

Begrenzte Prominenz

Für andere Rezipienten war Bellils Buch ein gefundenes Fressen, um die These unintegrierbarer Gesellschaftssubjekte zu untermauern. Bellil war Anfang des neuen Jahrzehnts Verkaufsschlager in einem Frankreich, in dem die Banlieues im wahrsten Sinne „brannten“ – unter anderem so die 17-jährige Sohane Benziane, die 2002 in einem Vorort von zwei jungen Männern mit Benzin übergossen und angezündet wurde. Auch im übrigen Europa, das noch die Schockwirkung des 11. September 2001 verdaute und inzwischen eine diffuse Angst vorm Islam im allgemeinen kultiviert hatte, stürzte man sich mit Begeisterung auf die Lebensgeschichte der hübschen jungen Französin algerischer Herkunft.

Heute jedoch ist Samira Bellil fast vergessen und man kann nur mutmaßen, dass ihre Prominenz vielleicht nur deshalb so kurzweilig war, da die ökonomische und ideologische Ausbeutung von Elend nur über eine begrenzte Haltbarkeit verfügt.

Nach Erscheinen ihres Buches hatte Bellil noch viel vor: „Jetzt, mit 29 Jahren, kann ich mich entscheiden zu leben“, sagte sie 2002. Ihr großes Ziel war es immer, sich aus der Opferrolle zu befreien, um „auch mit den Männern“ gegen Gewalt und Ausgrenzung zu kämpfen. Nur zwei Jahre konnte sie dieses Lebensziel verfolgen, bis sie mit 31 Jahren 2004 an Magenkrebs starb. Sie nicht zu vergessen bleibt wichtig, um mahnend an die Stimmen derjenigen zu erinnern, die über spezifische Gesellschaftstragödien authentisch berichten können und konnten. In einer Zeit nämlich, in der Demagogen das diskursive Feld der Öffentlichkeit beherrschen und Wissenschaftliches zumeist in Schubladen und Büchern einstaubt, erlaubt nicht selten nur die Empirie des Einzelfalls Einblick in gesellschaftliche Abgründe.

Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Lady Marmalade, September 24, 2010

Opfer der Newsmaschinerie
"Aus den Augen aus dem Sinn!", mag man da mal wieder denken. Aber warum sollten die Leit- und Printmedien im Fall Samira Bellil da eine Ausnahme machen? Die Frau kam wie so viele andere "Newsopfer" gerade recht. Mal schnell ein Fass aufmachen, die Zitrone bis zum letzten Tropfen in Limonade verwandeln und sich dann ruckzuck dem nächsten Thema widmen. So läuft das doch immer.
geschrieben von Merian, September 28, 2010

Die Spirale der Gewalt
Ich bin durch ihren Artikel auf "Durch die Hölle der Gewalt" gestoßen und muss sagen, dass Bellils autobiografische Anklageschrift gnadenlos unterschätzt wird. Das Buch kann in Sachen Intensität locker mit den Werken von Waris Dirie mithalten. Aber Tote haben eben keine Lobby. Kann nur jedem empfehlen, sich dieses Buch zu besorgen. Es lohnt sich!
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