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Deck +++ Glanz & Gloria +++ Das Ende einer Ära
Montag, 11.04.2011
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Kommentare (8) Drucken
 
Kurt Cobain
 

Das Ende einer Ära

Vor 17 Jahren nahm sich Nirvana-Frontmann Kurt Cobain das Leben. Mit dem dazugehörigen Band-Ende wurde vielleicht auch das Ende einer langen Ära eingeläutet, in der Musiker Sprachrohre für eine ganze Generation sein konnten.
Geschrieben von:   
Kurt Cobain, wir vermissen Dich © Flickr ♥ Jaye


Damals, 1994, das Jahr, in dem man Mixtapes auf Kassette spielte anstatt iPods zu synchronisieren, in dem man das Wort Internet noch nicht kannte, in dem es vielleicht noch irgendwie cool war, anders zu sein: Das Jahr, in dem Kurt Cobain sich das Leben nahm. Kopfschuss mit einer Schrotflinte, dazu eine dreifache Überdosis Heroin im Blut. Tagelang flimmerten damals auf den Musiksendern Bilder, auf denen man Cobains Beine sah, sein Grundstück, sein Haus, seine Garage und drum herum Reporter und Moderatoren und Polizisten. Eine Legende hatte sich selbst ins Jenseits geballert, und irgendein Mann von MTV fasste auf dem Cobain-Anwesen vor laufender Kamera hektisch zusammen: „In dieser Garage starb nicht bloß ein 27-jähriger Musiker, hier liegt das Sprachrohr einer ganzen Generation.“

Eine Zeit ohne Feindbild

Nur wenige Jahre hatte Nirvana gebraucht, um die Vorzeigeband des Grunge zu werden, mit Kurt Cobain als Frontmann, der für viele, die auf Anführer eigentlich gar keinen Bock hatten, irgendwie zu einer Art Messias wurde. Nirvana war die Band, auf die sich alle einigen konnten, egal, ob Grunge-Jünger, Rap-Anhänger oder Popper – in einer Zeit, die insgesamt Zeichen einer veränderten Weltordnung versprach, nachdem durch den Fall der Berliner Mauer der Ostblock und somit ein bisher prägnantes Feindbild wegfiel. Für die in den 1960er- und 1970er-Jahren geborene Jugend der Industriestaaten nordwestlicher Prägung hatte man das Label „Generation X“ gebastelt, frei nach Douglas Coupland: Man sprach von einer Generation, die sich ohne Kriegseinwirkung mit weniger Wohlstand und ökonomischer Sicherheit begnügen musste als die Vorgängerschaft, aber andererseits für deren ökonomische und ökologische Sünden zu büßen hatte. „Zu viel Fernsehen, zu wenig Arbeit“ und „Katerstimmung nach der großen Sause“ – so lauteten die Schlagthesen, und eigentlich war damals vieles nicht anders als heute. Mittendrin Nirvana als Sendermedium für ebengenau diese Zielgruppe, eine Band, die ein Bewusstsein für Inhalte vermitteln wollte, für gesellschaftliche und politische Ordnungen, dabei aber fälschlicherweise oft, sehr oft, des Gegenteiligen verdächtigt wurde: Hoffnungslosigkeit. Orientierungslosigkeit. Lustlosigkeit.

Echte Bekenntnisse


Auftritte auf Bühnen und in den Medien und eigene Veröffentlichungen sind jedoch zahlreich gespickt mit inhaltlichen Bekenntnissen; die Texte fragmentarisch angefüllt mit politischen Statements, die nicht dem Bild eines orientierungslosen Slackers ohne Hoffnung und Lebensfreude entsprechen. Immer wieder äußerte sich Cobain profeministisch, prohomosexuell, antirassistisch und griff zudem verhäuft linkspolitische Themen wie Polizeigewalt, Obrigkeitsstaat und Kirche auf. Keine Lippenbekenntnisse, sondern Lebensprogramm, dass in der konsequenten Überzeugung schließlich auch zu Selbsthass führte: „Die Teilnahmslosigkeit meiner Generation – die ist ekelhaft. Mich ekelt aber auch meine eigene Apathie an, wie ich kein Rückgrat habe, weil ich nicht permanent gegen Rassismus, Sexismus und all die anderen Ismen antrete, über die sich die Gegenkultur seit Jahren beklagt“, sagte er einmal. So gesehen ist es nicht mal Ironie des Schicksals, dass ihn sein größter Hit „Smells Like Teen Spirit“, die eingängige Vier-Akkorde-Hymne, die die Politikmüdigkeit der „dämlichen, hirnverbrannten Jugend“ kritisierte, anwiderte: „Zu einfach.“ Hass und Schmerz sind die Konstanten in seinem Leben, später kommen Drogen dazu. Seit er sieben ist, leidet er an unerträglichen Magenschmerzen, für die sich knapp zwei Jahrzehnte keine medizinische Erklärung finden lässt und die er deshalb als „Eingeweidefraß“ und „Cobainsches Syndrom“ bezeichnet und mit Drogen wegspritzt; erst einige Monate vor seinem Tod erhält er die Diagnose: Ein eingeklemmter Nerv. Daneben der Hass: Auf Republikaner und Abtreibungsgegner, auf Angeber, Machos und Homophobe – und einen Mann, der in seinen Augen all das vereint: Axl Rose, sein Gegenspieler von Guns ’n’ Roses, der anderen großen Rockband jener Zeit. Bei einem MTV-Awards-Gig spuckt er auf einen Flügel, von dem er annimmt, dass er seinem Antipoden am Abend als Spielfläche für „November Rain“ dienen soll - und erfährt erst später, dass er stattdessen Elton John`s Klavier erwischt hat.

Here we are now. Entertain us.

Dazu kommt der Ruhm, das Geld, die Vorbildfunktion, die er ablehnt, weil er sich für ein absolut ungeeignetes Idol hält und seine Persönlichkeitsstruktur, die es ihm nicht ermöglicht, sich mit all den Begleitfaktoren des musikindustriellen Erfolgs zu arrangieren. Auf der Bühne mimt Cobain lange den Draufgänger, der wie wild rumtobt und Gitarren zerschlägt - im Tourbus jedoch hört er nicht mal harten Rock, sondern immer nur dieselbe Platte: „ABBA’s Greatest Hits“. In Gesprächen gibt er sich schüchtern und zurückhaltend. Das letzte Konzert, eine Aufnahme für die MTV-Unplugged-Reihe, ist dann aber schon nahezu wie eine Beerdigung inszeniert, mit Lilien und Kerzen im Rücken und den Meat Puppets als Gastband, mit der im Leben keiner gerechnet hätte: Zu unbekannt. Zuvor immer wieder Versuche, sich der Welt anzunähern und Dingen etwas Gutes abzugewinnen: „Ich vermute mal, dass irgendwie jeder, der den Ehrgeiz hat, etwas zu erschaffen und nicht kaputt zu machen, Respekt verdient.“ Er selbst schaffte es nicht, sich selbst diesen Respekt zuzugestehen. „Das schlimmste Verbrechen, das ich mir vorstellen kann, ist, die Leute abzuziehen, indem ich vortäusche, 100 Prozent Spaß zu haben“, schrieb er in seinem Abschiedsbrief, bevor er sich die Schrotflinte an den Kopf setzte. 1994, das Jahr, in dem man Mixtapes auf Kassette spielte anstatt iPods zu synchronisieren, in dem man das Wort Internet noch nicht kannte, in dem es vielleicht noch irgendwie cool war, anders zu sein: Das Jahr, in dem Justin Bieber geboren wurde und Lady Gaga noch die Highschool besuchte. Und manchmal, heute, wenn wir die alten Nirvana-Tracks hören, dann fällt es uns wieder ein: Wir vermissen Kurt Cobain.



Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Carsten, April 11, 2011

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Da packt einen fast schon Nostalgie: Kurt, einer der ganz Großen, und vielleicht der letzte seiner Art. Das waren noch Zeiten, damals...
geschrieben von Schosl, April 11, 2011

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Guter Artikel - nur warum der (kultur)pessimistische Grundton? "Früher war alles besser" habe ich mindestens einmal zu oft gehört als daß ich es gleich glaube. Warum sich in die Reihe aller anderen Spießer einreihen, die immer zufällig gerade noch zu der Generation gehören, in der "noch alles in Ordnung" war? Hier sind nur die Vorzeichen anders, die Grundhaltung ist die gleiche.
Die Kritik soll aber nicht zu sehr davon ablenken, daß mir der Artikel sonst gut gefallen hat!
geschrieben von Nadia Shehadeh, April 11, 2011

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Ach, der (kultur-)pessimistische Grundton täuscht. Früher war ja nicht alles besser, aber früher war einfach mehr Kurt! ;)
geschrieben von Schosl, April 11, 2011

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Das ist unbestritten ;)
geschrieben von Mareile, April 11, 2011

27
Warum sterben eigentlich so viele große Künstler im Alter von 27? Kurt, Jim Morrison, Jimi Hendrix, Janis Joplin. Irgendwie unheimlich oder?
geschrieben von Nadia Shehadeh, April 11, 2011

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Buh. Darüber hab ich noch gar nie nachgedacht! Ey. Mareile!
geschrieben von Helena, April 11, 2011

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Großer Text, ich bin jetzt ehrlich gesagt ziemlich bewegt. Und "Polly", ganz großes Kino. Hatte ich fast schon vergessen. Danke. Ist wirklich schon 17 Jahre her. So vergeht die Zeit.
geschrieben von look, April 18, 2011

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