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Deck +++ Glanz & Gloria +++ Die Retterin Europas
Montag, 31.05.2010
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Kommentare (4) Drucken
 
Lena Meyer-Landrut
 

Die Retterin Europas

Lena Meyer-Landrut hat den Eurovision Song Contest gewonnen und Deutschland und der EU zu neuem Selbstbewusstsein verholfen. Was aber, wenn das Volk realisiert, dass am Ende alles nur Show war?
Geschrieben von:   
Die Königin von Deutschland: Lena Meyer-Landrut © Ferdinand Haschner / Philibuster


Da haben wir es also, unser Sommermärchen 2010. Und das vor der Fußball-WM in Südafrika - just in dem Moment, in dem bereits alles in Frage gestellt war. Europa, diese Idee eines zukunftsweisenden Staatenverbunds, stand auf der Kippe. Krisengeschüttelt, teilweise pleite und - laut düster orakelnden Medienberichten - kaum noch zu retten. Die gemeinsame Währung hatte an Zahl- und Strahlkraft eingebüßt. Deutschland als einer der größten Beitragszahler saß mit im sinkenden Boot.

Und genau in diesen dunkelsten Stunden, in denen alle Hoffnung bereits zu schwinden schien, macht Lena Meyer-Landrut das Unmögliche wahr. Die junge Deutsche gewinnt den Eurovision Song Contest, wird Bundeskanzlerin der Herzen und schafft das, was kein Politiker jemals zuvor vermochte: Sie eint die Völker Europas und verwandelt die EU in ein blühendes Auenland, in dem das leichte Leben zum Lebensinhalt für Millionen Menschen wird.

Hype, hype, hurra!

Diese Vorstellung klingt nicht zu abwegig und könnte durchaus als Image-Spot für die EU durchgehen, wenn man die aktuell auf ihrem Höhepunkt angekommene „Lenamanie“ betrachtet. Ob Politik, Medien oder Bevölkerung, es scheint niemanden zu geben, der sich dem Hype um die 19-jährige Hannoveranerin entziehen kann. Und das stimmt bedenklich.

Zwar haben Lena und ihr Mentor Stefan Raab das geschafft, was Ralph Siegel seit 28 Jahren immer wieder erfolglos versuchte und verbittern ließ: Sie haben Deutschlands Ehre beim Grand Prix, der heute Eurovision Song Contest (ESC) heißt, wiederhergestellt. Sie haben einen musikalischen Wettbewerb gewonnen, der lange Zeit keine große Rolle mehr gespielt hat und als Freakshow für Schlagerfans galt. Mehr aber auch nicht.

Anbiedern um jeden Preis

Und doch steigern sich Deutschlands Medien nun in ein hysterisches Crescendo, überhöhen das Mädel zur Retterin einer Nation, die die Fehler der deutschen Politiker mit großen Augen und kecken Zungenschlägen vergessen machen soll. Die Volksvertreter reagieren prompt. Aus allen Ecken erschallen Lobeshymnen und preisen die deutschen Tugenden, für die Lena angeblich steht wie keine andere. Ihr Landesvater, Christian Wulff, erging sich gar in den höchsten Tönen: „Lena Meyer-Landrut repräsentiert Deutschland so, wie es viele gerne sehen: individualistisch, solidarisch, fair, sympathisch, weltoffen, ein bisschen verrückt, aber mit einer Haltung und einer nicht gespielten Lässigkeit, sondern Authentizität.“ Nach Lenas Sieg überbrachte Wulff seinem Landsmädel mit stolzgeschwellter Brust die Glückwünsche der Kanzlerin. Die Zeitungen notierten fleißig und wenig distanziert mit und die ARD – sonst strenge Hüterin journalistischer Sorgfaltspflichten - brachte Sondersendungen, die ansonsten Themen von höchster politischer Brisanz vorenthalten bleiben. Und jetzt fordert die Politprominenz sogar, der jungen Sängerin das Bundesverdienstkreuz zu verleihen. Was genau hat sie eigentlich geleistet?

Für das Volk wird Lena zur Projektionsfläche für seinen politischen Unmut. So eine - wie die Lena - würde auch der deutschen Politik gut stehen, denkt der Bürger und bringt das auch in den Kommentarspalten der Onlineausgaben der großen Wochenmagazine und Tageszeitungen zum Ausdruck. Eine die sagt, was sie denkt. Die die Klappe auch dann nicht hält, wenn es unangenehm wird. Genau das braucht Deutschland und noch viel mehr die EU.

Retourkutsche aus Griechenland

Und in der Tat ist Lena Meyer-Landrut der Prototyp des EU-Bürgers – anpassungsfähig, weltoffen und vor allem: kompromissbereit. So glänzt sie in einer Disziplin, in der Vorzeige-Typen wie EU-Kommissar Günther Oettinger und Außenminister Guido Westerwelle peinlichst versagen: Sie beherrscht die Amtssprache der Europäischen Union – Englisch – wie ihre Muttersprache - auch wenn ihr abgekupferter Slang alles andere als natürlich wirkt. Auf der Bühne aber gibt Lena auch ein Stück weit ihre Identität auf, spielt perfekt jenes englische Fräulein, das eigentlich Deutschland repräsentieren soll - und gewinnt. Haushoch vor den eigentlichen Engländern. Die haben sich noch in den letzten Wochen über Lenas Dialekt und ihre Songtexte echauffiert, ließen in Oslo aber selbst übelste Pennäler-Poesie trällern.

Einig EU-Land


Aber was bedeutet Lenas Sieg jetzt für die Zukunft Europas? Bedeutet er überhaupt etwas? Die Medien scheinen sich mit dieser Frage nicht zu beschäftigen. Sie sind noch viel zu sehr damit beschäftigt, sich als Fans aufzuführen, die sich im andauernden Siegestaumel in „Lena! Lena!“-Rufen ergehen. Dabei waren es gerade die deutschen Medien, die noch vor ein paar Wochen den Sieg Deutschlands aufs Spiel setzten, indem sie eifrig gegen „Pleitestaaten“ wie Griechenland hetzten, sich hochnäsig als Europa-Polizei aufspielten und den Zorn der Hellenen und anderer EU-Staaten auf sich zogen.

Diese Sorgen scheinen für diesen Moment vergessen. Auch wenn die Griechen Deutschlands Arroganz mit mageren zwei Punkten abstraften, haben sich plötzlich alle wieder lieb. Da stifteten Staaten, die „Germany“ noch in den Jahren zuvor hartnäckig ignorierten,  großzügig Siegpunkte für „unsere Freunde in Deutschland“ und beglückwünschten Deutschland zu seiner „Lovely Lena“.

Für einen Abend schien der Traum von der Europäischen Union also endlich wahr geworden zu sein, auch wenn in ein paar Tagen wieder die bittere Realität in das kollektive Bewusstsein Einzug halten wird. Dann müssen all die „Lenastheniker“ einsehen, dass alles nur Show war und das gemeinsame Boot weiter sinkt. Da hilft es nichts, liebevoll über die glänzende Gallionsfigur zu streichen und in den buntesten Farben von fernen Ufern zu träumen. Sonst bleibt das Sommermärchen, das was es ist: ein Märchen.

Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von John, Mai 31, 2010

Vielen Dank
...für diese schöne Analyse. Schon bedenklich dass es ein wenig kritischere Stimmen dieser Art von den sogenannten "klassischen" Medien im Prinzip überhaupt nicht gab...
geschrieben von Tom, Mai 31, 2010

Wahnsinn
@John: Muss ich Dir beipflichten. Wie kann es sein, dass etablierte Medien wie Spiegel Online seit Tagen blind dieser Lena huldigen? Von gestandenen Journalisten hätte ich zumindest eine distanzierte Meinung erwartet. Die ganze Republik gluckt zusammen und die Politiker sonnen sich im Glanze des Mädels. Wie verlogen ist das denn? An Köhlers Stelle wäre ich schon aus diesem Grund zurückgetreten. Armes Deutschland, echt.
geschrieben von Patricia, Juni 01, 2010

Li-La-Lena-Laune
Zwar heißt es immer, dass schlechte Nachrichten mehr Leser anziehen, aber die Republik hat anscheinenend nach positiven Schlagzeilen gelechzt. Vielleicht haben wir diese Li-La-Lenalaune einfach nötig gehabt.
geschrieben von Ronald, Juni 01, 2010

...
Außerhalb Deutschlands, im Rest Europas, interessiert Lena doch niemanden, glaube ich. Habe mir in den vergangenen Tagen mal die Seiten verschiedener britischer Blätter angesehen. Da jedenfalls stand kein Wort über Lenalein. Ich nehme an, man kann die britische Nichtberichterstattung auf große Teile Europas übertragen. Insofern ist die Dame kein europäisches, sondern wohl ein rein deutsches Phänomen. Und Englisch kann sie auch nicht wirklich. Trotzdem: lustiger Artikel.
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