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Deck +++ Glanz & Gloria +++ Und dann kam der Hagel
Freitag, 22.07.2011
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Loveparade
 

Und dann kam der Hagel

Zwei Jahrzehnte lang war die Loveparade Symbolstätte für einen der größten Generationendiskurse zeitgenössischer Populärkultur. Ihr trauriges Ende steht stellvertretend für die Widersprüchlichkeit jugendlicher Ideale und kapitalistischer Vergesellschaftung.
Geschrieben von:   
Das Massenhafte als Reiz der Loveparade © Flickr k_t


Berlin nach dem Mauerfall, eine konturlose Jugend der 90er mit nur schemenhafter „Wir“-Gestalt, eine – vergleichsweise - positive Einstellung zu den vorgefundenen gesellschaftlichen Verhältnissen und ein entspanntes Verhältnis zu technologischen und kapitalistischen Prinzipien: Die Grundsteine der Technobewegung muss man in ihrer Historie und als Generationsphänomen betrachten – und die Loveparade ist in diesem Sinne schon immer das größte deutsche Symbolevent posttraditionaler Vergemeinschaftung gewesen – nicht mehr, nicht weniger. Der Reiz der Reizlosigkeit der Musik, ein Narzissmus, der fast schon gesund war, ein Habitus, der fast schon radikale Gegenwärtigkeit verkörperte: Man würde der Sache nicht gerecht, wenn man sämtliche Loveparaden im nachhinein als sinnlose „Bum Bum“-Veranstaltungen (Rainer Schmidt) abqualifizieren würde. Musik ist seit jeher immer schon vor allem auch ein Moment sozialer Signifikanz gewesen; auch – oder auch: gerade – wenn sie den Reiz für das Massenhafte erwecken konnte.

Abgesang versus Goldgräberstimmung

Das Massenhafte der Loveparade, darum drehten sich viele Streitmomente in der Szene, und üblicherweise ging es primär um die Frage nach Ausgewogenheit von Over- und Underground. Das Massenhafte, darum drehten sich auch die strategischen Überlegungen der später Ausrichtenden, und üblicherweise ging es um die Frage des ökonomischen Plus-Effekts eines derartig werbeträchtigen Riesenevents. Abgesang versus Goldgräberstimmung, Party-Kunst gegen Kommerz. Schon Mitte der 1990er Jahre hatte sich die Technomusikszene von der Veranstaltung vermehrt zurückgezogen - Gegenstücke wie die „Fuckparade“ wurde als Substitutionsveranstaltungen initiiert. Die Szene hatte postwendend die Last des eigenen Erfolgs zu spüren bekommen, denn auch die „Normalen“ hatten sich längst anstecken lassen vom Zauber des vereinten Feierns. Musikbewegung wird Jugendbewegung wird Geldpumpmaschine – der normale Kreislauf des Kommerz.

Ein System für alle

Das alles in der Technobewegung zudem verstärkt durch die Verankerung im System, wobei man diese Anschlussfähigkeit den Ravern nicht vorwerfen kann – ebenso wenig wie die fehlenden gesellschaftlichen Reibungspunkte. Die Integrationsoffenheit der Bewegung, die immens war, die Auflösung der Zeichenreferenz subkultureller Codes – all das war es ja letzten Endes, was den besonderen Reiz ausmachte und massiven Idealismus widerspiegelte. Der vereinigende Charakter der Bewegung konnte dabei vor allem und auch nur deshalb geboren werden, indem bewusst so etwas wie eine Abkehr von dem Mechanismus, jedwede Handlung von ihren gesellschaftspolitischen Implikationen zu betrachten, kultiviert wurde: Radikalisierung und Erlösung des eigenen Generationenschicksals gehen hier Hand in Hand – als fast schon logische Konsequenz eines Jung-Kollektivs, für das politische Ideologie und Subversion schon immer relativ „erfahrungslose“ Begriffe gewesen sind.

Insofern ist es traurige Ironie des Schicksals, dass die vertrauensvolle Einstellung zum System, das die Loveparade symbolisierte, sich im Falle Duisburgs als absolut fatal erwies: Harmonie als materiell verwertbares Gut – das war die Loveparade seit 2001, ausgereizt und bis an die Grenzen getrieben, und in der Konsequenz sich letzten Endes brutal selbst schlagend.

Themen: Loveparade Popkultur
Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Chris, Juli 22, 2011

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"... positive Einstellung zu den vorgefundenen gesellschaftlichen Verhältnissen und ein entspanntes Verhältnis zu technologischen und kapitalistischen Prinzipien. (...)
Der vereinigende Charakter der Bewegung konnte dabei vor allem und auch nur deshalb geboren werden, indem bewusst so etwas wie eine Abkehr von dem Mechanismus, jedwede Handlung von ihren gesellschaftspolitischen Implikationen zu betrachten, kultiviert wurde."

Interessante Thesen, und sehr angenehm zusammengefasst. Danke.
geschrieben von A. Suesssauer, Juli 22, 2011

...
Hat sich das System wirklich selbst geschlagen? Oder wurde es nicht vielmehr von einer Hand vollIdioten niedergestreckt. Bei den Schlüsselpositionen des Unglücks regierte doch in Duisurg jeweils ein unheilvoller Mix aus Größenwahn, kleinbürgerlichem Vorstellungsvermögen, Duckmäusertum.

Hinzu kommt, dass hier zu keinem Zeitpunkt ein Gleichgewicht der Vertragspartner gegeben war. In Hamburg, Berlin, München hätte sich die Stadt nicht so unter Druck setzen lassen.

Möglicherweise hat sich ja das "System" die Duisburger Umstände gesucht? Ich verstehe nicht so ganz, wo der Text hin will.
geschrieben von Chris, Juli 22, 2011

...
"Hat sich das System wirklich selbst geschlagen? Oder wurde es nicht vielmehr von einer Hand vollIdioten niedergestreckt. Bei den Schlüsselpositionen des Unglücks regierte doch in Duisurg jeweils ein unheilvoller Mix aus Größenwahn, kleinbürgerlichem Vorstellungsvermögen, Duckmäusertum." - Genau darum geht es doch.

Die letzten Jahre haben ja gezeigt, dass die Loveparade vor allem eine Profitmaschine für die durchführenden Städte war. Ich war 2008 auf der "Highway to Love" in Dortmund; das war die mit dem Unwetter. Schon da war es teilweise echt "brenzlig", weil Massen an Menschen bei dem Platzregen nachmittags in die Tunnel drängten. Zudem hoch frisierte Besucherzahlen, ganz nach dem Motto: "Alle sind da, kommt auch!"

Auf der anderen Seite das Grundvertrauen der Besucher in die Veranstalter (so ging es zumindest mir und den meisten, die ich kenne). Eben: "friedliche Koexistenz".

Duisburg hat natürlich arge und fahrlässige Versäumnisse zu verbuchen; andere Städte wären vielleicht achtsamer gewesen, aber eine Garantie auf Sicherheit gibt es natürlich bei Veranstaltungen dieser Größenordnung nicht.
geschrieben von Nadia Shehadeh, Juli 22, 2011

...
@A. Suesssauer:
"... unheilvoller Mix aus Größenwahn, kleinbürgerlichem Vorstellungsvermögen, Duckmäusertum." - Da stimme ich natürlich voll zu, und das Ganze hat im Fall Duisburgs mit Sicherheit besonderen Umfang gehabt.

Generell ging es mir aber vor allem darum, das "Generationsphänomen" zu beleuchten, da das Ganze ja oft auch unter dem Topic "Drogen- statt Jugendkultur" subsumiert wird/wurde und Loveparade&Co. nicht selten als absolute Sinnlos-Veranstaltungen gehandelt wurden.
geschrieben von Heiner, Juli 22, 2011

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"... und in der Konsequenz sich letzten Endes brutal selbst schlagend."
Eine sehr irrationale Sichtweise, die Organisatoren waren im Vorfeld genügend gewarnt,
= vorsätzliches Chaos; und wenn die LP auf einem offenen Gelände stattgefunden hätte,
wäre bis heute kein "brutaler Selbstmord" geschehen...

Man kann die Popkultur der Loveparade mit ihrer "BumBumMusik" gerne auch politisch interpretieren,
der "Reiz für das Massenhafte" hat ja nicht nur eine turbokapitalistische Komponente ;-)

Shortstory "ChillOut - ChillOff" dazu : http://goo.gl/alDmC
geschrieben von Nadia Shehadeh, Juli 22, 2011

...
"... die Organisatoren waren im Vorfeld genügend gewarnt" - Zustimmung; allerdings gewann am Ende ja dann doch die Devise "Durchziehen, es wird schon klappen, denkt an den Reibach". Nach einem durch und durch rationalen und ökonomischen Prinzip.
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