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Neue Bürgerlichkeit
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"Ich will auch mal Spießer werden!" |
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| Wenn je eine Generation für sich in Anspruch genommen hat cool, hip, trendy und in jedem Fall nicht spießig zu sein, dann ist es unsere. Komisch nur, dass man dann doch an jeder Ecke auf das gemeine Spießertum stößt. |
| Geschrieben von: Saskia Schäfer |
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Das Comeback des Spießers © Flickr Céline Martinet
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Man hat es verdrängt, verteufelt, nie für möglich gehalten: Wenn man die 30 erstmal geknackt hat, mutet ein Blick in den eigenen Bekanntenkreis an wie eine Jahreshauptversammlung des Kleingartenvereins Eckernförde. Da gibt es zwar immer ein paar Spinner, die sich die Rasenhöhe nicht vorschreiben lassen und partout ihre Hecken nicht stutzen, der Großteil aber hält sich brav an die Kleingartenordnung, nach der jede Geräuschentwicklung nach 21 Uhr automatisch eine Ruhestörung ist. Ausgerechnet diejenigen, die vor wenigen Jahren noch am lautesten gegen aufkommendes Spießertum gewettert haben, feiern heute sterbenslangweilige Hochzeiten und beschränken ihren Urlaub mit Nachwuchs auf die Erkundung einiger weniger Ostseeinseln. Glück gehabt, hätte ja auch der Harz sein können! Manche tragen selbst in ihrer Freizeit keine Jeans und Turnschuhe mehr, weil man ja beim Stadtbummel dem Chef oder Kollegen begegnen könnte. Streng genommen läuft das schon unter Selbstaufgabe. Die Gefahr innerhalb der nächsten zehn Jahre auf beige Stoffhosen und Strickpullunder umzusteigen ist immens. Nestbau essen Seele auf Wo sind sie hin, die großen Träume? Kaum liegen die ersten Jahre der Berufstätigkeit hinter uns und nähern sich Familienplanungsabsichten, scheint so etwas wie kollektiver Nestbauwahn einzusetzen, der alle bisherigen Lebensabsichten in die Bedeutungslosigkeit verbannt. Da findet man es plötzlich nicht nur normal, sondern auch äußerst notwendig dem Friseur 250 Öcken für die Brautfrisur in den Rachen zu werfen und nebenbei die Stuhlhussen für den Festsaal zu ordern. Die gibt’s dann sogar im Paket mit dem Alleinunterhalter, der sich fünf Stunden lang „DJ“ schimpft und Tante Käthes Musikgeschmack besser trifft als den des Brautpaars. Ist aber auch nicht schlimm, denn das Paar ist mit den typischen Hochzeitsspielchen à la Ehetauglichkeitstest und Holzstammsägen ohnehin bis in den späten Abend beschäftigt. Trauzeugen und Freunde, die so was organisieren, gehören irgendwo einbetoniert. Witzigerweise empfinden das aber alle als lustig und keiner als spießig. Ein Kopfschüttelreflex jagt den nächsten. Neulich höre ich einen frisch gebackenen Zweifachpapa, wie er von Extremsportarten schwärmt, die er gerne mal ausprobiert hätte, aber jetzt sei es dafür natürlich zu spät. Schlimm, wenn man mit Mitte 30 mit dem Leben schon abgeschlossen hat. Mit Kindern ändert sich vieles und der organisatorische Aufwand ist sicher nicht zu verachten, aber muss man sich selbst als Person komplett aufgeben, um dem Nachwuchs gerecht zu werden? Spieleabende sind der Sex des Alters Wir leben in einer Zeit unbegrenzter Möglichkeiten und driften dann plötzlich freiwillig in ein Leben ab, das selbst unsere Eltern langweilig finden würden. Wo ist der Rock'n'Roll geblieben? Klar wird man älter und schafft es allein körperlich nicht mehr, dreimal die Woche die Nacht durchzutanzen und trotzdem im Job volle Leistung zu bringen. Aber wenigstens ab und zu mal so zu tun als sei man noch nicht frührentenberechtigt hilft schon dabei, im Kopf nicht völlig zu vergreisen. Und für alle, die sich jetzt wichtig vorkommen: Die Übergänge von Seriosität zu Senilität sind fließend, sogar im wörtlichen Sinn. Aber hey, ich verstehe das: So ein Spieleabend unter Freunden kann doch auch Spaß machen. Früher gab's eben Käseigel und Canasta, heute bestellt man Sushi und spielt Tabu. Aber nur weil dabei die Themen manchmal so schlüpfrig sind wie der Fisch, ist das trotzdem keine Abendbeschäftigung mit der man hausieren gehen sollte. Das betrifft aber natürlich auch wieder nur kinderlose Paare, denn die, die an ihrem Nachwuchs leiden, überlassen ihr Kind grundsätzlich keinem Babysitter. Mitnehmen kann man den Kleinen auch nicht, weil er in letzter Zeit so unruhig schläft, wenn er sich erstmal die Erlebnisse des Tages von der Seele geschrien hat. Der Hosenscheißer ist drei Monate alt, was kann der schon erlebt haben? Wenn die Eltern so weiter machen, wird das die nächsten 18 Jahre auch nichts. Am besten sind aber immer noch die, die einem wochenlang in den Ohren liegen, dass man doch unbedingt mal wieder abends was zusammen unternehmen müsse. So wie früher, erst schick Cocktails schlürfen und dann irgendwo tanzen bis das Licht angeht. Seltsamerweise sind das dann immer die ersten, die absagen. Bedenklich daran ist nur, dass ihnen ihre eigenen Begründungen („die Woche war so anstrengend, und ich bin einfach irgendwie platt“) nicht mal verdächtig vorkommen. Man kann ja kaum was dagegen tun, man wird unweigerlich in die Richtung dieses geistigen Kleingartens geschoben. Aber wenigstens ab und zu mal fünfe gerade sein lassen hat auch noch keinem geschadet. Und falls mal wieder ein Konzert ansteht, für das Ihr euch irgendwie zu müde fühlt, dann nehmt Euch verdammt nochmal ein Beispiel an Euren Idolen von einst: Die stehen nämlich noch auf der Bühne und rocken den Saal. Kommentare zu diesem Artikel:
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Dann weiß man immer Bescheid, ob man grade einer Beschäftigung nachgeht, "mit der man hausieren gehen sollte" oder nicht.
Spießigkeit so sehr über Äußerlichkeiten zu definieren ist selber sowas von spießig.