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Deck -> Glanz & Gloria -> "Indie wurde längst von H&M aufgekauft"
Dienstag, 25.05.2010
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Robert Stadlober
 

"Indie wurde längst von H&M aufgekauft"

Der Schauspieler und Musiker Robert Stadlober über den geplatzten Traum, mit Musik Geld zu verdienen, warum er den Kauf eines neuen Pullovers niemals bei Facebook verkünden würde und die Hoffnung, dass die Welt noch zu retten ist.
Geschrieben von: Michael Stepper   
Ist froh, kein Teeniestar mehr zu sein: Robert Stadlober © Matthias David


Philibuster: Um Robert Stadlober ist es als Schauspieler in letzter Zeit ruhiger geworden, dafür hat die Musik an Stellenwert gewonnen. Neben Deiner Band „Gary“, deren neues Album gerade erschienen ist, betreibst Du ein eigenes Musiklabel. Kannst Du es Dir heute leisten, nur noch die Dinge zu tun, die Dir Spaß machen?

Stadlober: Ich mache generell, was mir Spaß macht. Dieses Privileg habe ich einem Sechser im Lotto namens „Crazy“ zu verdanken. Dadurch kann ich relativ autark entscheiden, wonach mir der Sinn steht. Die Stille um meine Person ist ja durchaus selbst gewählt. Das kommt nicht daher, dass ich nicht mehr arbeite, sondern eben an der Tatsache, dass die Projekte, die ich auswähle nicht immer auf den großen kommerziellen Markt ausgerichtet sind.

Philibuster: Es lag Dir ja immer am Herzen, auf einen gewissen Indie-Hintergrund zu verweisen, der Dich abgrenzt von Kollegen, die sich gerne im Schein der eigenen Marke sonnen. Du schienst an diesem ganzen Starrummel nie sonderlich interessiert.

Stadlober: Der Begriff Indie war schon immer das falsche Wort und eine Kategorisierung für Leute, die aus anderen Beweggründen als finanziellem Mehrwert Dinge getan haben. Das, was einem Musikmagazine heute landläufig als „Indie“ schmackhaft machen wollen, ist eine Illusion. Dieses Lebensgefühl hat heute längst H&M aufgekauft und dem trauere ich auch nicht hinterher. Für mich war es immer schon wichtiger, mich mit Kunst zu beschäftigen und nicht mich als Marke zu zelebrieren.

Philibuster: Und trotzdem definiert sich heute eine ganze Generation über dieses Prädikat Indie, das für Abgrenzung von der verhassten, weniger intelligenten Masse steht.

Stadlober: Das Problem unserer Generation ist viel mehr, dass ihre Mitglieder längst nicht mehr unter einer Strömung generalisiert werden können. Klar versammelt man sich irgendwie unter einem Konsens, trotzdem erscheint die Jugend heute zersplitterter denn je. Und anders will man als junger Mensch ja sowieso immer sein.

Philibuster: Wie stehst Du denn zu den Vorwürfen, unsere Generation sei unpolitisch und traue sich nicht, ihre Meinung öffentlich kund zu tun.

Stadlober: Das sehe ich überhaupt nicht. Wenn man sich den politischen Nachwuchs anschaut, dann sind da doch genug Leute dabei, die sich unglaublich für Politik engagieren. Vielleicht für die falschen Parteien und sehr auf die eigene Karriere bezogen. Aber immerhin. Sie scheuen sich nicht davor, sich politisch zu äußern.

Philibuster: Und trotzdem bevorzugt man im Internet die Anonymität, hinter der man sich recht bequem verstecken kann.

Stadlober: Das fällt mir persönlich nicht auf. Viele Leute in meinem Bekanntenkreis haben bei Facebook mehr als 500 Freunde. Wer vor solch einem Publikum über sein Privatleben tratscht, ist meiner Meinung nach alles andere als anonym. Vor 15 Jahren bestanden enge Freundeskreise vielleicht noch aus 20 Leuten. Ich für meinen Teil habe den paar Leuten schon damals nicht erzählt, dass ich mir einen neuen Pullover gekauft habe, warum sollte ich das heute bei Facebook tun?

Philibuster: Bist Du denn inzwischen irgendwo angekommen im Leben?

Stadlober: Erstens wusste ich noch nie, wo ich hin will, im Leben. Und zweitens kommt man höchstens im Sarg an. Am Ende des Lebens. Und bis dahin ist es eben ein Weg, den man für sich selbst gestalten kann. Wenn es gut läuft, hat man die Möglichkeit das so zu tun, wie es einem Spaß macht. Wenn es schlecht läuft eben nicht.

Philibuster: Du galtest ja nach Deiner Hauptrolle in der Verfilmung von Benjamin Leberts „Crazy“ als Teeniestar. Hast Du inzwischen Verständnis für ein Medienphänomen wie Lena Meyer-Landrut?

Stadlober: Lena ist vor allem eine klassische Interpretin mit einer schönen Stimme. Ob sie auch in der Lage ist, eigene Lieder zu schreiben, das kann ich nicht sagen. Aber wenn man sie mit dem Rest der Leute vergleicht, die wir in den letzten Jahren zum Grand Prix geschickt haben, sticht sie als grundsympathisches Mädchen heraus. Allerdings teilt sie das Schicksal der Leute, die ständig und immer wieder in den Medien auftauchen. Irgendwann setzt eine gewisse Sättigung ein. Irgendwann kann man sie nicht mehr sehen. Da bin ich ganz froh, dass das bei mir inzwischen der Vergangenheit angehört.

Philibuster: Glaubst Du, dass sich die Leute trotz dieser Casting-Stars und Pop-Hypes eines Tages auch wieder mehr für kleinere Bands à la Gary interessieren?

Stadlober: Heutzutage hat man als Musikschaffender mit zwei Problemen zu kämpfen. Erstens ist die Masse der Käufer viel kleiner geworden und zweitens haben sich die Leute auch an bestimmte Medien gewöhnt, von denen sie mit Musik und Künstlern versorgt werden. Das sind eben häufig Massenmedien, die genau diese Popacts hypen. Trotzdem gibt es auch bislang unbekannte Bands wie "The National", die gute Chartplatzierungen erreichen. Das liegt zum Teil auch an Musikblogs und den neuen Kanälen, die das Internet bietet.



Philibuster:
Macht es das Internet einfacher, kleinere Künstler bekannt zu machen? Zuerst macht es doch sicherlich mehr Arbeit.

Stadlober: Vor fünf Jahren war Myspace ein Phänomen. Es gab dort pro Land ein paar Bands, die sich über diesen Dienst vernetzt haben. Mittlerweile ist das Internet aber zur Parallelwelt geworden, in der das Geschrei wieder so groß ist wie vor dem Internet. Das Potenzial, das man dem Internet beimisst, ist ja in diesem Fall nicht mehr gegeben. Dazu kommt, dass man heutzutage die reale und die virtuelle Welt bedienen muss. Das bedeutet doppelten Arbeitsaufwand und gerade für kleine Bands kann das sehr schnell sehr anstrengend werden.

Philibuster: Wie kann man mit Musik denn überhaupt noch Geld verdienen? Mit Leidenschaft und Qualität? Oder wird es ähnliche Finanzierungssysteme geben, wie sie gerade in der Blogosphäre erprobt werden, sprich Micropayments?

Stadlober: Den Lebensunterhalt kann man mit Musik ohnehin nicht mehr verdienen. Allein der Gedanke zeugt von Naivität und ist zudem eine Illusion. Klar muss man als Musiker heutzutage größere Kompromisse eingehen als noch vor 20 Jahren. Natürlich ist das traurig, aber man muss Musik als Musiker vielleicht als Lebensabschnitt sehen und nicht als Beruf, den man bis zum Lebensende ausübt. Ich kenne Bands, die noch vor 15 Jahren relativ berühmt waren, deren Sänger oder Gitarristen inzwischen aber wieder an der Tankstelle arbeiten. Dieses Risiko birgt die freie Kunst aber schon immer in sich und im Grunde muss man irre sein, um überhaupt seine Zeit in finanziell derart aussichtslose Projekte zu stecken.

Philibuster: Glaubst Du, dass diese Entwicklung so weitergehen wird, oder werden wir eines Tages ein neues Urheberrechtssystem sehen, das diesem Abwärtstrend entgegenwirkt?

Stadlober: Das wird zwangsläufig passieren. Irgendwann wird es eine Art von Kulturflatrate geben – wie auch immer die aussehen mag. Das Internet wird irgendwann so durchkommerzialisiert werden, dass man für Klicks bei Myspace oder anderen Seiten Geld bekommt. Man sieht das ja an Spotify und anderen Musikdiensten, die da sehr experimentell arbeiten. Man kann nicht davon ausgehen, dass von heute auf morgen alle Downloads nur noch legal stattfinden. Ein Stück weit muss man aber auch auf die Leute vertrauen, dass sie Dinge unterstützen, die sie gut finden. Man kann das bei Vinylplatten beobachten. Fans kaufen immer mehr Platten bei Konzerten, die sie als Andenken oder musikalischen Kunstdruck betrachten. Das heißt aber nicht, dass das generell für den Absatz von Tonträgern gilt. Die CD ist in ein paar Jahren vergessen. Dann gibt es nur noch Downloads für die Masse und Vinyl für Sammler.

Philibuster: Wie aber bringt man Leute dazu, wieder Geld für Produkte auszugeben, die im Grunde digital frei verfügbar sind?

Stadlober: Die Krux ist ja, dass man der Jugend, die mit illegalen Downloads aufgewachsen ist, ihre Taten gar nicht wirklich vorwerfen kann. Die kennen das nicht anders und denken das wäre legal. Ich frage mich oft, wie man diesen nachfolgenden Generationen klar machen kann, dass es Leute gibt, die eine Menge Arbeit und Geld in diese Musik investieren. Das massive Versäumnis der Major-Labels in den letzten zehn Jahren war ja, das nie klar zu kommunizieren. Da wurden Millionen in große Künstler gesteckt, die absurd viel Geld verdient haben und immer noch verdienen. Es ist doch logisch, dass man sich beim illegalen Download eines Madonna-Songs nicht wirklich schlecht fühlt. Diese Frau wird dadurch bestimmt nicht ärmer. Aber warum muss ein Musiker überhaupt reich werden können? Ein gutes Auskommen sehe ich ja ein. Mein Vater ist Elektriker und hatte zum Beispiel nie die Option reich zu werden, auch wenn er seinen Job gut gemacht hat. Aber sobald man ausgewählte Leute hyped und mit Geld vollpumpt, korrumpiert man das ganze System.

Philibuster: Denkst Du denn, dass Social Media einen Beitrag leisten kann, dieses System zu revolutionieren?

Stadlober: Nein. Dazu müssen grundsätzliche Veränderungen in der Gesellschaft stattfinden. Hätte man mir vor zehn Jahren gesagt, dass ein Schwarzer in naher Zukunft Präsident der USA werden wird, hätte ich ihm den Vogel gezeigt. Social Media hat vielleicht dazu beigetragen, dass eine Stimmung weitergetragen wurde. Aber der gesellschaftliche Umschwung hat stattgefunden, weil die Leute extrem unzufrieden waren mit der Armut im Land, der wachsenden sozialen Ungerechtigkeit und der Bush-Administration.

Philibuster: Also besteht noch Hoffnung für die Welt?

Stadlober: Es wäre schlimm, wenn die nicht bestünde. Manchmal deprimiert mich das schon sehr, dass Politiker, die eigentlich von uns Bürgern eingesetzt werden, um in unserem Sinne Entscheidungen zu treffen, sich einen Dreck um das Wohl des Volkes kümmern. Eine Angela Merkel lässt Demonstranten beim G8-Gipfel in Heiligendamm zu – aber nur hinter einem entsprechend hohen Zaun. Das führt doch erst recht vor Augen, wie absurd die ganze Geschichte inzwischen ist. Vor diesem Zaun spielen auch Bands wie „Wir sind Helden“, die verkünden „Ich will mein Leben zurück“.  Am Ende sind sie aber auch nur Handlanger einer Elite aus Wirtschaft und Politik. Und an diesem Zaun wird dadurch leider nicht gerüttelt. Das mag linkes Geschwurbel von mir und ein paar Leuten sein, die die Welt gerne verändern würden. Vielleicht aber schafft die Menschheit das doch noch irgendwann.

Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Ronny, Mai 26, 2010

This ain't Indie ...
Hab sowieso nie verstanden, was das ganze Gedöns um die Indie-Szene eigentlich soll. Dadurch haben sich doch lediglich wohlhabende Berufskinder von der breiten Masse abgegrenzt. Am Ende frisst der Mainstream auch diese Bewegung - wie immer halt.
geschrieben von Tom, Mai 27, 2010

Gar nicht dumm!
So hatte ich Robert Stadlober gar nicht in Erinnerung. Der war für mich bislang ein Bravo-Starschnitt, der ordentlich Staub angesetzt hat. Aber was der Mann hier so von sich gibt, finde ich gut und würde ich auch so unterschreiben. Ob unsere Welt allerdings noch zu retten ist, wage ich zu bezweifeln.
geschrieben von Ramy, Mai 27, 2010

Downloads
Schwer wird es auf jeden Fall werden, den nachwachsenden Generationen den Wert digitaler Güter zu vermitteln. Da hat der Robert auf jeden Fall Recht. Apple schickt sich zwar an, mit iTunes, iPad und Co. dieses Bewußtsein wieder zu etablieren. Aber zu welchem Preis? Denn Apple denk vor allem an Apple und hat ja bereits börsentechnisch den einstigen Erzrivalen Microsoft überholt. Ob das für eine freie Zukunft so förderlich ist, wenn ein Musterschüler vormacht, dass alte Geschäftsmodelle und Monopole nach wie vor wunderbar funktionieren? Apple wird damit zum digitalen Pendandt zur Volksrepublik China und die Open-Source-Bewegung immer mehr zu einem Tibet aus durcheinanderpurzelnden Nullen und Einsen. Prost Mahlzeit.
geschrieben von Miffymiff, Juni 07, 2010

...
Genau, ich kanns bestätigen, der Robert ist nicht dumm, dafür aber provozierend und unterhaltsam, auch wenn man natürlich einiges von ihm genauso vehement bestreiten kann (jemand für eine schöne Wiener-Kaffeehaus-Debatte zu haben?? :-). Viele Leute sind heutzutage nicht mehr so, wie langweilig ...
geschrieben von Tom, Juni 08, 2010

Nachwachsende Generationen
@Miffymiff: Ich denke nicht, dass die Leute weniger geworden sind, die Roberts Meinung teilen. Vielmehr haben diese Leute wohl einsehen müssen, dass Protest und Andersartigkeit in unseren Zeiten dem eigenen Image - leider - eher schaden. Heutzutage gewinnt der, der sich am besten anpasst und nicht der, der mit Rückgrat hinter seiner Meinung steht. Man konnte das ganz schön bei den aktuellen Bildungsprotesten beobachten. Da gab es Studenten, die sich von den andersdenkenden "Hippies" regelrecht gestört fühlten, weil sie beim Büffeln für die Karriere unterbrochen wurden.
geschrieben von John, Juni 09, 2010

Indie
"Philibuster: Und trotzdem definiert sich heute eine ganze Generation über dieses Prädikat Indie, das für Abgrenzung von der verhassten, weniger intelligenten Masse steht."
Die Aussage halte ich für etwas weniger geglückt...aber ansonsten ein schönes Interview...
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