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Mein Philibuster
Deck +++ Glanz & Gloria +++ "Die Schönheit des Unperfekten"
Mittwoch, 09.06.2010
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The Parlotones
 

"Die Schönheit des Unperfekten"

Die Parlotones gelten als Südafrikas erfolgreichste Band, für die ARD haben sie den offiziellen WM-Song eingespielt. Sänger Kahn Morbee sprach mit Philibuster über Fußball und die Liebe zu einem Land zwischen Chaos und Aufbruch.
Geschrieben von:   
Kahn Morbee, Sänger der Parlotones © Pol Ramalheiro


Philibuster: Kahn, denkst Du, dass Südafrika bereit ist für die Fußball-Weltmeisterschaft?

Kahn Morbee: Ja, das Land ist definitiv bereit, die Welt zu empfangen. Es ist das erste Event dieser Größe, das in Südafrika ausgerichtet wird. Natürlich sehen solche Veranstaltungen in Europa anders aus und es gibt dort weniger Befürchtungen, was die Sicherheit angeht. Das ist sicher auch einer der Gründe, warum viele Leute nicht nach Südafrika kommen werden und das ist wirklich schade.

Philibuster: Hast Du selbst denn keine Angst, dass es zu Ausschreitungen während der WM kommen könnte? Gewalt ist immer noch alltäglich in Südafrika. In dem Song “Remember When” auf Eurem neuen Album erzählst Du ja, wie es ist, mit dieser Gewalt in Johannesburg aufzuwachsen.

Kahn Morbee: Diese Dinge passieren leider in Südafrika und ich will sie auch gar nicht von der Hand weisen, aber auch nicht unnötig aufbauschen. Jedes Verbrechen ist für sich ein einzelner Vorfall, das kann man doch nicht einfach auf ein ganzes Land übertragen. Viele Menschen und gerade die Fußball-Fans machen sich jetzt Gedanken über die Sicherheit in unserem Land, übersehen aber, dass während der WM die Sicherheitsvorkehrungen zehnmal so hoch sind wie im Alltag.

Philibuster: In den Spielstädten wird man Ausschreitungen sicherlich verhindern können, aber für die armen Townships wird es wohl nicht genug Sicherheitskräfte geben. Hinterlässt das nicht erneut ein zwiespältiges Bild Deiner Heimat?

Kahn Morbee: Ich sehe keinen Grund, warum es dort zu Ausschreitungen kommen sollte. Das ganze Land steht geschlossen hinter unserem Team, das schweißt zusammen, auch wenn sich immer noch ein riesiger Graben durch unser Land zieht. Dieses Thema wird aber meiner Meinung auch unglaublich von den Medien hochgejubelt. Das ist doch wie bei englischem Fußball. Da schreiben alle Medien, wie gefährlich das ist, weil anscheinend überall Hooligans schlägernd durch die Straßen ziehen. Wenn ich dann aber dorthin fahre, um mir ein Spiel anzusehen, kann ich mir ziemlich sicher sein, eben nicht verprügelt zu werden. Oder nehmen wir Los Angeles. Nur weil die Medien ständig von den dortigen Bandenkriegen berichten, gibt es doch auch ein ganz anderes L.A., eines, in dem die Gangs überhaupt keine Rolle spielen und in dem Mord und Totschlag nicht an der Tagesordnung sind. Man muss sich klar machen, dass eine gute Nachricht für die Medien immer erst dann gut genug ist, wenn sie Angst und Schrecken verbreitet. Viele Menschen bilden sich überhaupt keine eigene Meinung mehr. Anstatt einfach mal wieder in ein fremdes Land zu fahren, bleibt man lieber Zuhause, weil in der Zeitung stand, dass man dort mit 200-prozentiger Sicherheit zu Schaden kommen wird. Das ist doch Blödsinn. Natürlich kann immer auch etwas passieren, aber diese Panikmache ist noch viel gefährlicher, weil sie die Menschen manipuliert.



Philibuster:
Inwieweit habt ihr als Band die Möglichkeit, dieser medialen Tendenz eine eigene Botschaft entgegenzusetzen? So schnell kommt die Chance ja nicht wieder, dass man vor der ganzen Welt spielt.

Kahn Morbee: Unsere Hauptbotschaft besagt nach wie vor, dass wir stinknormale Typen aus Johannesburg sind. Natürlich wollen wir diese Bekanntheit jetzt auch nutzen, um immer wieder darauf hinzuweisen, dass Südafrika jede Menge zu bieten hat - zum Beispiel in kultureller oder sportlicher Hinsicht. Wir sind vielleicht ein Land im Aufbau, vielmehr im Wandel, das für Vielfältigkeit steht, die man in anderen Ländern teilweise gar nicht mehr findet. Wie langweilig wäre unsere Welt doch, wenn jede Stadt nur noch aus McDonalds- und Starbucks-Filialen bestünde? Ich für meinen Teil habe auch einen europäischen Pass, mit dem ich in jeder Stadt in Europa leben könnte. Trotzdem ziehe ich Südafrika vor, weil ich das Land liebe. In Worten lässt sich diese Faszination schlecht beschreiben und „Magie“ klingt immer ein wenig kitschig, nennen wir es: die Schönheit des Unperfekten.

Philibuster: Wie sieht es mit der Apartheid aus? In Deutschland fiel die Mauer vor rund 20 Jahren und trotzdem gibt es nach wie vor die Trennung zwischen Ost und West in den Köpfen der Deutschen. Die Apartheid wirkte als separierende Kraft aber viel länger. Kann Südafrika denn jemals zusammenwachsen? 

Kahn Morbee: Diese Trennung ist nach wie vor vorhanden, gerade zwischen Arm und Reich. Trotzdem denke ich, dass man in 10 bis 15 Jahren erste große Fortschritte sehen wird, weil viel getan wird in Sachen Integration und Bildung. Die riesigen sozialen Probleme will ich gar nicht herunterspielen, aber ich bin da guter Hoffnung, dass die WM der Welt zeigen wird, dass unser Land bereit ist für Veränderungen in Richtung einer positiven Zukunft. Es gibt auch in Südafrika Menschen, die sich gegen den Fortschritt wehren und am liebsten die Apartheid zurück hätten. Dieser Typus Mensch findet sich aber in allen Ländern und ich denke im Großen und Ganzen sind wir inzwischen auf einem guten Weg.

Philibuster:
Welche Rolle spielen die Parlotones in diesem Prozess?

Kahn Morbee: Gerne würde ich behaupten, dass wir darin eine Rolle spielen, aber als Musiker sind unsere Möglichkeiten da einfach begrenzt. Außerdem wollen wir den Politikern ihren Job nicht streitig machen. Trotzdem können wir in Interviews und in den Medien für unser Land sprechen und das ist auch eine Aufgabe, die wir gerne übernehmen. Man muss bedenken, dass unser Land vor 50 Jahren noch dem Europa vor 200 Jahren entsprach. Südafrika erlebte eine Reihe von Revolutionen, die demokratische Strukturen erst möglich machten. Ein Stück weit versuchen wir die Zukunft unseres Landes vorzuleben. Auch wenn das leicht gesagt ist, weil wir ja nur einen Teil Südafrikas repräsentieren.

Philibuster: Stichwort Revolution: Denkst Du denn, dass Südafrika überhaupt eine Chance hat, die WM zu gewinnen?

Kahn Morbee: Mein Herz sieht da durchaus Chancen, mein Verstand sagt mir aber, dass unser Team im Gegensatz zu Deutschland und anderen Nationen überhaupt keine Matchwinner vorweisen kann. Ein Sieg käme da schon einem Wunder gleich, auch wenn man als Gastgeberland vielleicht noch über einen gewissen Heimvorteil verfügt.

Philibuster:
Momentan sieht es ja so aus, als wäre kaum ein Spiel wirklich ausverkauft. Tickets sind nach wie vor reichlich vorhanden. Ist das nicht ein wenig enttäuschend?

Kahn Morbee: Das war ein Stück weit zu erwarten, da viele Leute tatsächlich große Sicherheitsbedenken haben. Aber auch wenn nicht jedes Spiel ausverkauft sein wird, denke ich doch, dass die Stimmung im Land und unter den Zuschauern die WM zu einem ganz besonderen Ereignis werden lässt. Der direkte Vergleich mit einer europäischen WM ist ohnehin nicht möglich, dazu ist Südafrika einfach zu unerfahren, was solche Riesenveranstaltungen betrifft. Dazu kommen ja auch die Preise für die Flugtickets, Aschewolken und sonstige unberechenbare Vorkommnisse.

Philibuster:
Die hohen Preise für die Flugtickets haben aber auch etwas Gutes. Für viele Hooligans sollte das allein schon abschreckend genug wirken.

Kahn Morbee: Das stimmt in der Tat. Mal schnell über die Grenze fahren, um Krawall zu machen, ist da nicht drin.

Philibuster: Apropos Krawall. Jetzt sind Fußballspiele in Südafrika ja schon alleine von der Geräuschkulisse her ein völlig anderes Erlebnis als in Europa. Da wird nicht nur gejubelt, sondern aus einem breiten Instrumentarium getrötet, gerasselt und gelärmt. Denkst Du nicht, dass das Teams wie die deutsche Elf ordentlich irritiert?

Kahn Morbee: Ach, ich glaube die Spieler sind, was das betrifft, viel zu professionell, um sich davon aus der Ruhe bringen zu lassen. Wenn eine englische Mannschaft in Berlin gegen Deutschland spielt, sehen sie sich doch auch Buhrufen und dem Groll der deutschen Fans ausgesetzt. Trotzdem spielen sie in den meisten Fällen ihr eigenes Spiel.

Philibuster: Auf was freust Du Dich am meisten bei der WM in Deiner Heimat?

Kahn Morbee: Darauf, der Welt zeigen zu können, dass wir auch als Drittweltland eine Fußball-WM ausrichten können, an die sich die Menschen vielleicht noch in ein paar Jahren erinnern werden. Der Gedanke beflügelt mich und viele meiner Mitmenschen. Das spornt uns an, uns weiterzuentwickeln. Ich kann es kaum erwarten, dass es endlich losgeht.

Das aktuelle Album der Parlotones "Stardust Galaxies" ist ab sofort im Handel und bei Amazon erhältlich
.

Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Imke, Juni 11, 2010

Südafrika
Kahn spricht mir ein wenig zu euphorisch von seinem Land. Ich war auch kürzlich in Südafrika und für mich ist das Land noch weit entfernt von der Normalität, wie wir sie in Europa kennen. Die hohe Arbeitslosigkeit, die extrem hohe Kriminalitätsrate und die Verbreitung von AIDs, das sind alles Probleme, die in den Griff zu bekommen sind.

Dafür wünsche ich dem Land alles Gute, denn wie man in den letzten Tagen gesehen hat, ist den Südafrikanern eines nicht abhandengekommen: ihre ansteckend gute Laune.
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