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Deck +++ Glanz & Gloria +++ Beautiful Freaks
Freitag, 28.10.2011
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Kommentare (3) Drucken
 
Übergrößen-Models
 

Beautiful Freaks

Von wegen Mut zur Molligkeit. Während Modemarken uns vom Trend zur Kurvigkeit bei Models überzeugen wollen, verwandeln sich die Moppel-Stars gerade reihenweise in Skeletor zurück.
Geschrieben von: Semia Belhadj   
Vor lauter tighten Ärschen und Antischwerkraftmöpsen scheint kaum mehr ein greifbarer Unterschied zwischen Normalität und Perfektion zu bestehen © Semia Belhadj


Jetzt, im Spätherbst, haben wir alle noch fresstechnische Schonzeit. Statt „ich bin zu dick“ darf man gerne noch von „ready for winter“ sprechen, die Köpfe leicht wiegend vor den Regalen mit den seit Spätsommer angebotenen Leckereien wiegen und die Einkaufswägen damit vollschaufeln. Pünktlich zum 1. Januar  jedoch werden sich sämtliche Magazine und Fernsehformate wieder der vermeintlichen Tatsache widmen, dass man sich die letzten Monate hat gehen lassen, hemmungslos genascht habe und es nun wieder Zeit für Disziplin und Ordnung sei im gut organisierten, körperorientierten Westen. Zeitgleich dazu bekommt Frau und manchmal auch Mann diverse Kampagnen von Herstellern körperbedeckender Hübschheiten vor die Nase gesetzt, bei denen sich die Produzenten zur Präsentation ihrer Kleidung die sogenannten „Oversized-Models“ zu Nutze machen.

Das ist nämlich gerade nicht nur trendy, sondern auch total PC. Abgesehen davon, dass wir da alle zustimmend nicken können und dabei unsere eigenen Plauzen mit Wohlbefinden tätscheln dürfen, ist es ja auch ziemlich mutig und ganz schön selbstbewusst, sich so zu präsentieren.

In einer von Terry Richardson fotografierten Kampagne beispielsweise wollten Modedesigner beweisen, dass die gleichen Kleidungsstücke sowohl „gewöhnlichen“ Models als auch „dicken“ Frauen stünden. Crystal Renn, die Übergrößenrepräsentatin in dieser Fotoreihe, machte vor einigen Jahren Schlagzeilen; Sie verfasste ein Buch, in dem sie sich mit der Modebranche und ihrer jahrelangen Erfahrung mit Magersucht und anderen Essstörungen befasste (Hungry: Ich wollte essen. Aber ich wollte auch in der Vogue sein. Heyne-Verlag 2009). In einem Interview mit dem Spiegel sagte sie, sie wolle, dass sich Frauen endlich bewusst werden, was sie ihrem Körper antun, wenn sie ihn so sehr hassen. Wenn sie ihn so sehr mit Hunger malträtieren, wie sie es getan habe, nur weil sie einem Ideal entsprechen wollen. Sie war magersüchtig. Sie war in der Hölle. Jetzt esse sie, was sie wolle, und sei trotzdem Model.

Der englische Titel des Buches bringt den eigentlichen Inhalt deutlicher zum Ausdruck: „Hungry: A Young Model's Story of Appetite, Ambition and the Ultimate Embrace of Curves“. Er deutet darauf hin, dass sie ihre Kurven zu schätzen, das Essen lieben lernte, und sich den Vorgaben der Modeindustrie mit ihren unrealistischen Größenangaben in Zukunft nicht mehr beugen wolle.

The Ultimate Embrace of Curves

Zur kurzen Zusammenfassung: Oversized-Models, die für namhafte Designer laufen haben im Schnitt eine Körpergröße von 10. In Deutschland ist das Größe 40. 38-40 ist wiederum der deutsche weibliche Kleidungsgrößendurchschnitt. Soll heißen: Die mutigen Dicken, die dort oben ätherisch in glitzerndem Garn wandeln, um uns mit ihrer figürlichen Andersartigkeit zu beglücken, haben Durchschnittsgrößen. Somit bekommen die  „Normalen“ einen weiteren Schlag in die Fresse. Nicht nur, dass Frauen inzwischen standardisierte Richtwertkörper von 1,80 Meter bei 50 Kilogramm als Referenz für Normalität begreifen vor lauter tighten Ärschen und Antischwerkraftmöpsen scheint kaum mehr ein greifbarer Unterschied zwischen Normalität und Perfektion zu bestehen.

Es ist eine völlig gut gemeinte und betuliche Marketingchose von Dove, nur noch „ganz normale“ (cellulitefreie, wunderschöne) Frauen als Models zu buchen. Und auch die ebenso auf Volksnähe ausgerichtete Bestrebung der Brigitte, nun mit „echten Frauen“ zu werben, möchte bewirken, dass sich Durchschnittsfrau nicht diskriminiert oder ausgeschlossen fühlt. All dies macht die Sache mit der Selbstwahrnehmung aber noch viel komplizierter.

Freak of Nature

Eine Person wie Crystal Renn – oder aber jede Frau mit einer Kleidungsgröße über 38 –  wird hierzulande als vollschlank oder kurvig tituliert. Die Frauen in der Dove-Werbung sind eben „ganz normal“, die Damen in der Brigitte alltägliche Frauen von nebenan und trotzdem Grund genug, die Präsentation ihrer Körper dauernd zum Thema zu machen. Schönheitsfehler werden pathologisiert, öffentlich mit Respekt und anerkennendem Wohlwollen bedacht und von oben herab gehätschelt.

Die Schauspielerin Christina Hendricks war die öffentliche Diskussion über ihre „Kurven“ so sehr leid, dass sie sich dazu veranlasst fühlte, eine Diät zu machen, damit nicht nur über ihre Brüste gesprochen wird, sondern über ihre Tätigkeit als Schauspielerin. Mit dem Stigma des übergewichtigen mutigen Freaks of Nature musste auch Crystal Renn leben. Nachdem sie sich und ihre Kurven erfolgreich vermarktet hat, und die Tatsache, dass sie nicht Größe 32 hatte ausreichte, um einen Bekanntheitsgrad zu erlangen, sieht man sie jetzt wieder an der Seite von Karl Lagerfeld, der sich noch vor Kurzem eher unschön über Oversized-Models äußerte. Sie ist nämlich wieder bei Größe 34 angelangt und sagt inzwischen, sie habe sich nur von den Medien unter Druck gesetzt gefühlt, ein Plus-Size-Model zu sein – worauf sie eigentlich gar keine Lust habe. Auch wenn das alles ziemlich lächerlich klingt und sich nun ein Großteil ihrer Anhänger betrogen fühlt, ist es dennoch verständlich – wer will schon als übergewichtiger Freak gehandelt werden?

Solange es aber immer noch ausreichend interessant  ist, alle Frauen, die sich abseits der vermeintlichen Norm befinden, hervorzuheben und deren Präsenz mit gutmenschlichem Respekt zu adeln, wird sich an der verqueren Selbst- und Fremdwahrnehmung von Körpern vermutlich auch nichts ändern. Ich will auch nicht, dass man über meinen Hintern redet als sei es ein dritter Arm der mit aus dem Kopf wächst und dafür auch noch Applaus bekommen, auch wenn das sicherlich mal eine Abwechslung wäre. Aber anstatt mich mit erhobenen Fäustchen in die Fußgängerzone zu stellen und „MY BUTT IS THE NEXT BIG THING“ zu brüllen, möchte ich lieber gar nicht über meinen Körper nachdenken und einfach ein bisschen durchschnittlich sein.

Auf einer Skala von 1 bis Freak allerdings, ist das gar nicht so einfach.

 

Themen: Magermodels Mode Models
Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Mira, November 10, 2011

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Abgenickt und befürwortet werden die Kampagnen, die Mode jenseits des überidealisierten Schlankheitideals präsentieren. Mit einer Kleidergröße von 38/40 als Oversize- oder Plus-Model gehandelt zu werden, ist jedoch sicherlich beschämender als den eigenen Körper mit Diätprogrammen zu misshandeln und daraufhin eben wieder ein normales Model zu sein. Ein wirklicher Schritt in die richtige Richtung wäre es, wenn es das Etikett Oversize gar nicht mehr gäbe und alle -- welche Kleidergröße auch immer -- sich nebeneinander gesellen könnten, ohne das die Dickeren lediglich wohlwollend toleriert würden.
Vielen Dank für den Artikel! Er zeigt, wie präsent und durchdringend die Schönheitsideale doch noch immer sind.
geschrieben von Mira, November 10, 2011

...
"Normal" und "die Dickeren" bitte in Anführungsstrichen denken. Meine Auszeichnung für kursiv hat hier leider nicht funktioniert.
geschrieben von Michael Gross, November 15, 2011

...
Die Modebranche ist eine Scheinwelt, in der Realität keinen Marktwert hat. Normalität ist langweilig und animiert niemanden zu kaufen. Wer will schon normal sein? Manche Hersteller von Klamotten gehen dazu über, Größe 38 rein zu schreiben, tatsächlich aber 40 zu schneidern. Ich finde, dick sein sollte nicht normal sein, genauso so wenig wie die Spargelstangen von Models.
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