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Deck +++ Glanz & Gloria +++ Unsere Angst braucht Hilfe
Montag, 25.10.2010
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Alltagsprobleme
 

Unsere Angst braucht Hilfe

Angst ist besser als ihr Ruf. Denn eigentlich meint sie es nur gut mit uns. Sie will uns bewahren. Vor Gefahren, unüberlegtem Handeln, falschen Entscheidungen, körperlichen und seelischen Schäden. Aber: Je besser es uns geht, desto abstrakter werden unsere Probleme.
Geschrieben von:   
Wer hat Angst vor der Angst? © Flickr Kai Mengel


Die Angst ist unsere Beschützerin, die uns den richtigen Weg durch die kriegerischen Landschaften unseres Alltags weisen will. Deswegen hat Mutter Natur sie erschaffen und sie Mensch und Tier zur Seite gestellt. Und viele, viele Jahrhunderte hat unsere Beschützerin ihren Job vorbildlich erledigt. Sie sorgte dafür, dass wir Menschen nicht von 20 Meter hohen Klippen sprangen. Dass wir uns nicht unbewaffnet und allein einem Löwen gegenüberstellten und dass wir uns rechtzeitig um genügend Nahrung und schützende Höhlen bemühten.

Doch dann passierte etwas Unvorhergesehenes: Der Mensch veränderte den Status Quo. Er baute Städte und Mietwohnungen, errichtete Konzerne, digitalisierte, globalisierte und abstrahierte die Welt. Von außen betrachtet wurde das Leben der Menschen dadurch zwar einfacher und bequemer, doch der Mensch verlor dadurch sein Naturell. Denn je besser es dem Menschen geht, desto abstrakter werden seine Probleme.

Verzerrte Gefahren

Früher war es wichtig, dass Frauen ausreichend Nahrung auftrieben und ihre Familie somit durch den Winter brachten. Heute ist es – vermeintlich – wichtig, dass Frauen einem Schönheitsideal entsprechen und wann immer es geht auf die im Überfluss vorhandenen Fressalien verzichten.

Früher war es wichtig, dass junge Männer lernten, Hütten zu bauen, Fährten zu lesen und zu jagen. Heute ist es wichtig, dass sie lernen, Konzerne zu leiten und die Aktienkurse zu deuten. Früher war es wichtig, dass man sich vor wilden Tieren in Acht nahm. Heute ist es wichtig, dass der Chef bemerkt, dass man jeden Tag fleißig Überstunden macht.

„Die Angst ist eine miese Schlampe“

Und weil all diese Gedanken unnatürlich sind und mit unserem ursprünglichen Menschendasein kaum mehr etwas zu tun haben, weiß unsere Beschützerin, die Angst, nicht mehr, was wirklich gefährlich ist, und was nicht. Und deswegen sorgt sie dafür, dass wir Menschen vorsichtshalber einfach mal vor allem Angst haben. Angst davor, zu dick zu werden, alt zu werden, nicht zu genügen, den Job zu verlieren, keine Anerkennung zu erhalten, bestraft und missachtet zu werden, allein zu bleiben.

Die Folgen sind Panikattacken, Burnout, Depressionen und die allgemeine Verteufelung der Angst. Wir Menschen haben es uns zur Gewohnheit gemacht unsere Beschützerin zu hassen und zu verteufeln. Im Jahr 2009 beschrieb Sarah Kuttner in ihrem Roman „Mängelexemplar“ die Angst in etwa als „eine miese Schlampe, die einem von hinten zwischen die Beine tritt“. Und immer wieder ist die Rede davon, dass wir Menschen die Angst „besiegen“ müssen.

All das ist zwar verständlich, denn unsere Beschützerin neigt definitiv zur Übertreibung und macht uns das Leben somit nicht selten reichlich schwer. Sie zu hassen ist aber trotzdem ungerecht. Und was noch viel wichtiger ist: Diese Einstellung bringt uns nicht weiter. Denn die Angst besiegen oder loswerden können wir nicht. Die Natur hat sie uns genauso eingepflanzt wie das Verlangen nach Schlaf, Nahrung und Sex. Das einzige, das wir können, ist, uns mit unserer Angst zu versöhnen und ein wenig nachsichtiger mit ihr zu sein. Wie gesagt meint sie es nur gut und will uns helfen. Da sie sich heute aber in einer Welt befindet, für die sie nicht geschaffen wurde, weiß sie nicht mehr, vor was wir überhaupt beschützt werden müssen. Deswegen sollten wir sie an die Hand nehmen und es ihr zeigen. Das Problem ist nur: Wir wissen es ja selber nicht.

Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Jörn, Oktober 25, 2010

Angst
Gerade Ärzte handeln bei der Diagnose "Angst" ja oft recht unverantwortlich. Sie nehmen ihren Patienten jegliche Chance, zu lernen, mit der Angst umzugehen. Stattdessen verschreiben sie Antidepressiva und ähnliche "Angstunterdrücker" und bekämpfen dadurch - wie so oft - nur die Symptome aber nicht die Ursachen. Wer seinen Körper kennenlernen will, sollte also nicht bei jeder kleinen Panikattacke die Angst medikamentös verscheuchen, sondern ganz gezielt wirken lassen und sich fragen: Woher kommt dieses Gefühl ...
geschrieben von SophiesWelt, Oktober 25, 2010

...
"Man kann die Angst mit einem Schwindel vergleichen. Wer in eine gähnende Tiefe hinunterschauen muß, dem wird schwindlig. Doch was ist die Ursache dafür? Es ist in gleicher Weise sein Auge wie der Abgrund - denn was wäre, wenn er nicht hinuntergestarrt hätte? Demgemäß ist die Angst jener Schwindel der Freiheit, der aufkommt, wenn der Geist die Synthese setzen will und die Freiheit nun hinunter in ihre eigene Möglichkeit schaut und dann die Endlichkeit ergreift, um sich daran zu halten. In diesem Schwindel sinkt die Freiheit nieder." (Kierkegaard)
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