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Yassir Ezarzar
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Heimat ist ein großes Wort |
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| Seit über einem Jahr versucht der nach Marokko ausgewiesene Frankfurter Rapper Yassir seine Rückkehrerlaubnis nach Deutschland zu erwirken – bisher ohne Erfolg. Zeit für uns, eine Botschaft in die Ferne zu senden. |
| Geschrieben von: Nadia Shehadeh |
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Yassir - Rapper mit unbestimmter Zukunft © Echte Musik
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Wir befinden uns in einer Zeit, in der eine aufgeschreckte so genannte „deutsche“ und eine so genannte „migrantische“ Mittelschicht um ihren Status fürchten und sich einen symbolischen Kampf um Anerkennung in den Feuilletons und auf den Buchtheken unseres Landes liefern. Es bleibt ein Theorie-Krieg der Privilegierten, der Sprachrohre, der Gesättigten, der denjenigen, die wirklich leiden – ob deutsch oder nicht – bisher noch nicht wirklich zu Gute kommt. Denn neben diesen symbolischen Kämpfen liegen noch viele andere Geschichten, für die momentan an mancher Stelle nur wenig Raum bleibt. Yassir, Deine Geschichte ist so eine. Und Du und ich, wir wissen, dass sie wohlwahr keine Erfolgsgeschichte ist. Zeche zahlen Yassir. Du bist jemand, der nichts mehr verschweigen muss. Einer, der bereit ist, seine Geschichte bis ins letzte Detail zu erzählen, schonungslos ehrlich, als Preis für die Hoffnung, anderen die Augen zu öffnen, denn Du vermutest weitere Yassirs da draußen, Jahrzehnte jünger als du, aber dennoch in der Gefahr, eine ähnlich gelagerte Laufbahn wie die Deine einzuschlagen – und dabei hart im Genick gepackt zu werden. Und wahrscheinlich hast du Recht, so dass es vielleicht noch wichtiger wird, dass Botschaften von jemandem wie Dir sie erreichen, denn dem so genannten „Establishment“ wird es kaum gelingen, sich bei ihnen Gehör zu verschaffen. Es ist Dir auch egal, ob diese Jungs nun Mohammed, Dragan oder Kevin heißen, denn „Herkunft“ ist für Dich dabei keine wirklich nennenswerte Größe – allenfalls dann, wenn wir über eine Variable sprechen, die weiter reichende soziale Komponenten beinhaltet. Kapital – auch in Form von Bildung und inkorporiertem Wissen. Status – ökonomisch und symbolisch. Und auch wenn Dein Denken jenseits eines irgendwie gearteten akademischen Diskurses liegt, so spricht aus Deinen Erfahrungen die Empirie der Straße, des Ghettos, der großen Stadt. Es sind die Feststellungen eines Mannes, der so ziemlich jede harte Struktur unseres Landes und alle Folgen, die kriminelle Fehltritte mit sich bringen, gespürt hat. Es sind harte, bittere und oft auch traurige Passagen, von denen Du erzählst – formuliert fernab jeglicher ich-zentrierter Identitäts- und Hintergrunddiskurse. In Deinen Berichten verzichtest du auf sämtliche Weichzeichnungen und legitimierende Rechtfertigungen für alles, was geschehen ist. Zu verlieren gibt es nichts mehr – denn Familie, Freunde und Heimat hast du bereits verloren. Da, wo nie etwas richtig gut war und nichts mehr schön ist, braucht es keine Beschönigungen mehr, auch für Dich nicht, denn du lebst mit den Konsequenzen, die hart, aber real sind: „Doch für alles was Du tust, Bruder, musst Du Zeche zahlen.” Zungenbetäubt Du gehörst nicht zur zungenbetäubten „zweiten“ oder „dritten“ Generation, der der Aufstieg gelang und die mittlerweile nicht selten eingespannt ist in ein Netz aus Konsumismus und Entsolidarisierungstendenzen. Für Dich ist Deutschland die einzige Heimat – ohne wenn und aber, trotz aller Restriktionen, die unser Land noch heute parat hält und die dazu führen können, dass jemand, der hier geboren und aufgewachsen ist, der hier Frau und Kinder hat, einen Platzverweis erhalten kann, der schnurstracks die Katapultierung in das nicht wirklich bekannte Land der Eltern bedeutet. „Heimat ist ein großes Wort“ sagst du in einem Deiner Tracks, und so ist es wohl auch – selbst, wenn der Ort eigentlich klar auf der Hand liegt. Diese Woche gab es also wieder schlechte Nachrichten: Deine Rückkehr nach Deutschland wurde erneut abgelehnt, und Du wirst vorerst weiter in Marokko abwarten müssen, wie die Dinge sich entwickeln. Einsicht und Besserung wogen im bisherigen Prozessverlauf nicht besonders schwer, und dass Deutschland schon immer Deine Heimat gewesen ist, war von Anfang an nicht wirklich von Bedeutung. Und all das - Geschichten wie Deine, die sich „da draußen“ wiederholen, immer und immer wieder - sollte man nicht vergessen, wenn man sich über bestimmte Befindlichkeiten unseres Landes Gedanken macht. Wir vergessen nicht Die Gräben, in die wir hinabblicken, werden nicht selten von oben geschaufelt, und die Kluft verhindert einen genaueren Blick nach unten. Dabei könnte dieser oft besser erklären, warum wir da sind, wo wir uns gerade befinden, und warum Du noch immer da bist, wo sie dich hingeschickt haben. Und während es vereinzelt süffisante Stimmen vom hohen Ross hagelt, die klagen, dass sie wohlwahr schon damit liebäugelt haben, das Land zu verlassen, weil sie sich hier nicht mehr „willkommen“ fühlen, sollten wir uns immer wieder daran erinnern, dass es genug Menschen gibt, die gerne wieder zurückkommen wollen, es aber nicht dürfen. Und das, Yassir, kann ich Dir versprechen: Zumindest wir, Deine Freunde, werden uns daran erinnern, wir werden tun, was wir können, und wir werden Dich nicht vergessen. Solange, bis Du wieder hier bist. Kommentare zu diesem Artikel:
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