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Deck -> Neue Welten -> Rage against the Regime im Netz
Montag, 31.01.2011
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Ägypten
 

Rage against the Regime im Netz

Das Internet führt auch im Fall Ägyptens zu Belastungsproben im Bereich der internationalen Politik. Wir sprachen mit dem Administrator der Facebook-Seite „We are all Khaled Said“, die mittlerweile eine der wichtigsten Informationsquellen rund um den Protest geworden ist.
Geschrieben von: Nadia Shehadeh   
Das Netz bringt Husni Mubarak zu Fall © Carlos Latuff


VVor rund einem Jahr wurde der Blogger Khaled Said in Ägypten zu Tode geprügelt - seitdem steht sein Name für den Protest gegen das Mubarak-Regime. Das „We are all Khaled Said“-Projekt dient als Mahnmal, wobei der Gründer anonym bleibt und sich “Elshaheed” nennt – dennoch wirkt er kein bisschen mysteriös, sondern in der Kommunikation via Mail und Google-Chat absolut unprätentiös und unkompliziert. Dass seine Seite mit etwa 35.000 Mitgliedern inzwischen eine der Nummer-Eins-Adressen im Netz ist, wenn es um den Abruf und Austausch von Informationen rund um Ägypten geht, ist dabei nicht nur Zufall: Das Streben, über ägyptische Zustände aufklären zu wollen, bestand lange vor dem „Egypt Uprising“. Khaled Saids schreckliches Schicksal zeigt, welches Ausmaß an Unterdrückung ägyptische Regimegegner und Oppositionelle seit Jahrzehnten erleben mussten und weist zudem darauf hin, dass es in Ägypten nicht allein um Presse- und Meinungsunfreiheit oder Armut geht, sondern auch und vor allem um insgesamt massive Menschenrechtsverletzungen, die Folter und Mord im großen Stil nie ausschlossen. Insofern ist das zurückhaltende Gebahren vieler Politiker der Weltöffentlichkeit absolut unerträglich, hinsichtlich spezifischer Interessenlagen aber nachvollziehbar. Und es bleibt das Resümee: Ohne das Internet hätte das von vielen Seiten erwünschte Schweigen zum Polizeistaat Mubaraks vielleicht auch Erfolg gehabt.

Philibuster: Deine Facebook-Seite ist mit etwa 35.000 Mitgliedern die größte, die im Social Network über die Geschehnisse in Ägypten berichtet – welche Reaktionen bekommst Du?

Elshaheed: Ich kann sagen, dass das Medieninteresse momentan absolut riesig ist. Ich bekomme mittlerweile sehr viele Interviewanfragen, kann jedoch aus Sicherheitsgründen nicht persönlich mit Journalisten sprechen. Deswegen kommuniziere ich meistens nur per E-Mail oder dem Google-Chat, was aber glücklicherweise ganz gut funktioniert.

Philibuster: Das Ausland nimmt von der Situation in Ägypten Notiz. Hast Du den Eindruck, dass die Weltöffentlichkeit Stellung bezieht?

Elshaheed: Leider nicht. Die meisten Ägypter haben den Eindruck, dass die westliche Politik „ihren“ Diktator unterstützt. Was die westliche Öffentlichkeit insgesamt betrifft, überwiegt jedoch eine komplett andere Wahrnehmung: Die Ägypter haben hier das Gefühl, echte Unterstützung zu erfahren. Ich finde es insgesamt sehr inspirierend, dass gerade Personen aus „okzidentalen“ Ländern ihre Solidarität mit Ägypten ausdrücken und versuchen, uns es so gut es geht zu unterstützen - beispielsweise, indem sie Bloggern und Facebook-Adminsitratoren Informationen zu sämtlichen Neuigkeiten oder geplanten Aktionen von Aktivisten zukommen lassen, die dann veröffentlicht werden können. Auch Tricks zur Umgehung von Internet- und Telefonnetzen wurden ja beispielsweise massiv geteilt. Es ist wirklich überwältigend, wie sehr die Leute miteinander kooperieren und um einen guten Austausch bemüht sind – und wie das „Schneeballsystem“ im Netz dafür sorgt, dass Informationen schnell in Umlauf gelangen.

Philibuster: Kannst Du eine Prognose zum weiteren Verlauf der Proteste wagen?

Elshaheed: Die ägyptische Bevölkerung wird nur Mubaraks Rücktritt akzeptieren – und nichts anderes. Vor allem die Protestierenden im Zentrum von Kairo werden nicht nachgeben, und da ist es ganz egal, welche Puzzlespiele Mubarak noch anbieten wird: Weder eine neue Regierungsbildung noch die Ernennung irgendwelcher Geheimdienst-Köpfe zu Vize-Präsidenten werden die Bevölkerung zufrieden stellen. Gestern haben allein in Thareer 150.000 Menschen protestiert. Die Armee hält sich bisher zurück und scheint auf gewisse Art und Weise aufseiten der Bevölkerung zu stehen – letzten Endes wird ihre Rolle jedoch wesentlich zum Entwicklungsprozess der Revolten beitragen, und da kann man noch nicht sagen, was passieren wird.

Philibuster: Die Frage erübrigt sich ja fast, aber dennoch stelle ich sie: Welche Rolle spielt das Internet beim Umsturz Ägyptens?

Elshaheed: Das Internet spielt eine sehr große Rolle. Das, was gerade bei uns geschieht und vorher in Tunesien passierte – das alles wäre ohne das Internet niemals möglich gewesen. Leute wie ich, die Administratoren irgendwelcher Facebook-Seiten sind, können untereinander und mit anderen kommunizieren, ohne dass man seine Identität preisgeben muss. Ein krasses Beispiel: Wenn jemand von uns verhaftet würde, würde er auch unter Folter keine Namen preisgeben können. Das klingt hart, war aber bisher ägyptische Realität – denn unter schlimmer Folter kann man gar nicht anders, als alles zu sagen, was man weiß. Wir kennen einander nicht, nicht mal unsere Vornamen, wir wissen nicht, wo der andere lebt oder sich gerade befindet, und das ist ein Riesensicherheitsvorteil bei unseren Aktivitäten, die den friedlichen Protest unterstützen sollen. Ansonsten könnte man das alles nicht machen, weil es einfach viel zu gefährlich wäre – schlicht und ergreifend: Lebensgefährlich.

Philibuster: Was erwarten die Ägypter von der Weltöffentlichkeit?

Elshaheed: Die Medien und die westlichen Regierungen müssten sich klar auf die Seite der Ägypter stellen. Wir sind ganz einfach friedliche Menschen – wir haben verschiedene Backgrounds, gehören verschiedenen Religionen an. Unter uns sind junge und ältere Menschen, Männer und Frauen. Es geht nicht um Ideologie in unserem Protest, sondern einfach um Freiheit. Ich persönlich habe mich nie in irgendeiner Gruppierung engagiert. Ich habe nicht mal gewählt, weil diese Mubarak-Wahl-Feste einfach immer nur ein Witz gewesen sind. Ich habe mein ganzes Leben in großer Gefahr verbracht, und vielen Ägyptern erging es genauso. Um es ganz deutlich zu sagen: Ägypter wurden von der Polizei wie Hunde behandelt, gefoltert oder sogar ermordet, wenn sie Regime-kritisch waren. Wir haben zehntausend politische Gefangene in unseren Gefängnissen, die niemals kriminell waren, die aber nicht mal einen vernünftigen Prozess bekamen. Westliche Regierungen gucken sich das alles stillschweigend an und unterstützen dieses Tyrannei-Regime, weil Mubarak ein wichtiger Partner für sie ist. Wir brauchen aber dringend und weiterhin die Unterstützung der westlichen Öffentlichkeit und der ganzen Welt, um die Diktatur in Ägypten zu beenden. Das hohle Argument einiger westlicher Politiker, islamistische Kräfte könnten nach Mubarak Ägypten destabilisieren, ist dabei kein bisschen stichhaltig. Religion ist ein Teil von Ägypten, ganz klar, aber die Motive der Revolution sind definitiv nicht religiös, und ich kann mir kaum vorstellen, dass Religion zukünftig eine exorbitante Rolle in unserer Politik spielen wird. Wir Ägypter sind ja auch keine Hinterwäldler. Es geht um Würde und Freiheit und Sicherheit – das sind die Dinge, die wir uns für die Zukunft wünschen. Und wer das da draußen in der Welt nicht versteht – der lebt selbst hinterm Mond.

Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von spike, Januar 31, 2011

...
Eine Revolution mit Unterstützung der Mittel, die der Westen erfunden hat und die von anderen nun endlich mal "sinnvoll" genutzt werden. Und der Beweis: TV ist tot. Zumindest das deutsche.
geschrieben von Sabine Siehl, Januar 31, 2011

...
habe den Eindruck, dass sich nun auch die westlichen Politiker so langsam regen.
Auf jeden Fall ist es für die Unterstützung aus dem Westen sehr hilfreich, dass Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei an der Seite der Demonstranten für einen Wandel zu echter Demokratie steht.
Und hier ein Link um die Petition von avaaz zu unterschreiben: https://secure.avaaz.org/de/democracy_for_egypt/?cl=929452748&v=8318
geschrieben von Madchester Madcap, Januar 31, 2011

...
Da wird immer gemosert, was dieser Webaufstand eigentlich soll und gelabert, dass die Entscheidung am Ende doch auf der Straße fällt. Was dabei aber total vergessen wird: ohne Facebook, Twitter und Co. hätte die westliche Welt noch immer keine Ahnung, was in Ländern wie Tunesien oder Ägypten grade abgeht. Wir zahlen zwar Monat für Monat horrende Rundfunkgebühren, aber informiert werden wir nicht. Hauptsache wir wissen (das zumindest für lau), wie der (künstlich angelegte) australische Dschungel von innen aussieht. Kann man ja sicher mal irgendwann gebrauchen ... Nicht zu fassen, oder?
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