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Mein Philibuster
Deck +++ Neue Welten +++ Das Gesicht der Macht bleibt weiß
Mittwoch, 15.06.2011
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Amina Abdallah Arraf
 

Das Gesicht der Macht bleibt weiß

Monatelang fiel die Netzgemeinde auf Tom MacMasters „Amina Arraf“-Hoax rein. Die überwältigende Welle der Solidarität mit der erfundenen Netz-Figur ist dabei vielleicht nicht mal überraschend, denn von Anfang an brillierte hier eine Fiktion, die wahrscheinlich optimal die Bedürfnisse der Massen befriedigte.
Geschrieben von:   
Amina Abdallah Arraf oder wie die Netzgemeinde auf ein Phantom hereinfiel © Free Amina Arraf


Es ist der Hoax des Jahres: Auf „A Gay Girl an Damascus“ glaubten tausende LeserInnen über Wochen, den rhetorischen Widerstandskampf einer emanzipierten jungen Frau zu verfolgen, der letztendlich in der fiktiven Verhaftung einer erfundenen Person endete. Und es geht in diesem Fall nicht nur darum, dass unheimlich viele Menschen einer gut konstruierten Geschichte auf den Leim gegangen sind, sondern auch und vor allem: Um die Kristallisation nationaler und westlicher Identitätsbildungen, in der auch Gender und Sozialpolitik eine nicht unwesentliche Rolle spielen. In der Fantasiegestalt des Hoax Amina Arraf - lesbisch, jung, gebildet, attraktiv, aufgeklärt - entfaltet sich die Stimme des „White-Man-Privilege“. Nicht, weil Amina als Person nicht im Bereich einer real möglichen personifizierten Ausgestaltung gelegen hätte, sondern weil Tom MacMaster bis zum Fall seines ungehörigen Lügenkonstrukts und bis heute überheblich davon ausgeht, immer über „Realitäten“ des Nahen Ostens gesprochen zu haben. "Tom MacMaster ist das weitere Beispiel eines weißen Mannes, der davon überzeugt ist, andere Länder bräuchten unbedingt so etwas wie "seine Hilfe". Und dabei erzeugt er nichts als Unruhe und richtet richtig viel Schaden an, weil die Reputation vieler Menschen zerstört wurde und somit bestimmte Regime, die ja vorgeblich kritisiert werden sollten, Unterstützung erfahren. Eine Schande", fasst es Sabina England, die Gallionsfigur der Islamic-Punk-Bewegung, im Gespräch mit Philibuster zusammen.

Das Bauchrednertum des privilegierten weißen Mannes

Geschenkt, dass sich im Nachhinein (selbstverständlich) viele Blogeinträge auf „A Gay Girl in Damascus“ zum Teil lesen wie pathetische Phantasmen einer modernen und weiblichen „Lawrence von Arabien“-Variante. Geschenkt auch, dass sich das rassistische Phänomen einer abendländischen Hegemonie bereits in dem Akt entlud, in dem MacMaster Fotos der in London lebenden Kroatin Jelina Lecic als Alter-Ego-Konterfei für Amina auswählte: Hauptsache dunkles Haar, das wird schon eine Syrerin geben! Denn am Ende sagt all das, was MacMaster konstruiert hat und vor allem die überwältigende Reaktion der RezipientInnen darauf vielleicht mehr über „den Westen“ aus als über Syrien: Dass das Bauchrednertum eines privilegierten weißen Mannes hinter der Maske eines attraktiven weiblichen Avatars mehr Resonanz haben kann als beispielsweise die reale Tragödie der seit Ende 2009 inhaftierten syrischen Bloggerin Tal Al Mallouhi, der unter anderem selbstverfasste Gedichte über Palästina in ihrem arabischsprachigen Blog zum Verhängnis wurden. Aller tragischer Realität zum Trotz, jemand wie Al Mallouhi „profitiert“ nicht mal von dem traurigen Sachverhalt, seit über einem Jahr eine der jüngsten politisch Gefangenen der Welt zu sein: Vielleicht bietet sie – mit ihrem Hijab, mit ihrem Blog, der auf arabischer Schrift basiert, mit ihren Gedichten - nicht genügend Projektionsfläche für das „Eine-wie-du-und-ich-ist-in-Gefahr“-Spielchen, das die für das Social-Web affine Moderne anscheinend so sehr braucht, um Aktivismus zu verstehen und selbst aktiv zu werden - und sei es nur für ein bis zwei Mausklicks auf Sympathie- und Petitionsseiten im Netz. Aktivismus-Schneeballsysteme scheinen nämlich anscheinend genau immer dann durchschlagenden Erfolg zu haben, wenn sie in leichtverdaulichen Häppchen Möglichkeit zur Attraktion durch Gemeinsamkeiten versprechen und nicht erst eigenständige Informations- und Identifikationsarbeit abfordern. Und wenn das Timing und der „richtige“ Spannungsbogen stimmt. Und ich muss sagen, genau wie viele andere bin auch ich auf dieses Spielchen hereingefallen – auch wenn ich am Ende immer wieder Annina Luzie Schmids auf „GIRLS CAN BLOG“ gut auf den Punkt gebrachten Devise „Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig“ folgen würde.

Ein Hoax und die tiefsitzende Skepsis vor dem Islam

Aber es bleibt, dass sich in dem Hoax Amina all das manifestiert, was Edward Said als „Stil der Herrschaft, Umstrukturierung und des Autoritätsbesitzes über den Orient“ bezeichnet: Das Überlegenheitsgefühl gegenüber dem „Anderen“, formuliert in einem Diskurs, in dem der „aufgeklärte Westen“ (MacMaster) den „unterdrückenden Orient“ („Aminas“ Lebenswelt) verhandelt und beherrscht – als ungebrochene Tradition einer tiefsitzenden Skepsis gegenüber dem Islam. Bezeichnend ist dabei, dass MacMaster sein „Herrschaftswissen“ über Syrien anscheinend vor allem in einigen Urlaubsreisen erwarb – und allein damit die perfide Überzeugung entwickelte, die Situation und die Menschen Syriens „definieren“ und somit für sie sprechen zu können, um ihnen damit letzten Endes ihr Selbstbestimmungsrecht zu nehmen. Und um dann auch noch in einem unverschämten Höhepunkt für diese Art webgewordenen Neo-Orientalismus mit seinen exotistischen, sexistischen, kulturalistischen und rassistischen Komponenten zu guter Letzt das narzisstische Argument des „guten Willens“ auszupacken. Und noch perfider an der ganzen Sache ist, dass MacMaster mit dieser Praxis nicht alleine dasteht – bei weitem nicht.

Der US-amerikanische und längst verstorbene Schriftsteller James Baldwin stellte zu Lebzeiten immer wieder die sozial-politische Relevanz und die ästhetisch-künstlerische Qualität von „Protestromanen“ wie beispielsweise „Onkel Toms Hütte“ in Frage – und wurde dafür zum Teil heftig kritisiert. Gerade seine Analysen der rassistischen Struktur und sexuellen Doppelmoral einer westlichen Industrienation westlicher Prägung büßen bis heute praktisch nichts an Aktualität ein. Der Titel eines seiner Essays – „The Evidence of Things not Seen“ – lässt sich bezeichnenderweise sowohl im Original, als auch in der deutschen Übersetzung („Das Gesicht der Macht bleibt weiß”), als auch größtenteils inhaltlich auf den Hoax Amina Arraf anwenden. Vordergründig geht es um Morde an afroamerikanischen Kindern in Atlanta Anfang der 1980er Jahre, doch im Detail werden Rassismus-Mechanismen dekodiert, die komplexe Auswirkungen auf soziale Identifikationen und Identitäten haben; Faktoren, die auch im Fall des MacMasters-Hoax nicht ausgeblendet werden können. Denn MacMasters Amina ist in diesem Fall nicht mehr als das, was jemand wie Baldwin als "Onkel Tom" bezeichnen würde.

Amina war die bessere Geschichte

Und in diesem Sinne bleibt nicht nur die Frage, wie es MacMaster gelingen konnte, so glaubwürdig eine „native voice“ vorzuspielen, sondern auch, warum „echte“ RegimekritikerInnen immer noch allzu oft am anderen Ende der medialen Nahrungskette verharren müssen. Der Hoax Amina Arraf war ein gefundenes Fressen für die Medien, da das Mädchen-Gespenst symbolisch für alles Spalier stand, was der „weiße Westen“ immer wieder allzu gern den Gesellschaften und der Kultur des Nahen Ostens negativ ankreidet. Warum brauchte man eine fiktionale Sensation wie Amina Arraf, um auf brutal unterdrückte DemonstrantInnen in Syrien aufmerksam zu werden? Warum reichte hier nicht einfach eine Realität, die unter anderem in unzähligen (verifizierbaren) Blogeinträgen und YouTube-Videos dokumentiert ist, aus? Am Ende hat hier im schlimmsten Fall der Mechanismus, für jemanden der einem ähnlich erscheint eher Sympathien zu entwickeln, harte Konsequenzen: Zum Beispiel – wie es Helga Hansen von der Mädchenmannschaft zusammenfasste – die nicht von der Hand zu weisende Gefahr der Diskreditierung echter AktivistInnen, die von nun an selbst im Falle einer erzwungenen Anonymität noch mehr darauf achten müssen, wie auch immer ihre Authentizität beweisen zu müssen. Und zum Schluss bleibt eine traurige Erkenntnis: Dass die Stimmen vieler echter AktivistInnen (ob arabisch, ob feministisch, ob queer) mal wieder untergingen – einfach, weil dieses Mal ein weißer Mann die bessere Geschichte geschrieben hatte.

Themen: Amina Arraf Blogger Hoax Islam
Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Louis, Juni 15, 2011

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Man kann wohl zu Recht sagen, dass der Westen sich endlich von seinem "1001 Nacht"-Orientbild verabschieden sollte. Wir haben diese Disneyfizierung dermaßen verinnerlicht, dass wir sofort auf solche Reize (armes, rehäugiges Mädchen das der Repression durch ein mächtiges Regime zum Opfer fällt) anspringen, und wie Frau Shehadeh beschreibt, es uns sofort in den Fingern juckt, um die nächste Petition zu signen. Ist das etwa unser heutiges Demokratieverständnis? Liefert uns ein Opfer und wir liefern den Respekt ... PERVERS!
geschrieben von Frank, Juni 15, 2011

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"Tom MacMaster ist das weitere Beispiel eines weißen Mannes, der davon überzeugt ist, andere Länder bräuchten unbedingt so etwas wie "seine Hilfe"

Das kann man dann ebenso für Hermann Dierkes, Norbert Paech und weissen Frauen wie Inge Höger und Annette Groth sagen.
geschrieben von Frank, Juni 17, 2011

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Es gibt Menschen in der modernen Welt, die zwar nicht direkt an Allah und seinen Koran glauben, sehr wohl aber in einer speziellen Art und Weise dem Islam anhängen: Sie glauben daran, dass der Islam eine tolerante und weltoffene Religion ist, die nur durch böse Fundamentalisten falsch praktiziert wird. Dieser Glaube an den Glauben ist zwar genauso faktenresistent wie althergebrachte religiöse Dogmen, erfreut sich aber dennoch großer Beliebtheit.

Ein besonders eifriger Angänger dieser Glaubenslehre ist der Amerikaner Tom MacMaster. Er hängt nicht nur diesem "indirekten Islam" an, sondern praktiziert ihn sogar. Bessergesagt, hat ihn praktiziert. Wie das geht? Ganz einfach: Er hat einen Weblog namens "A Gay Girl in Damascus" eingerichtet. Diesen Blog betrieb er unter dem Pseudonym "Amina Abdallah Arraf". Das war nicht einfach nur ein Deckname, nein, hinter dieser Frau Arraf steckte eine komplette Persönlichkeit, erdacht von Tom MacMaster. Die Figur der Amina Abdallah Arraf war eine Muslima, aber auch lesbisch. Sie war vermeintliche Syrerin, die lange in den USA und nun in Damaskus lebte, und direkt am Ort des Geschehens die Ereignisse des Syrischen Volksaufstandes dokumentierte. Das ließ nicht nur die Herzen der Glaubensbrüder und -schwestern MacMasters höher schlagen, sondern auch die der Nachrichtenagenturen und Journalisten, die sich zeitweise auf ihre Berichte stützten. Ja, und auch ich muss zugeben, mir hätte diese Geschichte sehr gefallen, wenn ich schon früher davon erfahren hätte, und sie wahr gewesen wäre.

-> weiterlesen: http://www.exmuslime.at/golden...-macmaster
geschrieben von Nadia Shehadeh, Juni 17, 2011

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Hallo Frank,

schön dass Du Dir die Mühe gemacht hast, die Kommentarfunktion hier zu nutzen, um Deinen eigenen Beitrag zu bewerben.

Habt Ihr auf Eurer Page so wenig Zulauf, dass Du Philibuster als Promotionsportal für Deine Thesen im speziellen oder exmuslime.at im allgemeinen nutzen möchtest? Oder soll dies ein konstruktiver Beitrag zur Diskussion sein? Denn falls das hier nur eine Linkschleuder-Strategie ist, kann ich nur fragen: Wayne?
geschrieben von ini_oni, Juni 18, 2011

...
der mann doch ganz im butler'sche sinne gehandelt: die gendergrenzen überwunden, sein geschlecht selbst definiert und parodie und travestie als protestmittel benutzt.
geschrieben von georgi, Juni 24, 2011

... sehr aufschlußreich ...
An und für sich könnte die ganze Geschichte von Till Eulenspiegel stammen. Tom ist hier die einzig authentische Gestalt, die der übrigen Menschheit eine Nase dreht. Der Hoax zeigt ja, daß das Wissen, das die Menschen über den Menschen aus dem Orient erlangt haben, kein bißchen authentisch ist. Es ist ja nicht nur so, daß es von Bleichgesichtern erfunden wurde, sondern, daß Bleichgesichtern auch nur von Bleichgesichtern erfundene Geschichten erzählt werden. Im Prinzip dient Syrien nur als Theaterkulisse, vor der westliche Ideologie exekutiert wird, in diesem Falle u.a. imperalialistische und butler-postfeministische. Wenn "A Gay Girl in Damascus" tatsächlich eine syrische Lesbe gewesen wäre, würde niemand den Betrug bemerkt haben. Es ist also ganz gut, daß es gekommen ist, wie es gekommen ist.
geschrieben von gangrel, November 16, 2011

***....sie sind ja, eine schäbige lumpin....***
der beitrag von frank verdient eine antwwort auf das inhaltlich aufgeworfene nadia, und keine verschleppungs taktig, nur weil er es sich erlaubt hat noch einen link mit zu posten. war wohl kein druck auf der leitung um dem was er schrieb substanziell etwas ernstgemeintes entgegenzusetzen. zum thema "weisse männer aus dem westen, die meinen der orient, oder wer auch immer sonst grad notleidet, bräuchte "seine/ihre" hilfe" dazu sag ich, ist durchaus etwa dran. eine überlegung wert, nur wenn man sich für eine seite entscheidet, nämlich einmischung oder wegschauen, dann bitte auch konsequent. lassen wir es die syrer, lybier ägypter, tunesier, jemeniten mal machen. und nun kein geostrategisches interessengelaber, man bräuchte die einflussspären da, ---> rohstoffe, wo ein gut da findet sich auch immer ein abnehmer, und ist dem doch nicht so, muss der händler sein warensortiment entweder umgestalten und bessere attraktivere angebote für potentielle kunden machen für das was er zu bieten hat, oder er bleibt auf seinen lagerbetsänden sitzen.

die saudische königsfamilie in deren privatbesitz sich die größte landmasse der ganzen muslimischen welt amt aller darin/darunter befindlichen hydrocarbonen befindet, hat ja bisher jedenfalls auch immer gern mit der bekannten arabischen gastfreundschaft die dollars der "kufirs" angenommen und ihnen sonder zonen, förderrechte und lufthoheitsrechte im heiligen land mohammeds gleich mit dazu gewährt.
geschrieben von gangrel, November 16, 2011

inkl.
wer meine schreibfehler findet, der darf sie behalten ;)
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