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Deck -> Neue Welten -> Das große Reissackschubsen
Dienstag, 07.02.2012
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Ansgar Heveling und das Social Web
 

Das große Reissackschubsen

Die Causa Heveling hat einmal mehr gezeigt, wie leicht sich die deutsche Blogosphäre doch von Medien und Politik instrumentalisieren lässt. Ein Aufruf, sich auf alte Internet-Tugenden zurückzubesinnen.
Geschrieben von: Michael Stepper   
Ansgar Hevelings Netzattacke - so erhellend wie die Nachricht vom umgefallenen Sack Reis © 2012 Philibuster


Eine alte Internet-Regel besagt: Don’t feed the troll! Und damit ist gemeint, dass man Kommentatoren, die durch besonders plumpe Polemik oder aggressives Auftreten in ihren Beiträgen auffällig werden, keinerlei Beachtung schenken sollte.  Im Fall Heveling muss sich die Blogosphäre nun den Vorwurf gefallen lassen, sich nicht an diese Regel gehalten zu haben. Sie muss sich weiterhin vorwerfen lassen, dass sie sich hat ausnutzen lassen. Und zwar von wirtschaftlich orientierten Medien, der Urheberrechts-Lobby und nicht zuletzt von Verfechtern einer konservativen politischen Linie wie eben Ansgar Heveling.

Die Macht des Shitstorms als nutzbare Energiequelle

Mit der Veröffentlichung eines Gastkommentars von Heveling - einer arg inszenierten Kampfansage an das Social Web - hat Handelsblatt.com einen Shitstorm losgetreten, der schlicht und einfach vorhersehbar war. Wer sich auch nur ein wenig mit den Gesetzen des Social Webs beschäftigt, weiß, dass derlei stumpfsinnige und inhaltsleere Affronts selten ungestraft davonkommen, gerade in Zeiten, in denen SOPA und PIPA die Stimmung in der „Netzgemeinde“ ohnehin anheizen. A propos „Netzgemeinde“: Hevelings Kommentar lässt auch kein Klischee solider Troll-Rants aus. Was genau soll das denn sein, diese Netzgemeinde? Der Begriff „Gemeinde“ lässt mich an etwas kleines, unbedeutendes denken - was Wikipedia sogleich bestätigt: „im öffentlich-verwaltungsmäßigen Aufbau von Staaten die kleinste räumlich-administrative, also politisch-geographische Verwaltungseinheit“.

Ja braucht’s denn noch mehr, um zu erkennen, dass man dieser Meinung nicht einen Funken Beachtung schenken dürfte? Und doch wurde man als fleißiger Beobachter der deutschen Blogosphäre eines Besseren belehrt. Der News-und-Blogaggregator Rivva förderte tagelang Gegenreaktionen auf Hevelings Pamphlet zu Tage. Gegenreaktionen und streberhaft wiedergekäute Textanalysen, die eigentlich alle die gleiche Aussage verbreiteten: Nämlich jene, dass dieser Mann - der auch noch in der sagenumwobenen Enquete-Kommission sitzt (wer braucht die gleich nochmal?) - eigentlich keine Ahnung hat, von dem, was er da so blutrünstig daherschwurbelt. So what?

Traffic, Baby!

Beim Handelsblatt wird man sich ins Fäustchen gelacht haben, dass die (Marketing- respektive Traffic-)Strategie so schön aufgegangen ist (aber nur ein Schelm vermutet Absicht). Zumindest aber hielt man die mediale Flamme am Lodern, indem über Tage weiter eifrig Meinungen ins Feuer gegossen wurden. Hauptsächlich Gegenmeinungen von Experten (wer sonst?) wie Harvard-Vordenker Lawrence Lessig (sehr lesenswert), CSU-Netzexpertin Dorethee Bär, Chaos-Computer-Club-Sprecher Frank Rieger und – wie könnte es sein – Miriam Meckel. Auch geizte man nicht damit, Hevelings Reaktion auf den Shitstorm zu veröffentlichen, in dem er heroisch keines seiner Worte bereut.

Vom Hinterbänkler in alle Munde, Ansgar Heveling hat mit einem lausigen Kommentar geschafft, wozu es andernorts einer ausgewachsenen Copy&Paste-Affäre bedurfte. Und der Dank für diese mehr als 15 Minuten Ruhm gebührt leider einer hochemotionalen Blogosphäre, die eigentlich Wichtigeres zu tun hätte, als kollektiv einen Sack Reis umzuwerfen.

Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Soeren, Februar 07, 2012

...
Gegenfrage: Was waere passiert, wenn niemand etwas geschrieben haette?
Haetten dann nicht die veralteten Politiker in Muenchen und Berlin dem nicht einfach zugestimmt?

Mir ist da en Shitstorm lieber als stillschweigende Zustimmung.
geschrieben von Jeff, Februar 07, 2012

...
"Eine alte Internet-Regel besagt: Don’t feed the troll!"

Weder sind Heveling und Friedrich Trolle, noch wurden sie gefüttert, denn die Antworten der "Netzgemeinde" waren nicht an sie gerichtet, sondern an sich selbst: ans Volk, das noch klar denken kann.

Deinen Aufruf, daß sich Bürger, die der Immunität von Abgeordneten quasi ohnmächtig gegenüberstehen, von diesen pauschale Beleidigungen und Bepöbelungen gefallen lassen sollten, statt auf sie zu reagieren, finde ich schändlich. Das Netz entwickelt sich zu einer Kontroll- und Korrekturinstanz, die offenbar dringend nötig ist.

"Im Fall Heveling muss sich die Blogosphäre nun den Vorwurf gefallen lassen, sich nicht an diese Regel gehalten zu haben."

Den Vorwurf müßte sich "die Blogosphäre" nur dann machen, wenn sie Dich füttern würde.
geschrieben von jj preston, Februar 07, 2012

...
Ich frage mich, wen der Herr Stepper denn sonst noch so als bloßen Troll betrachtet? Mahmud Ahmadinedschad? Josef Stalin? Adolf Hitler? Erich Honecker? Pol Pot?
Oder nimmt Herr Stepper überhaupt irgend niemanden ernst, weil er sich selbst zum Maßstab nimmt?
Es ist jedenfalls nicht hilfreich, jemanden wegen seiner radikalen Meinungsäußerung zu verlachen, nur weil man denkt, das sei so abwegig, das könne er nicht ernst meinen. Diese Lehre sollte man spätestens seit dem NSU gezogen haben.
geschrieben von Nihilyt, Februar 07, 2012

...
Ich wüsst's schon ganz gern namentlich, wer da in Berlin einzele Vollpfostenpolitik verantwortet. Man möchte ja auch nicht die Steinbachs Erika in einer Enquette-Kommission für mehr-Freundschaft-mit-Osteuropa sitzen haben müssen. (-: Obwohl, ein wenig Spaß wär' garantiert garantiert ...
geschrieben von Michael Stepper, Februar 07, 2012

Trollmist
@Jeff: Danke für das Futter, fühle mich direkt gesättigt. Aber wenn Du noch einmal in Dich gehst und die ganze Thematik noch einmal überdenkst, wirst Du mir schlussendlich doch Recht geben. Die Reaktionen waren ein Aufruf "ans Volk, das noch klar denken kann." Ist dem so? Wenn das Restvolk noch klar denken kann, dann wird es wohl ganz von allein auf den Trichter kommen, dass das was A.V. da so von sich gibt ein Haufen Trollmist ist. Dazu braucht es wahrlich keine aufgebrachte Bloggermeute die sich fingerzeigend auf Heveling stürzt und brüllt: seht her, der da verzapft Mist. Seht her!
geschrieben von Michael Stepper, Februar 07, 2012

Das hinkt zum Himmel!
@jj preston: "Ich frage mich, wen der Herr Stepper denn sonst noch so als bloßen Troll betrachtet? Mahmud Ahmadinedschad? Josef Stalin? Adolf Hitler? Erich Honecker? Pol Pot?"

Na na, wir wollen da mal nicht Äpfel mit (Hohl-)Birnen vergleichen. Bitte auf dem Boden bleiben, dieser Vergleich hinkt hinten und vorne :)
geschrieben von Jeff, Februar 07, 2012

...
@Michael Stepper:
"Wenn das Restvolk noch klar denken kann, dann wird es wohl ganz von allein auf den Trichter kommen, dass das was A.V. da so von sich gibt ein Haufen Trollmist ist."

Mal ganz abgesehen davon, daß Du Deinen Artikel durch die Fütterung von Heveling nun ad absurdum geführt hast, sagte ich: "ans Volk, das noch klar denken kann", damit meine ich eben NICHT das gesamte Restvolk, sondern in erster Linie "die Netzgemeinde" und die langsam aber stetig steigende Zahl von Bekehrten, die, im Vergleich zur Contentlobby, einen eher überschaubaren Einfluß haben auf das Hinterzimmergemauschel in der realen Politik – noch.

Das Problem besteht gerade darin, daß der Großteil des "Restvolks" erstmal durchschauen muß, daß es nicht gut ist, wenn Bürgerrechte beschnitten werden und dazu bedarf es Aufklärung. Erst der Shitstorm hat dazu geführt, daß das Thema "Deppen in der Enquete" es in die Medien geschafft hat.

Das eigentlich Bedrückende für mich ist, daß die anderen Mitglieder der Enquete geschwiegen haben, obwohl sie wußten, was für eine Flachpfeife die CDU/CSU als "Experten" abgestellt hat. Erst jetzt, wo Heveling öffentlich Schelte kassiert, kommen sie aus ihren Löchern gekrochen und melden sich zahlreich zu Wort. Warum haben sie das nicht vorher thematisiert? Oder haben sie und ich hab's nicht mitbekommen?

Durch Schweigen, Kuschen und Abwarten, daß der CDU/CSU ihre Wähler wegsterben, erreicht man gar nichts. Durch Anbiederung an die hauptberuflichen Blendgranaten und Nebelkerzen der CDU/CSU, die Neo-Piraten Altmaier & Co. erreicht man noch viel weniger, denn es sind genau DIESE Politiker, die in der Realität NICHTS unternehmen (können oder wollen), um Heveling abzuservieren. Das Thema wird ausgesessen werden, wie die Causa Wulff.

Und genau deshalb halte ich Deinen Artikel für nicht zielführend. Wer schweigt oder zum Schweigen auffordert, macht sich mitschuldig am Niedergang der Demokratie.
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