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Deck +++ Neue Welten +++ Hauptsache alle so "Yeah!"
Montag, 21.03.2011
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Aufklärung im Zeitalter von Facebook
 

Hauptsache alle so "Yeah!"

Unser blinder Aktionismus bei Facebook soll verschleiern, dass wir uns eigentlich einen Dreck um die Japaner und Fukushima scheren. Am Ende warten wir doch alle nur darauf, dass das Ding endlich in die Luft fliegt.
Geschrieben von:   
Nutten und Sklaven des Konsums © Vectorportal.com


Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Mit diesen Worten Immanuel Kants wird heute gerne der Begriff der Aufklärung umschrieben. Eine Epoche, die geprägt war vom Bestreben, die menschliche Vernunft wachzurütteln. Noch bis vor ein paar Wochen dachten wir, dass wir dermaßen aufgeklärt wären, dass uns das Geschwätz der alten Philosophen nicht wirklich jucken müsste.

Gespielte Empörung auf der Facebook-Spielwiese

Was wusste schon Kant, der alte Kauz? Weder verfügte er über den Suchindex von Google, das kollektive Wissen von Wikipedia, noch über die Geschwindigkeit von Nachrichtenschleudern wie Twitter und Facebook. Welche Bedeutung sollte man also heute noch einem einfältigen Narr einräumen, der den Verstand des Individuums preist? „Jede nur erdenkliche!“, sollte die Antwort lauten. Wenn es nämlich etwas gibt, das uns heute völlig abhanden gekommen ist, ist es der Gebrauch unseres Verstandes. Der Fall Guttenberg hat den Mißstand ans Licht gebracht, die aktuelle Lage in Japan und die Frage nach der Zukunft der Kernenergie das ganze Elend unserer Gesellschaft ins rechte gerückt.

Wir haben uns aufgegeilt am Fall des Politikstars Karl-Theodor zu Guttenberg. Das versammelte Internet hat sich auf die Schultern geklopft, weil es denjenigen in Ketten vorgeführt hat, der uns wochenlang an der Nase herumgeführt und uns so dreckig und kaltschnäuzig ins Gesicht gelogen hat. Den Freiherren aus gutem Hause, den Prediger alter Werte, den die BILD feierte als Retter traditioneller Werte und den ein großer Teil der deutschen Bevölkerung gerne als nächsten Kanzler gesehen hätte. Die Plagiatsaffäre war der Riss in der Fassade, der es Kritikern ermöglichte, einen Keil anzusetzen und die makellose Skulptur des Musterknaben durch gezielte Schläge zu sprengen. Bravo Internet! Wieder klopfen wir uns auf die Schultern und merken noch gar nicht, dass das olfaktorische Erzeugnis des ganzen Eigenlobs unsere Sinne vernebelt.

Warten auf den Big Bang

„Mission accomplished!“ riefen wir aus und es kommt unserer Bewegung – wenn man das denn so bezeichnen kann – durchaus gelegen, dass Japan nun um das blanke Überleben seiner bislang so überlegenen Nation kämpfen muss. Was hätte uns besseres passieren können, als Fukushima? Atomkraft, wir haben es schon immer gesagt. SO kann das ja alles gar nicht weitergehen: Sauberer Strom (im Vergleich zum Kohledreck) auf der einen Seite, Endlager auf der anderen. Gut, dass wir endlich mal drüber reden. Aber tun wir das denn wirklich? Sind wir so aufgeklärt, dass wir uns tatsächlich mit diesen Themen beschäftigen?

Nehmen wir den Fall Guttenberg. Haben wir uns je mit dem System beschäftigt, das den Typus K.T. hervorgebracht hat? Oder haben wir uns nur amüsiert über den piefigen von und zu, den der Hochmut schlussendlich zu Fall gebracht hat? Natürlich … nicht. Und auch im Fall Japan und im Besonderen Fukushima hält sich unser Mitleid in Grenzen. Wir wären Lügner wie Guttenberg, wenn wir leugneten, dass wir nicht jeden Tag darauf warten, dass das Ding endlich in die Luft fliegt.

Mit der Herde rennen

Trotzdem machen wir uns was vor, verfallen in blinden Aktionismus. Wer gegen Atomkraft ist, möge bitte aufstehen. Es reicht aber auch, wenn man sein Profilbild mit einem kleinen „Atomkraft – Nein Danke“-Twibbon versieht und mit diesem digitalen Arschgeweih deutlich macht, dass man einem Trend folgt. Hauptsache Flagge zeigen, Petitionen für den Einsatz von Hochseekabeln zeichnen, die sauberen „Ökostrom“ aus Norwegen liefern könnten. Vielleicht. Denn so genau wissen wir das auch nicht, für die Hintergründe reicht unser gefährliches Halbwissen nicht aus. Viel zu komplex ist der Lauf der Welt inzwischen geworden, um überhaupt noch durchzublicken. Was liegt da näher, als den eigenen Verstand gleich ganz auszuschalten und „Gefällt mir“ zu drücken oder Petitionen zu unterschreiben, weil die Herde panischer Facebook-Gnus das nicht anders vormacht.

Wir sind es gewohnt, Verantwortung in allen Bereichen unseres Lebens abzugeben. Dinge, die die Zukunft unseres Landes betreffen, haben wir in die Hände von Politikern gelegt. Für alles andere haben Wirtschaft und Industrie stets die passenden Lösungen parat, zumindest verkaufen sie uns das so. Tag für Tag. Es ist nicht so, dass wir uns dessen nicht bewusst wären. Selbstironisch tragen wir Sprüche wie „Ich wurde von Werbung gefickt … wie eine Nutte“ auf T-Shirts spazieren. Im vollen Bewußtsein, dass wir längst diese Nutten sind, die ihren eigenen Verstand für ein paar billige Träume eintauschen. Wir sind abgeklärt, nicht aufgeklärt.

Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von »Paula«, März 21, 2011

"First!"
Es ist traurig, das zu sagen, aber du triffst mit deinem Nagel meine Gedanken bezüglich so mancher "Internet-Aktion" echt auf den Kopf. Dabei weiß ich nicht mal, ob nicht so einige Leute ihre Aktionen zunächst einmal im Eifer des Gefechts auch ernst meinen und an ihre Sache glauben (im Falle Japan ist es bei meinen Freunden tatsächlich so, da wir alle aus dem Japanologie-Umfeld kommen), aber an und für sich sprießen Petitionen, Facebook-Seiten und Betroffenheitserklärungen inzwischen täglich wie Pilze aus dem Boden, und ich denke, die meisten haben weder Kraft noch Geduld, sich wirklich einer Sache zu widmen, da sie morgen schon "von vorgestern" sein wird. :( Bei manchen glaube ich auch einfach nur, dass sie endlich mal diejenigen sein dürfen, die am schnellsten "First!" in die digitale Welt hinausblöken dürfen.
geschrieben von Red, März 21, 2011

...
- Bullshit - Und das wisst Ihr!
geschrieben von Michael Stepper, März 22, 2011

...
@Red: Bullshit? Na dann schieß' mal los, unsere Aufmerksamkeit hast Du!
geschrieben von Tom, April 07, 2011

Na ja ...
... ich bin auch nicht immer einverstanden damit, wenn man eine ganze Generation über einen Kamm schert. Aber wie Paula anführt, sind diese Tendezen bei Facebook und Twitter ja nicht von der Hand zu weisen. Das Mitleid ist heute schnell bekundet. Das war's dann aber auch. Hauptsache schnell, schnell, schnell. Und zum nächsten Thema ...
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