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Gentrifizierung im Social Web
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Wenn Facebook zum Ghetto wird |
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| Wie jedes Social Media Start-up verdankt auch Facebook seinen wachsenden Erfolg vor allem der Gentrifizierung durch Early Adopters. Jetzt aber wo die breite Masse in das Social Network strömt, sind Alternativen gefragt. Oder brutale Abgrenzung. |
| Geschrieben von: Michael Stepper |
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In Facebook sprießen die Gated Communities © Flickr / Ed Yourdon
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Wer 2008 bereits Mitglied bei Facebook war, durfte sich als Teil der Gentrifizierung des Social Web fühlen. Noch bevor die deutsche Version des Social Networks an den Start ging und Facebook – zumindest hierzulande – noch kein Massenmedium war. Wir waren Pioniere, so wie noch ein paar Jahre zuvor bei den Lokalisten oder businessseitig bei OpenBC (jetzt Xing). Heute ist der Pioniergeist in Sachen Social Networks erlahmt. Die Marktdominanz von Facebook lässt Neuentwicklungen keinen wirklichen Raum und von der langersehnten Alternative „DIASPORA“ haben wir schon länger nichts mehr gehört. Flucht vor der Masse Inzwischen hat die breite Masse Facebook für sich entdeckt. Nicht länger sind die verwaisenden Lokalisten und die austrocknenden Oasen der VZ-Netzwerke Horte der „Mausis“, „Sweeties“ und „Loverboys“. Längst ist die intellektuelle Unterschicht bei Facebook angekommen und das stinkt uns, weil wir uns immer für etwas Besonderes gehalten haben. Für Pioniere, die soziale Netzwerke durch Gentrifizierung cool machen und weiterziehen, wenn die für uns uncoole „Masse“ anrollt, um diese Netzwerke mit ihrem schlechten Geschmack zu überziehen. Jetzt aber bleibt uns die Flucht verwehrt, hält uns das Facebook-Monopol im System. So ist es auch kein Wunder, dass Stück für Stück auch wieder Leute in unser Leben wandern, die eigentlich längst einen anderen Weg eingeschlagen haben. Die sich viel früher im Leben für weniger Bildung, schlechtere Musik und andere Prioritäten entschieden haben. Sprich: mit denen uns heute so rein gar nichts mehr verbindet. Trotzdem klopfen sie an unsere Profilpforte, nur weil wir irgendwann einmal ihren Weg gekreuzt haben. Was also tun? Kaltschnäuzig den Ignorieren-Button klicken oder in den sauren Apfel beißen? Der alten Zeiten willen und so. Opfer der virtuellen Gentrifizierung Jeder wird wohl eine oder mehrere dieser Karteileichen aus der Vergangenheit in seiner Freundesliste führen, die – auch wenn das arrogant klingen mag – bildungstechnisch Lichtjahre von uns entfernt scheinen. Ich für meinen Teil habe schnell gelernt, dass ich von diesen Kontakten rein gar nichts zu erwarten habe. Nicht einen lesenswerten Link, kein inspirierendes Musikvideo und schon gar keine Statusmeldung, die jemals auch nur einen meiner Alltage erhellt hätte. Im Gegenteil, wenn auf meiner Pinnwand etwas von diesen „Freunden“ zurückbleibt, ist es ein täglich wachsender Haufen Spam. Es mag auf ihre mangelnde Bildung zurückzuführen sein, dass sie anfällig sind für alle erdenklichen Apps, die Facebook-Würmer verbreiten. Bin ich etwa der einzige, der, immer kurz nachdem die nächste Wurmwarnung bekannt wird, mit eben dieser Wurm-App auf der eigenen Pinnwand konfrontiert wird? Und nein, es war keines der Videos meiner engsten Facebook-Vertrauten, auch kein Link und keine Leseempfehlung, noch nicht einmal eines der vielen Spiele zum Zeitvertreib. Es war – wie immer – die tausendste Abwandlung irgendeiner Glücksnuss-App, das tagesaktuelle Horoskop und neuerdings gerne eine dieser „Finde heraus, ob Person XY Dein Profil angeklickt hat!“-Aufforderungen. Es sind diese Momente, die mich zum digitalen Vorhängeschloss greifen lassen, um diese Wurmschleudern ein für alle mal auszusperren und die Ordnung auf meiner Pinnwand wieder herzustellen. Klar hätte auch ein einfaches „verbergen“ gereicht, aber warum soll ich überhaupt noch mit Leuten „befreundet“ sein, die anscheinend den ganzen lieben Tag nichts anderes zu tun haben, als stumpfsinnig irgendwelchen Dödel-Apps Zugriff auf ihre Facebook-Daten zu gewähren? Warten auf die Alternative So also schaffen wir in der Gated Community Facebook weitere Gated Communities und treiben die Gentrifizierung auch in der virtuellen Welt voran. Wir betreiben Cherry Picking und schieben die Leute ins virtuelle Ghetto ab, die nicht unserer Bildungsschicht entsprechen, die nicht unsere Interessen teilen. Auch und gerade, weil uns Facebook diese Kontakte unbedingt aufs Auge drücken will, um noch mehr über uns, unsere Verbindungen, Vorlieben und unseren Werdegang herauszufinden. Soziale Netzwerke wie Facebook bilden Gesellschaftsstrukturen ab, warum sollten soziale Probleme, Ausgrenzung und eben auch das Phänomen Gentrifizierung dort nicht stattfinden? Trotz aller Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung, die Zuckerberg und Co. täglich mit aller Macht aufrecht erhalten, um möglichst gute Rahmenbedingungen für das eigene Geschäftsmodell (den Handel mit Daten) zu gewährleisten, wird sich das nicht vermeiden lassen. Wir können noch so viele „Freunde“ sammeln. Am Ende kommunizieren wir doch auch per Facebook hauptsächlich mit unserer realen (und äußerst überschaubaren) Peer-Group, mit der wir auch ohne Facebook in regem Kontakt stehen. Wenn wir das endlich einsehen und den ganzen Informations-Stream für ein paar Minuten ausblenden, erkennen wir vielleicht am Horizont das nächste große Ding: gemeinsam nutzbare, freie Organisations- und Kommunikationswege ohne das brutale Geschäftsgebaren und den immensen Zeithunger von Facebook. Neuen Pioniergeist und Alternativen braucht das Land, damit wir über unser soziales Netzleben wieder mehr Kontrolle erlangen. Dann wird auch Facebook trotz seinem Weltherrschaftsanspruch dasselbe Schicksal erleiden wie alle anderen Social Networks in der Vergangenheit: es wird zur Resterampe für klingeltonabonnierende Randgruppen, denen es nichts ausmacht, tagtäglich von Werbebotschaften angebrüllt zu werden. Vielleicht ist bis zu diesem Tage dann doch noch was aus DIASPORA geworden. Kommentare zu diesem Artikel:
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Konsequenterweise hättest du den Facebook-Daumen unter dem Artikel allerdings ausblenden müssen.