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Deck +++ Neue Welten +++ "Kreativität für alle"
Mittwoch, 30.09.2009
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Götz Werner
 

"Kreativität für alle"

Götz Werner, der Gründer der Drogeriemarkt-Kette "dm" kämpft seit Jahren für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Im Interview spricht er über seine Vision, eine neue Gesellschaft und das Fernsehen als Verdummungsapparat.

Geschrieben von:   
Götz Werner (ganz rechts) kämpft für das bedingungslose Grundeinkommen © Philibuster


Langsam hatten unser reiches Land die Maschinen übernommen, als die Arbeitslosen noch ihrer Fron nachtrauerten und im Frühjahr die Netzbürger eine nicht ganz neue Idee entdeckten, die zuvor nur utopisch war: das bedingungslose Grundeinkommen. Es würde die Menschen von der harten Maloche für ein kreativeres Leben in Würde freisetzen. Eine Art Bürgergeld, das jeder Deutsche ohne Gegenleistung, daher bedingungslos, monatlich bekommen und das alle bisherigen Sozialleistungen wie Sozialhilfe, Kindergeld oder Renten ersetzen sollte. Man würde es über eine Konsumsteuer „erwirtschaften“, so die ursprüngliche Idee. Die Petition, die die Kindergärtnerin Susanne Wiest im Netz verbreitete, bekam in kurzer Zeit die bis dahin meisten Stimmen, wurde dennoch von der Politik schnell in die Zeit nach den Wahlen vertagt. Wiest und ein paar Followers gründeten daraufhin eine Initiative, die zuletzt mit einer Krönungswelle durch die Republik tourte. Götz Werner, ein weiterer Vertreter, im Gespräch über eine Idee und ihre Folgen.

Philibuster:
Herr Werner, in all Ihren Ausführungen kommt das Internet als Medium gar nicht vor. Sie sprechen eine neue kreative Welt an, die sich durch das Grundeinkommen und ein neues Gemeinschaftsdenken auftun wird. Dabei entsteht diese neue Welt gerade im Internet …

Werner: Im Internet kann sich Gutes und Schlechtes schneller fortsetzen, mehr doch auch nicht, oder? Die Jugend nutzt meiner Meinung nach nur die Möglichkeiten, die sich ihr bieten und lebt dort in ihren Träumen. Das war aber schon immer so.

Philibuster: Wenn man ihre Zuschauerschaft näher betrachtet, scheint Ihnen aber genau diese Zielgruppe zu fehlen - bei Ihren Vorträgen findet man vor allem Ältere. Die Diskussionen, die so bei Ihren Vorträgen unter diesen älteren Mitbürgern entstehen, drehen sich daher oft um das Thema Altersarmut. Dabei wäre doch gerade das bedingungslose Grundeinkommen eine Chance für jeden Studenten und prekären Praktikanten.

Werner: Ich kann das an meinem eigenen Beispiel festmachen, wenn ich meine Entwicklung mit Herrn Langhans vergleiche. Politik und Missstände haben mich 1968 noch gar nicht interessiert. Ich wollte vor allem meinem Beruf nachgehen, Sport machen und mir schöne Mädchen anschauen. Das geht heute vielen Jugendlichen und Studenten ähnlich. Es gibt eben verschiedene Typen von Menschen, die sich verschieden entwickeln. Und die Mehrheit der jungen Menschen ist eben noch nicht so weit, sich für das bedingungslose Grundeinkommen zu engagieren. Das kommt dann mit dem Alter.

Philibuster: Aber man müsste diese beiden Ideen doch verbinden, denn gerade für die Jüngeren täten sich doch ganz neue Chancen auf, wenn sie sich durch ein Grundeinkommen noch viel freier entwickeln und kreativ professionalisieren könnten. Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass wir nie mehr zur Vollbeschäftigung zurückkehren, es immer weniger Jobs und Ausbildungsplätze gibt und die Grundsicherung oft nicht mehr gegeben ist.

Werner: Das Arbeitsplatzproblem rührt doch vor allem daher, dass unsere Industrienation heutzutage viel effizienter produzieren kann und es immer weniger Menschen braucht, um unsere Güter herzustellen. Heute muss man nicht mehr um das nackte Überleben kämpfen, sondern kann sich Zeit nehmen und sich wieder viel mehr mit interessanteren Bedürfnissen und seinen Mitmenschen beschäftigen.

Philibuster: Sie sagen also, dass sich unsere Gesellschaft wieder mehr vergeistigt, weil man sich im Internet wieder mehr mit vielfältigeren Themen des Lebens auseinandersetzt?

Werner: Ja, aber immer, wenn in der Entwicklung der Gesellschaft ein neues Medium auftaucht, kommen Kräfte ins Spiel, die einen davon abhalten, dieses Medium sinnvoll zu nutzen. Es wird eben häufig auch missbraucht oder falsch verstanden. Allgemein werden junge Menschen heute durch die Vielfalt der Informationen mit Sinneseindrücken geradezu bombardiert. Sie machen es ihnen schwer, zu sich selbst und einen Start ins Leben zu finden. Umso mehr ist die Kultur gefragt, die durch eine vielfältige Bildung der Jugend einen Weg zeigen könnte. Philibuster: Nutzen Sie selbst denn das Internet in Form von sozialen Netzwerken oder Twitter, um die Menschen auf Ihre Idee vom Grundeinkommen aufmerksam zu machen?

Werner: Nein. Es gibt zwar eine Webseite zum Grundeinkommen, aber ich will die Leute nicht wie Barack Obama missionieren. Ich stehe nur für eine Idee, die das Interesse der Menschen wecken will, sich für ein Grundeinkommen stark zu machen. Dazu muss ich mich nicht tiefer ins Internet bewegen, sondern die Menschen in der realen Gesellschaft verstehen. Und dazu brauche ich noch nicht einmal einen Fernsehapparat – der übrigens hält nur vom eigenen Denken ab.

Philibuster: Sie vergleichen das Internet als kommunikatives Forum von vielen mit dem statischen Fernsehen?

Werner: Das Internet ist für mich nur ein Medium und im Grunde neutral. Weder gut, noch böse. Denn es kommt darauf an, was sie damit anstellen. Sie können über das Netz eine ganze Firma organisieren, Netzwerke aufbauen oder eben auch zur Verbreitung von Kinderpornographie einladen. Vielleicht fehlt es aber auch noch am Bewusstsein für dieses Medium, das wird sich zeigen. Wichtig ist am Ende für jede neue Idee, dass es irgendwann eine kritische Masse gibt, damit die Menschen sie realisieren wollen. Über welches Medium das geschieht, ist dann egal. Der Mensch muss aber immer erst selbst erkennen, welche Bedeutung diese Idee für ihn hat, bevor er sie in die Welt hinausträgt. Ich komme auf das Beispiel Grundeinkommen zurück: Je mehr Menschen diese Idee denken können, umso mehr wird sie auch für andere und damit gesellschaftlich evident.

Philibuster: Aber im Grunde sehen Sie das Internet doch eher als nutzlose Ablenkungsmaschine, die wie das Fernsehen auch, die Aufmerksamkeit der Leute verschlingt und die jungen Generationen aus dem Alltagsleben abzieht.

Werner: Dressieren können sie nur den jungen Hund. Daher ist es ja gerade Aufgabe der Erziehung, jungen Menschen einen Schutzraum zu bieten, in dem sie sich aus sich selbst heraus entwickeln können. Aus diesem Grund lege ich schon immer Wert darauf, dass meine Kinder so wenig wie möglich Zeit vor dem Fernseher verbringen. Denn nicht nur für das Internet, selbst für das Fernsehen braucht es eine gewisse innere Reife, die man als Kind noch gar nicht aufweist, um eben nicht in all diese Fallen zu tappen.

Philibuster: Sie setzen ja auch in Ihrem Konzern auf das Modell „Zutrauen“. Das heißt sie vertrauen der Jugend, Ihren Mitarbeitern, dass selbst bei falscher Erziehung sich irgendwann die Einsicht durchsetzt, dass nicht alles Gold ist, was einem medial verkauft wird. Ist dieser Glaube an das Gute im Menschen nicht ein wenig naiv?

Werner: Ganz und gar nicht. Der Mensch ist ein geistiges Wesen und kann im Gegensatz zum Tier eigenständig denken. Er ist eben kein determiniertes Reiz-Reaktions-Wesen, er ist ein ergebnisoffenes Erlebniswesen. Trotzdem muss die Erziehung immer auch einen Schutzraum bieten, der es Kindern einfacher macht, sich zu entwickeln.

Philibuster: Findet eine Erziehung hin zu eigenständiger Kreativität heute nicht auch unter Kindern und Jugendlichen in Online-Communities statt? Das Wikipedia-Prinzip als Regelinstanz?

Werner: Das ist sicher der Fall, aber im positiven wie negativen Sinne. Denken sie nur an Cyber-Mobbing.

Philibuster: Wie gehen Sie mit dem Widerstand um, der Ihnen bei der Idee des Grundeinkommens entgegenschlägt?

Werner: Entspannt. Stellen sie sich das vor wie beim Hasen und dem Igel. Für jede gute Idee gibt es immer auch Leute, die diese Idee verhindern wollen. Das wird immer so bleiben. Aber ich setze darauf, daß sich gute Utopien letztlich durchsetzen. Zwar langsam, aber doch, bis die kritische Masse erreicht ist. So wird sich auch das bedingungslose Grundeinkommen sicher durchsetzen. Man weiß nur noch nicht, wann es so weit ist.

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