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Mein Philibuster
Deck +++ Neue Welten +++ Lasst mich mit Eurem Tod nicht in Ruhe!
Dienstag, 24.11.2009
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Altern 2.0
 

Lasst mich mit Eurem Tod nicht in Ruhe!

Wir 68er haben unsere Jugend erfunden, leben dadurch anders  und besser und stehen jetzt vor unserem letzten Drittel. Statt wie Walter Jens mit Demenz ins Kindische gestoßen zu werden, sind wir gefragt, auch unser Altern selbst zu erfinden: Werdet wie die Kinder, heißt es. Um gerade dieser Phase einen Sinn zu geben, bevor uns die sichere „Katastrophe“ aus dem Körper schickt.
Geschrieben von:   
Ewige Schönheit - im Internet vielleicht Wirklichkeit? © Ferdinand Haschner / Philibuster


Wieder stehe ich auf einem Friedhof, wieder vor dem Grab einer Mutter. Ihre Tochter, eine meiner Freundinnen, hat sich weinend an mich gelehnt: Die Alten gehen und wir werden die Nächsten sein. Die Leute sagen bisher: Sie haben nicht Angst vor dem Tod, sondern vor dem Sterben. Später beim Leichenschmaus sehe ich in den Augen der Trauernden daher auch eher unausgesprochene Fragen. Kein Wunder, denn wir kennen im Abendland keine Sterbekultur, niemand weiß, wie man sich auf diesen Austritt aus dem Körper vorbereitet. Der Tod erscheint uns wie eine unfassbare Kränkung. Als wüssten wir insgeheim: Der Mensch ist unsterblich. Das Eigenartige ist: Bei allen Katastrophen, die sich ankündigen, stellen wir Menschen uns kurz nach dem ersten Schock darauf ein. Wir bleiben nicht tatenlos und bereiten uns auf die Katastrophe vor. Schweinegrippe: Schutzimpfung. Überschwemmung: Sandsäcke. Sonnenbrand: mindestens Schutzfaktor 20. Auch für die Katastrophe des Todes müssten wir uns also wappnen. Und ich bin sicher: Gerade weil meine Generation des 68er Aufbruchs derzeit den Tod der unvorbereiteten Eltern häufig so grausam erlebt, auch schon mancher Freund sich eher hilflos verabschiedete, wird sie sich bewusster und erfindungsreicher der „Katastrophe“ stellen.

Das Altern neu erfinden

Unsere Generation könnte sich glücklich schätzen: Zum ersten Mal in der Geschichte folgt für uns nach der zweiten Lebensphase mit „Kind und Kegel“ eine dritte, in der wir üben können, uns dieser Katastrophe ganz individuell und langsam zu nähern. Wir werden so nach unserer Jugend auch das gute Altern erfinden, müssen nicht wie die Generation unserer Eltern gärtnernd oder wie die etwas Jüngeren auf dem Deck von Kreuzfahrtschiffen oder etwa bei Kaffeefahrten verbringen. Will ich – wie entsetzlich - immer öfter zum Arzt rennen und mich phantasielos mit einer Batterie von Pharmaka vor dem Notwendigen drücken? Nein! Will ich Alzheimer riskieren oder wie der größte deutsche Intellektuelle Walter Jens dement in einen zähen Abschied gestoßen werden? Ich möchte nicht siechend sterben! Als ich zum ersten Mal Todesrituale der Mexikaner und der Inder erlebte, war ich beeindruckt von der bunten Freude und dem Weiß als Farbe der Trauer. Als wüßten die alten Völker: Jetzt fängt für den Toten ein neues Leben an: Wir feiern seine Geburt dorthin.

Aber wie werde ich alterskreativ? Wie lerne ich mich als Forscher des Alterns zu begreifen, um dieses „Werden wie die Kinder“ bewusst zu leben? Wie gewinne ich während dieser letzten Phase ausgerechnet Freude im Rückzug von allem, was mir bisher wichtig war? Ich könnte sofort damit beginnen, wenn mich wieder jemand altersrassistisch „brandmarkt“. Gelassen bleiben, nachsichtig sein: Ich bin eine Ältere, keine Alte, vor mir liegen produktive Jahre der anderen Art! Ich darf etwas erfinden, was es noch nie gab.

Unsere Generation ist nicht so erwachsen geworden wie noch unsere Eltern. Wir erlebten 1968 für kurze Zeit eine geistigere Welt als Vision für ein besseres Leben, entdeckten uns endlich spielerisch für eine lebenslange „Pubertät“, um nach Lust und Laune zu leben, folgten eigenwillig der eigenen Biografie und suchten darin mühsam den Sinn des Lebens: Wer bin ich? Wir haben dadurch ein wenig über uns selbst sprechen gelernt. Unser Privates dringt mit Hilfe der Medien in alle Poren dieser Gesellschaft. Aus so viel gesellschaftlichem Wandel entstand  auch das Internet, das noch einen Schritt weiter geht und die Jungen einzigartig zu einer Großkommune verbindet, weltweit. Viele Einzelne bilden so immer deutlicher den Pool einer neuen, virtuelleren Welt. Wir Älteren werden in unserer letzten Lebensphase körperlich leichter, die Jungen sind ähnlich leichtfüßig im Netz unterwegs. So könnten wir wie früher Großeltern und Enkel gerade dort unser Training im Körpervergessen mit der Suche der Jungen nach ihrer neuen Welt spielerisch verbinden. Vielleicht mit ihrer Beteiligung einen Altersdiskurs beginnen, um irgendwann nach der Ekstase des Jungseins auch die vermutlich größte zu erleben: Das Verlassen es Körpers in eine Welt des Geistes als Neugeburt? Ob dies das Mysterium des Todes ist?

Hip durch bemalte Stützstrümpfe

Aber noch verstecken wir uns mit unseren Fragen nach dem guten Altern hinter Ratgeberbüchern, Toskana-Träumen und anderen ersten Seelenstudien. „Mit bemalten und bestickten Stützstrümpfen fühle ich mich um 60 Prozent besser,“ veralberte sich kürzlich der 64-jährige Wolfgang Joop im Fernsehen. Forever young, das weiß jeder, läuft längst nicht mehr und das ist auch gut so. Viagra und Botox – peinlich! Aber öffentlich traut sich niemand. Laßt mich doch mit eurem Tod in Ruhe, lautet denn auch die Abwehr Jüngerer in den Feuilletons auf die meisten Bücher über das unvermeidliche Sterben. Will vermutlich heißen: Laßt mich mit Eurem unwürdigen Potenzgetue, dem Selbstmitleid und ewigen Jungseingetue in Ruhe, mit diesem ganzen verlogenen Schmonzes, der bisher unsere Verdrängung und auch das Schweigen meiner Altersgenossen ausstellte.

Wer traut sich, mitten in diesem Jugendkult über seine ersten Versuche mit Innen- statt mit Außenwelten zu reden? Wer wagt es, sich den Wölfen des großen Feierns einer Welt des vermeintlich ständigen materiellen Wachstums damit zu stellen? Jeder meiner Generation ist gefragt: Voraussetzung für die selbstbewußte Sicht könnte seine Erfindung eines westlichen Trainings des langsamen Körperloslassens, vielleicht eine Art Meditation sein. Sie hat das verstärkt, was sowieso passiert: den Körper entlastet und die eigene geistige Seite spürbar gemacht. Wie meditiert man als Westler? Oder es geht ganz anders: Ein schon übender Freund sagt mir, wir bräuchten ein neues Prisma, eine Art Code, um Übungen der Körperreduktion nicht mehr als entsetzlichen Verlust, sondern als Gewinn zu entdecken. Als Frau könnte ich meine Falten begrüßen, weil ich endlich zu mir komme, mich meinem inneren Kern nähern lerne, statt den Blicken der Männer weiter gefallen zu wollen. Altern befreit so offenbar von manchem Besitz. Uns beschäftigen doch längst auch schwerere Aufräumarbeiten. Der Nazi in uns: altes Erbe und immer noch der Feind von Versöhnungen. Mit anderen und mit sich selbst. Und was ist mit der Depression? Sogar die Frage „Wer bin ich?“ ließe sich mit dem neuen Code vermutlich wahrhaftiger beantworten. Ebenso Begriffe wie „Liebe“ und „Heimat“.

Meine Freunde und ich haben die ersten Fenster einer Alterskommune statt in Berlin, der Toscana oder in Starnberg gerade im Internet aufgemacht. Wir versuchen uns auf diesem Portal in einem schwierigen Experiment mit open end. Ob so was mit dem Betreten von Innenwelten zu tun hat? Ein virtuellerer Standort als alles, was teuer und mit müderen Knochen schwerer zu bewältigen ist. So wären wir wie die Enkel in der neuen Welt eher leichtfüßig unterwegs, manchmal natürlich draußen auf dem Fahrrad, in Würde vom Grundeinkommen prekär versorgt, letztlich immer feinere Beziehungen pflegend, auch feineren Sex. Letzteres soll am schwersten sein, habe ich gehört.


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