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Deck -> Neue Welten -> Im Netz experimentieren
Mittwoch, 30.09.2009
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Internet-Frauen
 

Im Netz experimentieren

Wie erobern Frauen das Internet? Nutzen sie diesen neuen, virtuellen Raum ähnlich wie Männer? Oder dient er eher als Labor der Selbsterfahrung oder Expedition in eine weltweite Community? Eine Spurensuche.

Geschrieben von: Christa Ritter   
Im Netz unterschätzt: die Frau © Flickr Commons
 

Am 10. Juni starb mit 97 Jahren die älteste Bloggerin der Welt, die Spanierin Maria Amelia Lopez. Sie spazierte noch drei Jahre vor ihrem Tod online: „Das Internet hat mir eine neue Welt eröffnet und mich 20 Jahre jünger gemacht.“ Ob sie dadurch auch besser sterben konnte? Noch eine, die sich spät, aber immerhin traute: Vor Maria Amelia starb im vorigen Sommer die Australierin Olive Riley als älteste Bloggerin überhaupt, so heißt es, im Methusalem-Alter von 108 Jahren. Nach dem Motto „Es ist nie zu spät“ vermieden diese Ausnahmefrauen das Los der Hexe und entdeckten durch das Internet einen geistigeren Raum. Beeindruckend! Was ist nun mit den vielen jungen Frauen los? Entern sie inzwischen langsam, aber beständig den weitgehend noch immer weißen Fleck Internet, um wenigstens in dieser virtuelleren Welt eigene weibliche Vorstellungen einzubringen?

Furcht vor der Technik

Im Netz herrsche Gewalt und Anarchie und man müsse Kontrollen einführen, sagen immer mehr analoge Leute der Macht. Als wollten sie ihre Vorstellungen von Kontrolle aus der alten in diese Parallelwelt übertragen. Sie wollen den Kulturkampf: Regeln, Copyrights, neue Gesetze… Die anderen dagegen behaupten: Das Internet sei ein fantastischer Freiraum, ein Paralleluniversum der Liebe. Verblasen und romantisch? Zumindest scheinen die meisten zu ahnen: Eine noch nicht abschätzbare Revolution findet statt, die bisher auch ihre Pioniere nicht verstehen. Das Internet könnte das zentrale Forum selbst bestimmterer Menschen sein usw. Auch Frauen, so heißt es gleich, entdeckten mehr und mehr diese Spielwiese für eine neue Gesellschaft… Nicht schlecht. Stimmt das?

„We’ll set the Alarm!“ sagt Lisa Rank (Buch „Und im Zweifel für dich selbst“ erscheint im Januar, Produktions-Assistentin, Studentin) und gibt sich realistisch: „Die Online-Welt wird immer noch von den Männern dominiert. Sie ist schließlich ihr ureigenster Technikbaukasten.“ Die jüngsten Zahlen belegen immerhin: Frauen im Netz holen auf, vor allem die Bloggerinnen. „Aber viele zögern noch, weil sie die Technik fürchten.“ Kathrin Passig (Bachmann-Preisträgern 2006 und Autorin) sieht im Netz keine Frauen und Männer: „Da ist doch kein Unterschied mehr.“ Vielleicht sieht sie einfach schon ein bisschen in die Zukunft. Der Unterschied der Geschlechter sei im Netz tatsächlich schon ein wenig aufgehoben, lese ich. Alle wären irgendwie mehr für sich unterwegs, probieren sich aus, üben das mit anderen, erfinden sich ständig neu, kommunizieren darüber. Diese Leidenschaft, die Suche nach ständiger Aufmerksamkeit, spiele eine weitaus größere Rolle als so was langweiliges wie Geschlecht, Status und Geld. Selbst wenn Männer eher dazu neigten, dort Siege einzufahren, punkten zu wollen und sich als Spezialisten zu profilieren. „Die Angst der Frauen vor der Technik ist unnötig, weil das nicht so schwierig ist,“ behauptet Annik Rubens (Journalistin) und ich würde ihr als Technophobin zu gerne glauben. Annik scheint Widersprüche zu lieben: Es schrieben leider noch immer Frauen wenige politische Blogs und Männer wenig über ihre Gefühle. Klassische Arbeitsteilung. Frauen seien im Netz dennoch auf dem Weg, aber eben noch nicht wirklich weiter als draußen: „Sie verhalten sich in der Regel höflich und vermeiden jeden Krieg, wie inzwischen auch die meisten Männer.“ Dem widerspricht Ute Pannen, Kunst- und Medienwissenschaftlerin sowie Internet-Beirätin der SPD und macht damit Politik: Das Netz sei sogar härter als die Realität. „Ohne gewisse verbindliche Absprachen ist die Gewalt dort einfach größer.“ Es würde weitaus härter gestritten und schneller beleidigt. Man müsse also um Zäune verhandeln. „Das Internet ist ein steinigeres Feld als das Kinderkriegen,“ bestätigt auch Teresa Bücker (Leitung freitag.de). Das Netz: Endlich für Frauen eine Arena, wo sie in eigenem Interesse das Verhandeln lernen könnten, um Punkte für ihren Selbstwert einzufahren?

Kommentare mit einem Augenzwinkern

„Multimaedchen“ Aline Neumann (Dipl. Mediendesignerin) philosophiert denn auch: „The more I change the more I stay the same“. Klingt so gut wie ein Koan und ich lerne: Die eigene, vor allem weibliche Vision der Suche sollte man möglichst nicht mit deutschen Begriffen ausdrücken, die bereits besetzt sind. Lieber auf Englisch: So erschrickt man nicht über die eigene Kühnheit. Keine Angst vor der eigenen Chuzpe, fordert eine Userin: „Brave Mädchen warten auf den Prinzen, schlaue satteln selbst das Pferd.“  Irren und Fehler machen sei hier endlich möglich. Sogar Scheitern sei wichtig: Im Blog „Knicken“ heißt es, unter diesem Begriff verstehe die Bloggerin Teresa Brücker „den Verlust der Stabilität bis hin zum schlagartigen und gewaltsamen Versagen.“ Learning by scheitern? Es sei eben immer die eigene Schere im Kopf, die dich zur Behinderten macht. Dazu ein weiterer, leicht abgewandelter Satz von Teresa: „Dass Weiblichkeit auch Macht bedeuten kann, die über Sex hinaus geht, kann ich nur im Internet erfahren.“ Ob sie die Macht über die eigenen Schwächen meint? Unterwerfungsautomatiken … Risibisi, wie sich die Person nennt, kommentiert den Bericht einer Eifersüchtigen denn auch: „Ist es nicht ratsamer, man selbst zu sein und dann erst sein Glück zu finden? Jemandem als aufrichtiges „Ich“ zu begegnen und so angenommen zu werden? Ohne Taktik, ohne Strategie, ohne Manipulation?“ 

 „Wir verstehen uns politisch (Anti-Ehegattensplitting!) und durchaus auch feministisch,“ behauptet Helga Hansen (Forum „Maedchenmannschaft“: Ihr habt vielleicht im vorigen Jahr vom Buch „Wir Alphamädchen“ gehört, das drei der Autorinnen als Pamphlet veröffentlichten) und sie klingt dabei, als würde sie bald ihre eigene Partei gründen. Im Blog heißt es ziemlich mutig: „Frauen, die sich ihren Männern gegenüber gewaltsam zeigen, sind ein gesellschaftliches Tabu …“ Und der Quotenmann Werner kommentiert: „Wer sich mal die heiligen Bücher durchliest, was ich getan habe, wird merken, daß die Frau dort nie gut wegkommt, es sei denn, es geht ums Putzen!“ Die „Mannschaft“ putzt nicht, sie delegiert die technische Seite auch nicht an die männlichen Netizens: Selbst ist die Frau! „Frauen wollen erstmal auch im Netz nicht angegriffen werden, verbiegen sich lieber, weil sie glauben, perfekt sein zu müssen.“ Sagt Helga Hansen. Die Vorstellung von Perfektion als eine Form der Unterwerfung sei gerade bei Frauen schwer auszurotten. Bloggerin Alice Neumann berichtet aus ihrem Wochenende: „Ich befinde mich momentan in einer „positiven“ Phase, das hat man vielleicht schon gemerkt Hoffentlich ist es nicht nur eine Phase, ich find das nämlich ganz schön gut.“ Sich gut fühlen und positive Phasen? Wenn sich eine Frau wirklich mal Kritik traut, gibt’s oft Kloppe. Von den Frauen! Keine darf die Nase rausstrecken, ein altes Problem. „In vielen Foren oder Blogs wird eher beraten. Zu allen Lebenslagen.“ Immerhin ein kleiner Schritt aus der Einsamkeit des Tagebuch-Schreibens hinaus in die Öffentlichkeit: „Man riskiert dort sogar, von den Kommentatorinnen bedroht zu werden.“ Manchmal mit einem Augenzwinkern: „Wenn du dralle Schnalle nochmal gegen mich rennst, musst du mich behalten (juchhu!). Das ist das ungeschriebene Gesetz der Wildnis!“ so ein Kommentator, der sich „Bergwerk“ nennt. Ich lese, was sonst höchstens unter Freundinnen zum Thema wird: „Oh Gott, Mädels. Diese Stimme, die Hände dazu (eines Arztes mit langem Pferdeschwanz, wie sie vorher schreibt). Ich lag auf dem Bauch und dachte nur „nimm mich, jetzt“. Richtig schlimm wurde es dann, als er mit dem Gipsen anfing. Oh Gott: diese riesigen Hände, der warme Gips. Ich mußte in meine Hand beißen, um nicht zu stöhnen…“ Innerhalb der Foren outen sich Frauen in Kommentaren: Hier wird häufig nicht wie im wahren Leben weggelächelt oder intrigiert, erlauben sich Frauen auch Haß und Verachtung, wird gedroht bis zum Versprechen baldiger Vergewaltigung. Richtig hart fetzen und ätzen dort Frauen zwar bisher nur anonym, kreischen sich aber die Wut immerhin als Schmutzilla, Bloghure oder rapemypoo aber auch unter sanfteren Fantasienamen wie „Melancholie Modeste“ aus dem Leib. Hier zeigt sich, wie eine schreibt, „dass ich nicht der einzige Freak bin“.

Das Internet bietet so gerade für Frauen auch in der Verkleidung von Avataren nicht nur harmoniesüchtige Erfahrungen. Das Cyber-Bullying von solchen „Trollen“, wie die Community nicht nur nervige Männer, sondern auch ihr weibliches Pendant nennt, ist eine weitere Form, die weibliche Unterwürfigkeit der Anpassung zu stürmen. Oder Gamerinnen (ich stelle sie mir in Latex vor): Sie treten in Computerspielclans wie „Zockerweibchen“, „Pandora’s Mighty Soldiers“ oder „Mädchenblut“ (ist hier Charlotte Roche Mitglied?) zu heißen Schlachten gegeneinander an. „Erotik, Willpower und Professionalität sind unser Ding“, behaupten sie einfach mal. Eigensinnige Lara Crofts oder so ähnlich „mit ehrgeizigem Spielspaß“. Da gibt es Preise und Medaillen! Darin mit Ego-Shootern in Wettbewerb zu treten steht wohl noch in weiter Ferne und das ist auch gut so. Davor: üben, üben, üben!

„Bloggerinnen machen sich selten wirklich nackt,“ sagt Lisa Rank als eine der wenigen Frauen auf dem Podium der diesjährigen Bloggerkonferenz re:publica in Berlin (dort waren im April gerade mal 10 Prozent Frauen erschienen). In ihren meist aufgestylten Blogs schreiben Frauen mit stilistischem Anspruch aber aus eigener Wahrnehmung vor allem über Männer, Musik, Mode und Alltagsgeschichten. Denn wie sie sich wirklich fühlen und wie sie leben wollen spiegele sich schon lange nicht mehr in den Print-Medien, gerade nicht in Frauenzeitschriften. Dort gäbe es aufgrund der Abhängigkeit von Werbekunden nur Second Hand News und auch sonst würde Merkwürdiges vermittelt: Die jungen Frauen seien längst emanzipiert, wünschten den Konsumtrip, seien völlig unpolitisch und sowieso sei alles in Ordnung. Umso heftiger versuchen Bloggerinnen, oft noch hilflos, diesen Klischees zu widersprechen. Annik Rubens gibt sich zuversichtlich: „Das wird schon!“. Bevor das „wird“, lästert Nicole Simon (arbeitet selbständig als European New Media Specialist, Autorin des Buches „Twitter“), würden Frauen noch lange mit der Freundin im Café hocken oder zum Yoga düsen, während sich Männer bei Warcraft austoben. „Sie sind eben lieber die Cheerleader, während die Männer Football spielen.“ Kommen so harte Worte unter den geschäftlich erfolgreichen Frauen des Web 2.0 öfter vor? „Vielleicht bin ich ein bißchen männlich,“ wischt sie über diesen Punkt schnell hinweg. Aber der dominiert: „Frauen jammern, statt sich zu kümmern.“ Nicole, die gerade mit einem Co-Autor das Buch „Twitter“ herausgegeben hat, sagt, sie sei pragmatisch und habe einen starken Willen. Sie hat sich computermäßig erst lange erfolgreich bei einem Großunternehmen trainiert, ist aber seit zehn Jahren als Coach und Beraterin mit viel Spaß, wie sie sagt, für sich selbst unterwegs. Eine ungewöhnlich forsch und selbstbewusst auftretende Frau! Die Glasdecke sei denn auch die Faulheit der Frau. Baff! „Frauen kokettieren mit ihrer Dummheit.“ Peng! Sie sieht sich weit vorn und trotzdem in dieser Republik in einem Kleinbloggersdorf: „Nicht der Nabel der Welt, aber gern antikommerziell, fundamentalistisch und schizophren.“ Auch Annik Rubens macht „schizophren“ ihr Ding: Sie hat die mühsame Reise einer Praktikantin durch entfremdende Jobs abgebrochen und startete mit ihrem Blog wie Lisa Rank einen eigenen Weg, der das Ziel sei. Schöpferisch sein, möglichst sich selbst auf der Spur und Frauen-Terrains erkunden und, auch bei ihr, wenn irgendwie möglich überschreiten. Inzwischen bekommt sie Angebote von Leuten, die mit ihr für die „reale“ Welt arbeiten wollen. „Aber auch das geht auf und ab, nirgendwo Sicherheit.“

Wer bin ich?

Viele Mädchen, die noch keine Frauen sind, überbrücken online die Einsamkeit der Pubertät und erobern so immer früher das Netz. Hier und da. Wie die „chick lits“, junge Mädchen, die sich literarisch versuchen. „Halt durch! By RUMMELSNUFF. Die derbe Strommusik von Rummelsnuff (Roger Babtist) hilft über die trüben Momente & das ist grad sehr nötig.“ Die starke Selbstinszenierung, die das Internet möglich macht, lieben beide Geschlechter. Mädchen häufig auch mit viel optischer Raffinesse, seltener mit Fotos von sich selbst. „Du lädst sonst gleich die Anmacher ein.“ Selbst die Beziehungsfalle scheint hier nicht mehr so populär zu sein, wie die Print-Medien suggerieren. Denn die virtuellere Welt des Netzes erweitert die Optionen der Frauen: „In immer mehr Sprachen zuhause sein, Zeitzonen überspringen, Menschen und ihre Kultur online zu erleben statt eigene Kinder zu kriegen, lieber Tante zu sein als Mutter, ohne Ehering und Häuschen mit Garten“ – solche Aussichten motivieren auch Nicole am Netz. Was sie mit Erstaunen entdeckte: Arabische Frauen gingen mit dem Internet viel unbefangener um und nutzen es viel frecher, wie einen riesigen Marktplatz, allerdings nur solange es ihre Männer erlauben.

Netzpolitik, wie sie zum Beispiel die Piratenpartei gerade erfindet, ist bisher technisch beschriftet und vor allem von Männern besetzt, während die privaten Themen der Frauen, so sagen sie, häufig noch von der Community als irrelevant übersehen werden. Ihre noch sehr leise, eher zwischen den Zeilen oder in Witzen versteckten Kommentare und Analysen fallen daher selten sonderlich auf. Am wenigsten ihnen selbst. Hier wirken noch die alte Welt, alte Vorurteile, alte Ängste. Die Frauen glauben, was sie in der alten Welt über sich lernten: Weibliche Interessen sind banal! Während die Alpha-Blogger also die Podien der Republik besetzen, auch Piratenparteiler bisher fast nur männlich sind, verstecken die Frauen wie in der Welt draußen, so im Netz ihr weibliches Wissen zwar inzwischen öffentlicher, aber kaum weniger scheu. „Das wird schon!“

Mir scheint, das Internet wird von einer großen Frage angetrieben: Wer bin ich? Gerade Frauen haben hier begonnen, mit vielen vorläufigen Antworten zu experimentieren. Ich glaube zu entdecken, im Netz antworten Frauen etwas offener und freundlicher als analog, wirken doch etwas von ihrer alten Rolle befreiter, so als kennten wir uns schon. Ein Feeling von Community, das mir da begegnet? Dahinter meine ich ein leises, weil fast sanftes, ganz eigenartiges Raunen zu spüren, eine Wiederkehr von so etwas wie Liebe vielleicht, ähnlich der kurzen Zeit in den Sixties, als ich mich mit allen so merkwürdig nah und „verliebt“ fühlte. Als wäre ich mit meiner Angst vor dem harten Alltagsleben sowieso immer auf dem falschen Trip. Einem feindlichen. Alles doch ein bisschen neuartig, aber vor allem schön. Wunderschön. Ich bin also unter „Freunden“, immer und eigentlich? Da hat Kathrin also recht: „Männer und Frauen, wieso gibt’s da einen Unterschied?“ Soviel Luxus für alle gab’s noch nie auf diesem Planeten.

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