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Oscars 2010
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"Avatar" – zum Zweiten |
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Lediglich drei von neun möglichen Oscars hat James Camerons 3D-Epos "Avatar" gewonnen - die Academy strafte damit die oft kritisierten Drehbuchautoren ab. Dass die Geschichte dann doch nicht so banal ausfällt, zeigt ein zweiter Blick auf den Film. |
| Geschrieben von: Christa Ritter |
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I ch bin wohl nicht die Einzige, die den Film „Avatar“ inzwischen zum zweiten Mal gesehen hat. Beim ersten Mal überflutete mich die Bilderwucht. Noch spät in der Nacht war ich auf der fantastischen Insel Pandora: Mir gefiel diese neue Technik, ich mochte ihre Überwältigung, die Opulenz der fantastischen Na’vis, vor allem in ihrer farbenprächtigen Kriegsbemalung, die Medusen und die nashörnernden Büffel, die sechsfüßigen Pferde, dann wieder die rasanten Drachenflüge, die unterwasserartigen Pflanzen. Die Story dagegen fand ich eher dürr. Was will mir Cameron eigentlich sagen? Oder anders: Wieso zieht der Film so gigantische Massen junger Leute, die sonst eher downloaden, zurück in die Kinos? Pandora - das digitale Paradies Einmal natürlich wegen 3D: Manche haben den Film schon sechs Mal gesehen. Die Story kann daher so dürr nicht sein. Lautet ihre späte Botschaft: Vietnam war ein Scheißkrieg? Oder: Das hättet ihr in Kopenhagen zeigen sollen, damit wir endlich schneller im Klimaschutz weiterkommen? Könnte aber auch sein: Die Naturvölker leben das bessere Leben als wir. Zurück zu den edlen Wilden: langsamer, liebevoller, gemeinschaftlicher. Und als letzte Variante: Junge leben sowieso schon in weniger materialistischen Parallelwelten, das digitale Pandora symbolisiert dieses Internet. Zunächst fand ich niemanden, der eine Antwort wusste. Ein paar Tage später saß ich in der Sauna. Ich hatte die Augen geschlossen. Es duftete nach Olbas. Mit drei Freunden genoß ich die Ruhe als mich Merkwürdiges streifte: „Entheogene ... veränderte Bewußtseinszustände … ritualisierter Drogengebrauch … und Spiritualität.“ Mit einem Ruck setzte ich mich auf und starrte in das Halbdunkel. Auf der Holzbank unter mir nahm ich diffus zwei schmale, gleichwohl muskulöse Körper wahr, kurz geschorene Haare an schön geformten Schädeln: Ich war unter Na’vis! Sie sind von der Leinwand zu mir heruntergestiegen. Entheogene? Nie gehört. „Was heißt das, was macht ihr,“ hörte ich mich fragen und später stellte sich im Ruheraum heraus, dass die Na’vis Thomas und Marc Ethnologie studieren und mitten in der Abschlußarbeit bzw. Doktorarbeit saßen, die offenbar nicht nur mit dem Film „Avatar“ zu tun hatte, sondern mit ihrer ganz persönlichen Suche nach einem besseren Leben: die Virtualisierung der Welt, was auch mich (und vielleicht die begeisterten Avatar-Kinobesucher) seit 68 nicht enden wollend beschäftigt. Nachdem wir am Wellness-Counter unsere Mailadressen ausgetauscht hatten, saßen wir ein paar Tage später bei mir zusammen. Der Tee, nicht der Joint duftete und dann waren wir schnell mitten drin: „Uns interessiert die Wiederverzauberung der Welt.“ Die beiden hatten, wie mir bald schien, alles gelesen, was dazu Rang und Erfahrung bot: Stanislav Grof, Carlos Castaneda, Mircea Eliade … Beide wohnen in WGs, Thomas hat eine zweijährige Tochter, die Mutter ist seine Ex und wohnt freundschaftlich im Haus gegenüber. Drogen nehmen die beiden „Na’vis“ ganz gezielt und nur in ausgesuchten Ritualen, alles, am liebsten Pilze. „Danach landet man herrlich soft zurück im Körper.“ Kiffen zählt für sie nicht dazu, ist sowieso Alltag, wie auch Podcasts des Wissens, die sie sich runterladen und als iPod an das Ohr hängen, während sie zum Beispiel Sport treiben. Da hören sie Wissen und machen viel Ausgleichendes: Kung Fu, Workout, Yoga. Thomas zeigte, wie beweglich ihn das trimmt. Er sprang leichtfüßig auf und demonstrierte uns seine Sprünge. Marc bewundernd: „Du bist durch das Dehnen tatsächlich fast so beweglich wie eine Schlange.“ Über die Natur hinauswachsen Mein Blick im Dunkeln auf die beiden hatte mich nicht getäuscht und ich saß tatsächlich unter Avataren auf meinem Teppich. „Habt ihr den Cameron-Film gesehen?“ Nur Thomas nickte. Was sagt uns der Film, woher dieser Riesenerfolg? „Da siehst du eine neue Welt, in die wir alle wollen,“ überlegte Marc und schaute mich mit fragenden Augen an. Meine Freunde Rainer und Brigitte auf dem Sofa nannten die Zeit des Aufbruchs, als alle ein Jahr lang neue Welten erfanden: In den Sixties blies plötzlich und bis heute unerklärlich ein Wind durch die Köpfe von uns Jungen, zauberte dort Gefühle der Liebe, Visionen einer ganz anderen Welt unbeschränkter Vertrautheit. Sind die Na’vis in jenen Tagen geboren worden? Marc schien diese Referenz durchaus bewusst zu sein: „Klar hat das damals angefangen. Heute nenne ich es für mich Schamanismus.“ Auch den studiert er. Was er denn mit der Wiederverzauberung meine? Eine idealisierte Natur? „So etwas Schönes wie in dem Film?“ Thomas überlegte. Dort sei die Natur ja unserer Realität nur entfernt ähnlich. Pflanzen und Tiere wirkten erst durch die Technik überhöht. Rainer erinnerte: „Die Natur hatte uns Menschen immer im Griff, bis wir unseren Geist nutzten, also auch Maschinen bauten.“ Maschinen, die den Film mit seinen Bildern erst möglich machten. Dagegen sei die Natur brutal: Sie vernichte und gebäre in endloser Wiederholung. Bei der Wiederverzauberung könne es daher nicht darum gehen, an unseren Genen zu optimieren, sondern an unseren Memen. Also: Über die Natur hinauszuwachsen. Ob da Pilze helfen? Oder Ayuvasca, um die Tür zum Urzeitlichen aufzustoßen? „Ich habe einiges an Drogen genommen und gesehen: Das führt nicht weit,“ sagte Rainer. „Wir Jungen flogen anfangs weit höher und erst später versuchten viele immer wieder, diese Morgenröte mit Drogen nachzusimulieren.“ Seitdem übe er sich lieber in Meditation. Selbst wenn er darin kaum Fortschritte bemerke. Thomas und Marc nickten. Ich war erstaunt: auch sie meditieren. Die neuen Menschen … Überall scheinen sie ansatzweise unterwegs zu sein, leben die Jungen nicht mehr wirklich in der alten Welt. „Ihr übt im Netz,“ bestätigte Rainer den beiden Schamanen (schaut mal in sein Internet-Manifest „Das Netz“), ausgerechnet als ich die Kerzen anmachte. Marc und Thomas sind also magisch unterwegs, keine Nerds und doch fixe Intelligente. Sie wollen sich mit Drogen wissenschaftlich verzaubern, statt nur meditierend an sich zu arbeiten. „Die Natur verklären, doch, danach sieht es im Film schon aus,“ überlegte Marc nach langem Zögern. Der Mariner stirbt im Film in diese Idylle hinein, aus der hässlichen, materiellen Welt des weißen Mannes in eine „feinstofflichere“. Die Na’vis telefonieren nicht, sie „telepathieren“. Das sei nur Kino? Wie stellt sich Thomas das Leben vor? Er lachte und sagte, er glaube, er könne die alte Welt in sich austricksen: „Ich stelle mir vor, frei zu leben und gerade mal ein wenig als Wissenschaftler zu arbeiten. Immer nur soviel ich will.“ Das müsse doch gehen. „Machen das Frauen mit?“ zweifelte ich. „Das ist ein ganz neues Thema, ein umfangreiches,“ lachte Marc. Wir verabschiedeten uns: „Darüber reden wir ein nächstes Mal.“ Eine Woche später sah ich „Avatar“ zum zweiten Mal, diesmal gemeinsam mit einer Novizin. Endlich entdeckte ich nun manche Feinheiten der Story: Zum Beispiel die feinen Intrigen zwischen Militär und Wissenschaft im Spaceship. Im Showdown stehen sich dann der Ami Col. Miles Quaritch als imperialistischer „Patriarch“ und Fratze des Abendlandes und sein abtrünniger „Avatar“ Marine Jake Sully als strahlender Kämpfer für eine bessere Welt auf Pandora gegenüber. „Komm zu Papa,“ schreit der Colonel und der „Sohn“ kommt ganz anders und erschlägt ihn im Zweikampf. Lust am Töten gegen Befreiung zur Liebe. Als letztes großes Gemeinschaftsbild: Die Na’vi-Stämme huldigen ihrer Göttin und den Ahnen und bedanken sich. Also doch zurück zu der großen Mutter? Meine Freundin verstand den Film so: Das sei die Welt ihrer Kinder, soviel Liebe unter den Menschen sei überall möglich und unsere Zukunft. Ich zögerte schon wieder, sah den Film plötzlich als ein Coming of Age. Der Sohn erschlägt den Vater und die Hippies feiern auf der großen Wiese den Sieg ihrer neuen, liebevolleren Welt. Romantische Nostalgie? Cameron, ein 68er. Ist eigentlich kaum anders, als was die Freundin sagte. Oder? Wir überlegten weiter und einigten uns: Camerons Film ist ein Plädoyer für die digitale Welt als eine bessere. Der Regisseur nutzte unsere immer smarter werdenden Maschinen, um uns eine Geschichte über den Übergang in die neue, virtuellere Welt von Pandora als Symbol des Internets zu erzählen. Dass er dem Ganzen ein Mäntelchen aus alter Zeit umhängt, die idealisierten Wilden mit einer Muttergöttin, fanden wir schwer verständlich. Als Kompromiss für die vermeintlich heile Welt Hollywoods? Ein Leben mit Cola und Jeans Einen Tag später wurde unsere Deutung schon wieder in Frage gestellt: Der 68er Klaus Theweleit schrieb dazu empört im SPIEGEL. Er sehe im „Avatar“ einen Missbrauch der innovativen Kino-Technik. Cameron pervertiere seine digitale Kino-Maschine, indem er sie ausgerechnet zur Rettung der galaktischen Gutmenschen einsetzte. Wie schon zu Gutenbergs Zeiten und später bei der bösen Eisenbahn oder dem drohenden Flugzeug warnt Theweleit vor so viel Digitalisierung, die die Menschen, hier die Amerikaner, vernichte und die künstlichen Menschen, die Na’vis-Maschinen, unsere Welt übernehmen lasse. Wie in den meisten Science Fiction Stoffen beschworen: Die Maschinen, hier der virtualisierte Avatar oder das Internet, überwältigen das Materielle, das Theweleit mit Menschlichem gleichsetzt. Die alte Welt mit ihren riesigen Panzerwälzmaschinen wird von der höheren Intelligenz vernichtet und auch noch am Ende gefeiert. Grotesk, so Theweleit. Jeder begeisterte Besucher dieses Films könnte demnach tendenziell der geneigte Akteur des eigenen Untergangs sein: Die Maschinen sind besser und übernehmen, während alles Menschliche in der gigantischen Schlacht versinkt. Ziemlich verrückt, aber wohl eine alte Angst, die ernst zu nehmen ist. Denn alles kann missbraucht werden, auch die Maschinen. Aber die könnten ebenso der Evolution unserer Spezie dienen: Das Internet als höheres, weil komplexeres Tool einer weltweiten Kommunikation. Telepathische Menschlichkeit: Nerds als Na’vis. Vielleicht gibt „Avatar“ tatsächlich keine eindeutige Antwort. Vielleicht ist das auch gut so: In diesen Tagen des Übergangs ist nichts mehr gewiß und jeder kann sich von diesem Film und den Na’vis von Pandora verzaubern lassen - oder lieber verteufeln. Nachdem die Amerikaner in den letzten Jahrzehnten immer gewaltsam mit ihrer „Freedom & Democracy“ andere Länder imperialisieren wollten, gefällt mir die Verzauberung durch ein so gigantisches Film-Unternehmen aus Hollywood schon sehr viel besser. Oder ist sogar hier Vorsicht geboten, weil memetischer Imperialismus, daher ebenso, jedoch feinere Überwältigung? Was schreibt Jake Sully in sein digitales Tagebuch? „Wozu soll ich dahin zurückkehren, wo das Leben durch Cola und Jeans bestimmt wird?“ Diesen Artikel mit anderen teilen:
Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Katja,
April 23, 2010 Avatar durch Asche
Die aktuelle Lage am Himmel hat mich sehr an "Avatar" erinnert. Was wäre, wenn die Menschheit wirklich für längere Zeit nicht mehr fliegen könnte. Käme dann die Globalisierung zum Stillstand? Würden sich die Mitglieder unserer Industriegesellschaft wieder mehr auf tradtionellere Werte berufen? Auch der Umweltaspekt wäre nicht zu verachten, wenn man den weltweiten Verbrauch von Kerosin betrachtet.
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