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Persönlichkeitsspaltung im Social Web
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Digital Girl Interrupted |
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| Das Ich im Social Web - eine argwöhnische Betrachtung des Digital-Klons und die Überlegung: "Wie werde ich die Alte wieder los?" |
| Geschrieben von: Semia Belhadj |
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Die Person da drinnen ist eine ziemlich geile Sau © 2012 Philibuster Semia Belhadj
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the unsharp mask n. The tendency for online social networks to magnify unexpected personality traits of people you know, a side effect of compressing raw persona into a low-res digital format which can randomly brighten outer glow, sharpen comic edges, darken shadows or add motion blur to everyday life, much like the polarizing lens filters of alcohol, politics or youth. (Dictionary Of Obscure Sorrows)
In einem Moment der schwurbeligen Selbsterkenntnis kam mir ein Gedanke. Eigentlich waren es gleich mehrere. Irgendwas war unecht, falsch, nicht richtig. Neu, oder auch immer schon so gewesen. Da ist das Internet und hier bin ich. Und dann gibt es da noch mich im Internet. Die Person da drinnen ist 'ne ziemlich geile Sau: sieht gut aus, ist witzig und hat total viel zu sagen. Manchmal wäre ich gern wie sie. Nee, Moment, bin ich ja. Sekunde. Jetzt bin ich wirklich verwirrt. Zum dritten Mal in einer Minute überprüfe ich die Anzahl der Kommentare unter meinem letzten (völlig irrelevanten) Facebook-Post. Nur zwei Menschen haben auf „Like“ geklickt und bisher hat niemand kommentiert. Ich sehe mich um, kontrolliere, ob mich niemand beobachtet und taste mich heimlich ab. Arme noch da, Bauch noch da, Gesicht scheint auch vollständig. Ich existiere noch. Warum reagiert denn niemand? Ich stehe also auf und gehe in die Küche, um mir einen Kaffee zu machen, denn wenn der aufgegossene Kaffee in der Bodumkanne langsam beginnt, herunterzurieseln, habe ich vier Minuten Zeit, um nachzudenken. Ich massiere mir den Handrücken, vielleicht um nochmal sicher zu gehen, dass ich auch wirklich da bin. Wie es scheint, bin ich die Verkörperlichung meiner konstruierten Internetperson – nicht umgekehrt. Das Destillat meiner positiven Persönlichkeitsanteile hat sich verselbstständigt. Ich starre den Kaffee an, der nicht im Geringsten daran denkt, von alleine auf den Grund der Kanne zu fallen. Ich rüttele langsam und geistesabwesend am Griff und verfalle dann wieder in meinen thousand-yard-stare. In der Zwischenzeit laufen zwei Mitbewohner an mir vorbei, an denen ich gekonnt sinnentleert vorbeigucke. Die Person aus dem Internet steht jetzt neben mir. Ich habe sie wohl nicht bemerkt, weil ich mit Ins-Leere-starren beschäftigt war. Sie ist wirklich hübsch anzusehen, gut gelaunt und schrecklich talentiert, das kann man gleich sehen. Akkurat frisiert, gut geschminkt und trägt ein Skizzenbuch unter den tätowierten Armen. Ich gucke an mir herunter. Ich habe Zahnpastaflecken auf meinem Pulli und trage eine geblümte Schlafanzughose. Abgesehen davon sind meine Haare zu einem ungewaschenen Mopp an der Oberseite meines Kopfes zusammengebunden, und ich trage meine Zuhause-Brille. Nicht zu vergessen die Birkenstocks. Ja, Birkenstocks und verschiedenfarbige Socken. „Was machstn du hier?“ frage ich meine Internetperson mit überprüfendem Unterton und hochgezogener Augenbraue. „Haha, trallafitti dingdong schallallallala!“ antwortet sie mit verachtungswürdig guter Laune und grinst mich dabei beinahe zu Brei. Ich hasse sie bereits jetzt. Sie schwingt hochfrequent wie ein Kolibri. Ihre Jutetasche baumelt hin und her, weil sie von einem Bein aufs andere steigt und dabei den Küchenboden zum Vibrieren bringt. „Halt mal still jetzt!“, brülle ich sie an und schiebe sie mit meinem Arsch zur Seite. „Was willst du überhaupt hier?“ Ich schiebe ihr den Teller mit meinem Frühstück unter die Nase und sage: „Hier, fotografier das. Sowas machst du doch, oder?“ Sie sieht mich etwas dümmlich an. Auf jeden Fall ist sie folgsam. Sie zückt ihr iPhone und macht Instagram-Fotos von dem Spiegelei auf dem bunten Ikeateller. Sie freut sich und ich verstehe die Welt nicht mehr. Das bin also ich. Beziehungsweise sowas wie mein Persönlichkeits-Ersatzteillager. Diese Person hüpft auf und ab und schnippt mit den Fingern wie ein unliebsamer Pennäler in der letzten Reihe. In der Zwischenzeit ist sie dazu übergegangen, theatralische Gesten zu machen und Sloterdijk zu zitieren. Burner. Eine Weile stehe ich noch da und beobachte das Schauspiel. In gewissen Abständen wechselt sie das Outfit, und ihr Skizzenbuch wird zur Schreibmaschine wird zum Fotoapparat. „Weißt du, was ich am meisten an dir hasse?“, frage ich sie nach einer Weile und unterbreche damit eine Litanei über eine heranziehende Kaltfront aus dem Osten. Sie hält kurz inne und sieht mich fragend an. „Dass wir beide dauernd verwechselt werden“, sage ich, hebe meinen rechten Arm und brettere ihr mit Schwung die Kaffeekanne über den Kopf. Natürlich erst, nachdem ich mir eine Tasse eingegossen habe. Sie fällt zu Boden und sieht sogar dabei verdammt gutgelaunt aus. Kurz zuckt sie noch, bevor sich ihr Körper in einer Wolke aus Staub und Glitzer in nichts auflöst. Außer einem leeren Gefühl im Magen bleibt bei mir nichts übrig. „Vielleicht sollte ich mein Frühstück lieber essen, anstatt es zu fotografieren, dann ist das mit dem leeren Gefühl im Magen auch erledigt“, denke ich für mich und schaue die Kaffeekanne an. Sie steht an ihrem angestammten Platz, unberührt und voll mit warmem Kaffee. War das Selbstmord? Nein, ich denke nicht. Das war nicht ich. Oder doch? Ich stehe hier, an der Küchentheke und fantasiere über meine Internetidentität. In Birkenstocks und Pluderhosen. Jetzt muss ich das nur noch der körperlichen Welt begreiflich machen. Mir auch. Vor allem mir. Zurück in meinem Zimmer halte ich mich davon ab, als erste Handlung zu überprüfen, ob vielleicht in der Zwischenzeit jemand auf meinen Beitrag kommentiert hat. Stattdessen lösche ich die letzten vier Beiträge und schalte den Rechner aus. Das war das dritte mal in diesem Monat, dass ich meine Internetperson mit der Zuhilfenahme diverser Küchenutensilien zum Schweigen gebracht habe, und trotzdem kommt sie immer wieder. Spätestens dann, wenn ich wieder draußen bin, unter echten anfassbaren Menschen, die mich fragen: „Hey! Na, was macht eigentlich …[IRGENDWAS, DASS ICH VOR MONATEN BEI FACEBOOK GEPOSTET HABE]…? Ja, spätestens dann muss ich sie wieder hervorholen und mich zurückziehen, weil mir die Mordinstrumente ausgehen. Moment, mir fällt gerade ein: Ich habe noch einen Toaster. Vollverchromt. Vielleicht mache ich ja doch nochmal den Rechner an, ich habe ja schließlich nicht umsonst mein Spiegelei fotografiert. Mal sehen, wie viele Menschen kommentieren. Kommentare zu diesem Artikel:
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