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Tunesien und Facebook
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Das Ende der Netzberieselung |
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| Facebook, einst ein Tummelplatz der Zerstreuung, ist derzeit für viele das Hauptportal zur Verfolgung der schrecklichen Ereignisse in Tunesien. Zensur und Websperren führen dazu, dass das Social Network immer mehr zum Zeugenmedium für grausame Menschenrechtsverbrechen wird. |
| Geschrieben von: Nadia Shehadeh |
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Wenn Facebook über Schicksale entscheidet © Philibuster
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Die Facebook-Startseite einer Person aus Deutschland, die auf Facebook mit Tunesiern oder politisch interessierten Personen befreundet ist: Zwischen Sarrazin-Postings („Thesen sind falsch!“), Musikvideos („Bestes Lied!“), Film-Trailern („Wer kommt mit?“) und der ganz normalen Lebensberichterstattung („Ich mache jetzt Feierabend!“) finden sich bei diesen Nutzern in letzter Zeit immer häufiger Videos, die die sonst gewohnte Spaß-Berieselung im blauen Portal brutal durchbrechen. Videos, in denen man Leichen sieht. Videos, in denen ein Mann auf einer Krankhausbahre liegt – tot. Der halbe Kopf wurde ihm weggeschossen. Eine alte Frau auf einer Trage – ebenfalls tot. Erschossen, zu Tode geprügelt oder an Tränengas erstickt – man weiß es nicht. Man sieht tunesische Polizisten, die mit scharfen Waffen auf einen maximal 13 Jahre alten Jungen, der mit Steinen wirft, zielen. Und man fragt sich, ob Facebook in solchen Zeiten eher Fluch oder Segen ist. Man sieht Bilder, die im Fernsehen niemals gezeigt werden würden. Und man fragt sich, ob einiges davon überhaupt noch ethisch vertretbar ist. Revolutionswünsche im Chat Befremdlich sind vieler Bilder und Nachrichten der letzten Tage („Wieder 20 Tote bei Demonstrationen!“), eingemauert von Herzen und Smileys anderer, die derzeit eine andere, eine komplett unbefangene Nutzung des Portals pflegen können. Pluralistische Nutzung – paradoxe Mischung der Botschaften. Ein Hybridportal, in dem für manchen derzeit Freud und Leid kaum weiter auseinander liegen könnten. Man hält Kontakt zu Tunesiern im Ausland über das altbewährte Facebook-Haustelefon: Die Chatbox. Man schreibt über die Lage, lässt sich über den Stand der Dinge informieren. Jemand verabschiedet sich, um an einer Demonstration teilzunehmen. „Be careful“, schreibt man dann, und schickt einen schiefen Smiley hinterher. Das sonst so hingeraunzte „Pass auf Dich auf“ bekommt auf einmal eine durchaus reale Bedeutung. Man spricht über Themen, die ganz weit weg sind und doch real für die Person, mit der man kommuniziert: Militär, das auf Zivilsten schießt. Ein angekündigter Generalstreik. Ausgangssperren. Verhaftungen. Tote. Verletzte. Verhaftete. Revolution. Zwischendurch schickt man sich aus alter Gewohnheit gegenseitig Links zu Musikvideos. Man verlässt im Rahmen der gewohnt entwerteten Kommunikation den Sprachraum der Chatbox für einige Augenblicke, um irgendwelchen Freunden auf der Pinnwand zum Geburtstag zu gratulieren. Und fragt sich dann, was man da eigentlich macht. Entwertete Kommunikation im Binär-System Sicherlich, überall auf der Welt passieren grauenhafte Dinge. Und sicherlich, auch die schlimmsten Nachrichten im Fernsehen werden irgendwann durch Limonaden-Spots und Film-Trailer unterbrochen – allerdings in einem von Kommunikation losgelösten Raum. In dem Rahmen, von dem wir sprechen, prasseln die Eindrücke im Minutentakt auf einen nieder. Und wenn man hart ist, klickt man auf den „Gefällt mir“-Button unter einem schrecklichen Protestvideo. „Danke fürs Hochladen“, könnte das dann heißen. Oder: „Habe ich zur Kenntnis genommen.“ Die Paradoxie des Binär-Systems kommt hier zum vollen Einsatz. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg sagte eins, er habe Facebook entwickelt, um für eine Kommunikation zu sorgen, die darauf getrimmt ist, so schnell und effizient wie möglich Daten auszutauschen. Die Möglichkeiten, die Facebook damit insgesamt bietet, wird er nicht vor Augen gehabt haben. Bürgerkriegsähnliche Szenen und Bilder werden kommentiert und bewertet mit Hilfsmitteln, die ursprünglich für ein effizientes Nutzer-Matching entwickelt wurden. Mit den üblichen Folgen: Oberflächlichkeit, Zerstreutheit, Überangebot und Hetze. Die feinen Nuancen menschlicher Interaktion werden komplett ausgeblendet – doch immerhin bleibt die Möglichkeit, überhaupt Informationen auszutauschen. Wir wissen also, dass wir effizientere Kommunikationsmöglichkeiten haben - aber wir wissen noch nicht, was sie mit uns machen. Kommentare zu diesem Artikel:
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