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Deck -> Neue Welten -> Woodstock everywhere
Donnerstag, 26.11.2009
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Zeitgeist-Festival
 

Woodstock everywhere

Drei Tage lang trafen sich die unterschiedlichsten Visionäre wie moderne Schamanen beim "Woodstock of Political Thinking"  in München, um die politische Debatte wieder in die Öffentlichkeit zurückzubringen. Kathrin Röggla, Julian Nida-Rümelin, Bazon Brock, Rainer Langhans, Schorsch Kamerun und andere erzählten davon, was sie hinter Finanzkrise, Klimakatastrophe und Bildungsmisere entdecken.
Geschrieben von: Christa Ritter   
Andersdenkende bitte rechts herum © Flickr Travis Simon


Hinter der Kuppel des früheren Armeemuseums könnte man in den fernen dunklen Wolken den aufkommenden Herbststurm ahnen, während die Besucher vor dem Haus der Kunst noch in leichter Kleidung auf den Stufen hocken. Wo sind wir und wer werden wir in Zukunft sein, scheinen sie zu fragen. Herausgefordert auch von einer Vergangenheit der extremen Erschütterung, die hier gut zu spüren ist. Die erschreckende Grandiosität von Gewalt in der Architektur des einstigen Oberschamanen Hitler wird aber im Foyer des hohen Hauses durch luftige Monitore aufgehoben, vor denen die Besucher einer protestierenden Stimme aus China lauschen. Sie gehört Ai Weiwei, der schon draußen auf der gigantischen Frontseite des Kunsthauses mit Hunderten Schulkindertaschen bepflastert seinen Protest gegen Willkür und Gleichgültigkeit der Partei kundtut.

In der ersten Etage: Woodstock


Aber manche von uns sind mit anderen Fragen unterwegs und biegen in die seitlichen Gänge ab. In der oberen Etage dieser heiligen Hallen treffen sich für drei Tage ganz andere, unscheinbarer wirkende Menschen, die von ihren „Zauberbergen“ nicht alltäglicher Sichtweisen zu uns hinunter gebeten wurden, um etwas davon zu verkünden, wie derzeit der Geist weht. Die Zauberer sind von den Veranstaltern gebeten, in einer Stunde “ihr Lied zu singen“. Egal was, egal wie: Tanzen, reden, Kopfstand.

Die Veranstalter scheinen zu wissen, dass wir Zuhörer dringend der Anregung eines höheren Blicks, vielleicht einer Orientierung im Chaos der Niederungen bedürfen. Denn in uns rührt sich schon lange etwas, was ein Ami vielleicht einen „Alien“ nennen würde, der uns seit dem Aufbruch in den Sechziger Jahren zu unserem Besten heimsucht. Mit diesem „Wesen“ in mir möchte ich bewußter Kontakt aufnehmen, seit ich immer wieder in manche Tieflage gerate, gelegentlich hoffnungslos verstrickt in Auflösungen, Krisen und verwirrende Reflexionen.

Killertomaten und Stoiker

Auf einer der beiden Bühnen sitzt plötzlich eine strenge Schamanin aus Salzburg auf ihrem Stuhl vor einem kleinen Tisch mit Leselampe und liest aus eigenem Text von Riesenameisen, Killertomaten und Finanzmonster. Sie geht gern ins Kino, um von der Leinwand aus ihr ständig ins Beliebige kippende Spektakel über amerikanische Filmgenres zu bändigen: als Katastrophenszenarios, als so was wie Shakespeare-Dramen, Krimis oder Science Fiktion und mitten drin englische Broker, die Wallstreet, Naomi Klein oder Guy Debord. Wir seien fragile, uneinheitliche, daher fortgeschrittene Menschen, die längst im Fluge leben, das nur kaum merken, eben eher auf einer Leinwand und dort ihre wunderliche, virtuellere Existenz entdecken.

Der attraktive Philosophie-Professor hat sich von einem anderen Stern aus aufgemacht. Er spannt ausführlich den großen geisteswissenschaftlichen Bogen, beginnt bei den Kynikern, streift die Stoiker, um bei den Menschenrechten zu landen. Er fordert die Wiederbelebung des Humanismus, eher vielleicht eines Kosmopolitismus, den eine neue Weltordnung zusammenhält. Dabei sollten kulturelle Unterschiede unserer regionalen Dörfer nicht zu kurz kommen. Die gleichmachende Globalisierung mit einem neuen Ethos ergänzen. Was trägt er nur in seiner flachen, feinen Aktentasche aus dunkelbraunem Mattleder, die entweder aus DDR-Beständen oder von Manufaktum stammen könnte?

Der Gong ist voll und tief, wenn er zum Wechsel der Bühnen und ihrer Schamanen mahnt. Der Politikwissenschaftler aus Berlin spricht von der Nibelungentreue, dem großen Mythos der Deutschen bis in den Untergang. „Sie tranken Blut aus den Helmen der erschlagenen Feinde.“ Da war der Geist eines utopischen Lebens noch tief in der Materie eingeklemmt. Leichenberge überall und wir haben daraus gelernt, sind daher aus gutem Grund seit Jahren Erfinder eines neuen, liebevolleren Lebens: um-denken, gegen-dichten, uns von den Deutungs-Eliten freimachen. Aber hyper-sakrale Icons binden uns insgeheim: Flügelhelm, roter Bart im Kyffhäuser, blonder Siegfried, Erhard mit Zigarre. Vergangene Bilder, die mächtig wirken: auch VW-Käfer oder Mauer, die nur langsam aus unseren Herzen fallen. Faust natürlich. Wo bleibt der erschossene Ohnesorg? Einen übernationalen, einen europäischen Mythos, so bedauert er, gibt es bisher nicht. Er verbirgt sich im Netz, vielleicht. Wird er dort weltweit versöhnen?

Zwei Schamanen-Schülerinnen mit in schwarz gekleidetem Assistenten befragen als Nächstes spielerisch das Orakel unserer geschichtlichen Vergangenheit: Adenauer, Straßendemos, der Schah und dann die RAF. Zitate a la Prada-Meinhof? Bum, bum, bum! Schlagzeug, Keyboard und einer, der bei soviel ohrenbetäubendem Laut mit der Blockflöte fast untergeht. Der schmale Mann mit der Fellmütze und in weißem indischem Gewand schreit „Fuck you, I love you!“ Ich höre, er meint es gut. Denn in seinem sanften Zwiegespräch mit sich selbst ahne ich, er hat oben „auf dem Berg“ Wesentliches gesehen: Kein Blut, nirgendwo. So spielt er durch die rauen Klänge eine wichtige Melodie: Alles ekelt dich erstmal, weil du zu nah dran bist, dann schiebst du es weg, immer weiter, bis du merkst, dass du es bist, der Typ mit dem Ekel. Und dann bist du endlich bei dir. Bum, bum, bum! Die Zwei neben ihm schlagzeugen mit Wucht. „Das war der Gemüsegarten aus München“, flüstert er noch und tanzt lächelnd einen herzzerreißenden Abgang.

68er, Liebe und Quantenphysik

Dann erscheint noch einer, der ein weißes Gewand an hat. Statt Fellmütze trägt er einen längst ergrauten Lockenkopf. Ekstatische Selbsterfindung von der Kommune I bis in das Internet: Communities 2.0 als die Behausung der Zukunft. Hört sich schön an. Er weiß zu berichten von dem einen großen Jahr der weltweiten Ekstase, bevor sie in Sex, Drugs & Rock’n Roll abebbte und dass wir Deutsche nach Auschwitz in tiefe Keller tauchen mussten. Was sie dort fanden? Eine wunderbare Vision: Wir können lieben! „Menschen sind geistige Wesen, keine tierischen,“ wiederholt er mehrmals und scheint damit auch sich selbst zu mahnen. Wie uns natürlich, die es eigentlich auch wissen, die aber doch immer wieder das Vertrauen in diese unsere menschliche Natur, die eigentliche verlieren und zweifeln und uns dann fallen lassen in eine Depression. Gegen dieses Vergessen müsste es einen inneren Gong geben, sage ich zu der jungen Frau neben mir und sie nickt.

Dort hinten geht ein gebückter Mann mit weißen, längeren Haaren und dennoch elastischem Schritt. Ein Quantenphysiker. „Die Materie gibt es nicht“, sagt er zur Einleitung. Endlich wisse auch die Wissenschaft: Ihre Methode beruhte auf Tod du ignorierte das Leben. Inzwischen überwinden wir soviel Materie und erkennen: Alles ist Geist. Auch die Materie. Diese Freiheit heißt für jeden von uns: Verantwortung übernehmen. Auch dieser Schamane bestätigt: „Der Mensch ist geistig. Er fühlt sich nur gut, wenn es auch anderen gut geht.“ Endlich hätten wir die Grenze des Verstandes erreicht, sie überschritten, sind längst weiter, nämlich in der Wirklichkeit. Alles ist Bewegung. Nichts auf diesem Planeten sei terminiert, die Wirklichkeit keine Realität. „Schon am Anfang war nur die Liebe und jetzt sehen wir: Es ist immer noch so.“ Weil wir den Verstand hinter uns ließen, diese Enge der Materie. „Wenn sie sagen, sie haben nichts verstanden, dann haben sie es richtig gemacht.“

Das sagt der freundliche Wissenschaftler und zwinkert mit einem Auge und wir Sucher lachen. „Da ist nichts Festes, nur ein Vakuum und sehen sie, da ist eine Delle drin.“ Spinnt der? Man würde ihn oft für einen Buddhisten halten, sagt er. Schließlich demonstriert er die Nichtigkeit der Schwerkraft noch an einem dreiarmigen Pendel, während wir uns draußen im kleinen Foyer schon dem Topf mit der frisch duftenden Minestrone nähern. Die schmeckt dann richtig gut. Unser menschliches Wesen ist also geistiger Natur und dies verbreitet sich in Bits and Bytes und ist jetzt auch in die Suppe gefahren und die Menschen auf den Fluren wirken irgendwie ein bisschen wie berauscht. Darüber? Das ist „Glück“? Draußen ist der Wind stärker geworden: steht auf Sturm. Schwarze Wolken und ein Schwarm Stare. Die haben noch keine Lust auf Afrika.


Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von HW Müller, Dezember 13, 2009

Ahoi!
Der "maestro" war klasse. Chaotisch-wirr- aber prägant das Lebensgefühl auf den Punkt gebracht. Ein Performer - im dichtesten Sinne des Wortes. Ich habe mich "verstanden" gefunden ... Die Message: Das www sind wir, ist klar angekommen ...
Auch die Behauptung: die K1 sei Vorläufer der webcommunity wird klar, wenn der maestro von der "Relativierung" des Egos spricht.

Why not: Rainer Langhans - Prophet der digitalen Selbstfindung -
Mutig und provokant - und erfrischend jung für Alt-68er ...
Wie lächerlich erscheinen da die paranoiden Aussagen des "Reichsbedenkenträgers" Schirrmacher, der überall "bigbrothers-und sisters" vermutet und dabei vergisst: dass die kontrakreative Medienpolizei schon immer wie Zecken in den Sendern ... Redaktionen saß und jederzeit versucht etwaige Demokratisierungstendenzen (GEZ für jeden PC) zu unterminieren ... und dabei die ästhetische Deutungshoheit zu verteidigen sucht ...

Ich glaube, ich muss mich zügeln ... sonst gehen wir die wilden Pferde durch ...

Die Idee: Wir haben die Jugend neu erfunden - nun erfinden wir das Alter neu! habe ich ggl. kommuniziert. Kontrovers - aber nicht unsympathisch ...
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