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Deck +++ Strömungen +++ Telegen sei der Buschmann, fröhlich und bunt
Donnerstag, 06.10.2011
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Afrikabild im TV
 

Telegen sei der Buschmann, fröhlich und bunt

Holt Bastrock und Bananenstaude raus, das Unterhaltungsfernsehen entdeckt Afrika für sich! Es wird getrommelt und getanzt, und auch sonst kein Klischee ausgelassen. Ein Überblick über den Quatsch-mit-Soße, in dem sich die TV-Sender zur Zeit suhlen.
Geschrieben von: Marko Pfingsttag   
So sieht der Deutsche den Buschmann gerne © Flickr oneVillage Initiative


Nein, „Neger“ sagen wir nicht! Das ist despektierlich und beleidigend und transportiert nur schäbigste Klischees. Aber „Schwarzer“ ist akzeptabel. Das unterschlägt jetzt nicht die augenscheinliche Differenz, betont sie vielleicht etwas stark, aber lässt nicht gerade den Buschmann im Baströckchen mit der Bananenstaude unterm Arm vor Augen treten. Über solche Kolonialismus-Altlasten sind wir hinweg, wir wissen die Afrikaner für ihre positiven Eigenschaften zu schätzen, aber wir müssen auch nicht, im Bemühene um politische Korrektheit, ihre schwierigen Eigenarten verschweigen. „Der Schwarze schnackselt gern“, äußerte Gloria Prinzessin von Thurn und Taxis im Talk mit Michel Friedmann. Klingt abschätzig, kann so falsch aber nicht sein – wem stechen die Überbevölkerung weiter Gebiete Afrikas und die daraus resultierenden Probleme nicht ins Auge?

Der Schwarze - Sinnbild für unverbildete Lebensfreude und Natürlichkeit

Halt, stopp. Wenn hier etwas ins Auge sticht, dann die Unfähigkeit mancher Figuren der Öffentlichkeit, sich zu entblöden, und mehr als nur dumpfe Rassismen abzusondern, wenn's darum geht, komplexere Phänomene zu erklären. Des Weiteren zeigt sich: Das Klischee vom Schwarzen ist tief im kollektiven Denken verankert und weit verbreitet, da hilft kein Begriffs- und Denkverbot, keine Sprachnormierung und keine Aufklärung. Es macht auch nichts besser, dass das Klischee im Zuge der letzten Fußball-WM auf positiv getrimmt wurde, denn positiver Rassismus ist in erster Linie eben doch nur: Rassismus.

Was zeichnet ihn aus und wofür steht er, der Schwarze? (Hinweis: Es geht im Folgenden nicht darum, diesen Begriff zu rehabilitieren, sondern darum, das Aufrechterhalten und Nutzbarmachen eines Klischees, vor allem im Fernsehen, aufzuzeigen. Deswegen der Kursivdruck. Ende der Packungsbeilage.)

Dem Deutschen ist der Schwarze Sinnbild für unverbildete Lebensfreude und Natürlichkeit, er ist bunt gewandet, trommelt, tanzt. Ein herzlicher Bursche, ein feuriges Weib! Nun gut, er gehört ein wenig paternalisiert und an die Hand genommen, im Herzen ist er ja stets das Dschungelkind, das zum zivilisierten Weltbürger erst erzogen werden muss. „Demokratie“ hat er noch nicht so raus, und vor allem seine wilde Liebeskraft sollte er zu zügeln lernen, wegen dieser vermehrt er sich ja so über Gebühr – siehe oben – und leidet nun Hunger und Aids.

Dass er vor Somalias Küste die Totenkopfflagge hisst, oder auf Lampedusa strandet und für Aufregung sorgt, ist ärgerlich. Aber davon abgesehen ist man doch recht froh um jenen Bilderbuch-Schwarzen, der Farbe und Frohsinn ins verdrossen-graue Leben der Deutschen zaubert. Gäbe es ihn nicht, man müsste ihn erfinden!

Klischee pur bei "Schwiegertocher gesucht"

Klingt widerlich, unbedacht, maßlos überspitzt? Und presst zudem auch den Deutschen in eine Stereotypenschablone? Dies ist aber nicht mehr als eine Bestandsaufnahme dessen, was zur Zeit, zehn Jahre nach Prinzessin von TuT, im (Privat-)Fernsehen wiedergekäut und fröhlich inszeniert wird.

Am Unverhohlensten auf RTL: „Joan“ heißt die Perle vom schwarzen Kontinent, ist 22 Jahre alt und Stewardess. RTL sucht wieder Schwiegertöchter, mit denen schwer zu vermittelnde Junggesellen verpaart werden sollen. Von den meist ebenso schwer zu vermittelnden Kandidatinnen hebt sich die Kenianerin deutlich ab: überdurchschnittlich attraktiv und maximal exotisch. Konkurrentin Almut schaut da in jeder Hinsicht blass aus, Altenpfleger und Leierkastenmann Christian (27) freut sich wie zu Weihnachten, und noch größer ist die Freude bei den Produzenten: Endlich mal gaaanz tief in der Dschungelkiste wühlen!

Die Bettwäsche, mit der Christian das Gästebett für seine exotische Schönheit bereitet, weist das Dessin „Savannen-Safari“ auf. Ein Ausflug führt ins Indoor-Urlaubs-Center „Tropical Islands“, aber nicht ohne zuvor Joan in einen Bikini gepackt zu haben, den sie fortan nicht mehr ablegen darf. Bei nächster Gelegenheit geht das Pärchen in einem Afrika-Shop einkaufen. Perücken, Süßkartoffeln, Kochbananen. Der Leierkastenmann und seine Mutti sind ganz aus dem Häuschen ob der Vielfalt der Gattung Banane, die Schwiegertochter in spe hat sich in beider Herzen gekocht. Zum Abschied möge sie für die Mutti bitte etwas vortrommeln. Denn das kann der Schwarze quasi ab Werk. Mutti verabschiedet sich, für Christian und die Kamera soll Joan nochmal tanzen, booty shakin', in slo mo, zu Shakiras „Waka waka“. Bislang gab's Songs wie „Banana Joe“ und Ingrid Peters' „Afrika“ („Im tiefen Dschungel hörst du die Trommeln“) zu hören.

Für die booty cam zu tanzen und Christian küssend in die ihm unbekannte Kunst der Liebe einzuweisen, ist das Mindeste, was Joan aus Dankbarkeit für den weißen Mann tun kann, hat er ihr doch das „zauberhafte Berlin“ gezeigt. „Und hier: das Brandenburger Tor. Weißt du, was das ist? Nein? Das ist eine von Berlins berühmtesten Sehenswürdigkeiten!“ Da zeigt sich der Altenpfleger, der seine Schützlinge zwar aufrichtigen Herzens liebt, ihnen aber unterkomplex und betüddelnd gegenübertritt wie kleinen Kindern.

Trommeln für unser Weltbild

Die Schnacksel-Urkraft wirkt auch im schwarzen Mann stark, nicht zuletzt in Deutschlands Tom-Jones-Ersatz Roberto Blanco, was wortreich auszuschmücken Sat.1 nicht müde wurde; „32Eins! - Die peinlichsten Promi-Momente“ hieß die Gaudi. (Und ihr dachtet, „Witzig ist witzig“ stelle den aktuellen Tiefststand in Sachen Showtitel dar?!) Man kann sich über Roberto Blancos konstant hohe Quote an Fremdschäm-Anlässen amüsieren, sich über seine Harald-Juhnkeschen Anwandlungen besorgt zeigen. Man kann ihn aber auch zoologisch verhandeln, wie in der Promi-Pannen-Show. Und ihn als sexgieriges Raubtier darstellen, knapp unter Dominique Strauss-Kahn. Der ist zumindest weiß und Zentraleuropäer. Aber somit leider weitgehend frei von der urwüchsigen Musikalität und Rhythmusliebe des Schwarzen, deretwegen wir sie so schätzen und ihnen so manches nachsehen.

Was macht der Schwarze noch gern? Er läuft. Ob Sprint oder lange Distanz, er scheint dafür geboren, Goldmedaillen sind der Beweis. Wüsste Andrea „Kiwi“ Kiewel vom „ZDF Fernsehgarten“ einen Schritt weiter in Richtung dieses Klischees zu denken, und hätte sie eher mittels Lauftraining abgenommen anstatt schleichend für die Weight Watchers zu werben, sie hätte sich in ihrer Sendung vielleicht nicht so vergaloppiert. „Wieso heißt Ihr Lauftrauf 'Lauftreff Mamadou'?“, fragte sie den Gast. Na, weil der senegalesische Lauftrefftrainer „Mamadou Lamine Ndiaye“ heißt. Verrückter Name. Wo das Hirn nicht ausreicht, wird mit Mitleid aufgefüllt: „Das ist ein Mensch? Der Arme!“

Tatsächlich sieht der Deutsche den Schwarzen am Liebsten trommeln. Gerhard Polt trieb dies vor über 30 Jahren in seiner Sketch-Fernsehreihe „Fast wie im richtigen Leben“ auf die Spitze, als „Herr Tschabobo“ zum Kaffee eingeladen war. Ein Zuwanderer, in jeder Hinsicht gebildeter als seine Kaffeekranz-Gastgeberschar zusammen. Herr Tschabobo soll, wenn er schon einmal da ist, trommeln. Auch wenn er's nicht kann. Auf einer Kindertrommel für zwei Mark fuffzich.

Ende 2010 wiederholte sich diese Farce im gänzlich richtigen Leben, im „aktuellen sportstudio“ (ZDF). Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein, die gerne mal einen „inneren Reichsparteitag“ imaginiert, plauderte mit dem Fußballer Didier Ya Konan. Am Ende: das obligatorische Torwandschießen, bei dem sich Didier aufgrund einer Verletzung von seiner Ehefrau vertreten ließ. Er selbst sollte trommeln, zur Anfeuerung, und weil es „die Lebenslust der Afrikaner dokumentiert“. Im Gegensatz zu Herrn Tschabobo ist Didier tatsächlich ein versierter Djembé-Trommler, über die Angemessenheit oder Unangemessenheit dieses dramaturgischen Kniffs lässt sich somit durchaus streiten.

So hat und hätte man ihn gerne, den Schwarzen: lebens- und farbenfroh, weswegen er sich ganz hervorragend im Bildermedium Fernsehen macht, gerade in einem bierdimpfelig-wohlfühligen Unterhaltungsformat wie „Schwiegertochter gesucht“, wo ein jedes sein dazugehöriges Adjektiv trägt, wo das Happa stets „herzhaft“ und Brandenburg „beschaulich“ ist, und wo die Teilnehmer wahlweise zum „Brillenträger“ oder zur „Keksverpackerin“ reduziert werden.

In solch einer Welt ist der deutsche Einheimische verstockt und hüftsteif, und der exotische Afrikaner der Inbegriff emotionaler Unverstelltheit. Weswegen man den dritten Jurorenposten beim „Supertalent“ (RTL), der mit dem Weggang Bruce „Die Handetasche musse leben!“ Darnells frei wurde, denkbar konsequent besetzt hat: Motsi Mabuse ist schwarz, Tanzlehrerin und showdienlich nah am Wasser gebaut.

Phantasiebilder aus entlegenen Ländern

Wird das Klischee mal um negative Aspekte angereichert, dann kriegt der Fernsehzuschauer etwas vorgesetzt wie unlängst die „Tatort“-Episode „Tod einer Lehrerin“ (verantwortlich: SWR). Da muss sich Kommissarin Lena Odenthal irgendwann sehr über diese Somalier ärgern, die halt nicht nur mit Getrommel und bunter Gewandung begeistern, sondern mitten in Deutschland die Genitalien ihrer Töchter beschneiden. Christian Buß fasste es treffend zusammen: „Erst geriert man sich aufklärerisch und beleuchtet wohlwollend gesellschaftliche Randbereiche – um dann sämtliche Ressentiments zu bestätigen. So weidet sich die Kamera an traditionellen Gewändern und exotischen Essenstafeln, liefert am Ende aber nicht weniger als eine Generalverteufelung der so bunt ausgeleuchteten Kultur.“

Solch eine partielle Diffamierung um der Krimi-Unterhaltsamkeit willen ist wohl die Ausnahme. Der hohe Grad an Schmerz- und Merkbefreitheit bei Fernseh-Redakteuren und -Moderatoren wohl die Regel. Da schenken sich privates und öffentlich-rechtliches Fernsehen nichts. Bei „Germanys Next Top Model“ (vierte Staffel, 2009) kriegen die Finalistinnen Weizenbier vorgesetzt, und Sara Nuru, die aus Äthiopien stammt, erhält ein dunkles. Dereinst schwadroniert Markus Lanz mit feuchtwarmem Timbre von den Einwohnern entlegener Länder, die er bereist hat: Bettelarm sind die Leut' dort, aber total zufrieden und glücklich.

Wer so spricht, der attestiert auch dem Asiaten ein geradezu angeborenes Verständnis von Yin und Yang, und richtet sein Wohnzimmer Feng-shui-optimiert ein. Und weiß, dass allenfalls einer soviel Rhythmus im Blut hat wie der Schwarze: der Südamerikaner. In der aktuellen Staffel von „Schwiegertochter gesucht“ buhlt übrigens eine Brasilianerin mit. Die muss nicht trommeln. Die muss Samba tanzen. Und Caipirinhas stampfen.

Themen: Afrika Buschmann Fernsehen RTL TV
Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von LHME, Oktober 06, 2011

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So funktioniert das tolle quotenreiche fernsehen eben . Die Liste lässt sich doch noch
beliebig erweitern : harz 4 versager , nerds, teenie Mütter. Und es funktioniert doch auch so
Super "ich wusste doch schon immer dass die so drauf sind " . Erschreckend ist wie viele Leute damit zu begeistern sind
geschrieben von Ali Schwarzer, Oktober 06, 2011

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OMFG! Zum Glück war ich dem nicht ausgesetzt, weil ich seit ein paar Jahren selbst keinen Fernseher mehr habe, aber das größte Problem ist ja leider, dass die meisten Zuschauer solcher Sendungen (unabhängig von der Bildung) diese Stereotype leider nicht hinterfragen werden.

Eine Frage zum Verständnis noch: Weiter oben schreibst du, dass es dir nicht um die Rehabilitierung des Begriffs "Schwarzer" ginge. Meinst du das jetzt im Sinne von "der Schwarze an sich", oder geht's wirklich nur um den Begriff? Falls es um das zweite geht, dann ist "Schwarzer" als selbsgewählter Begriff der Bezeichneten optimal.
geschrieben von Dirk, Oktober 06, 2011

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Das ZDF kann auch anders, wenn es will. Mit Pierre Sanoussi-Bliss (Der Alte) und Tyron Ricketts (SOKO Leipzig) ermitteln zwei Dunkelhäutige im ZDF, ohne jemals zu trommeln. Gut, beide kommen nicht aus Afrika - der eine ist gebürtiger Berliner, der andere stammt aus Weiz in Österreich. Soweit mir bekannt, wird die Hautfarbe in den Krimis überhaupt nicht thematisiert, und so sollte denn auch sein.
geschrieben von Claus, Oktober 10, 2011

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Ach, bitte.

Sendungen wie Schwiergertochter gesucht und die peinliche Promishow beweisen, dass im deutschen Fernsehen Schwarze diskriminiert werden?

Nein, die beweisen, dass im deutschen Fernsehen Menschen diskriminiert werden!
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