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Mein Philibuster
Deck +++ Strömungen +++ „Neugier ist der erste Schritt“
Mittwoch, 29.09.2010
(46 Bewertungen)
Kommentare (1) Drucken
 
Burhan Qurbani
 

„Neugier ist der erste Schritt“

Verbotene Liebe, Abtreibung, Schuld: Das Kino-Drama Shahada erzählt in drei Geschichten, wie unentwirrbar sich junge Muslime in Deutschland in inneren Wertekonflikten verheddern können. Wir sprachen mit Regisseur Burhan Qurbani.
Geschrieben von:   
Ismail: Ein Polizist zwischen den Kulturen © 3 Rosen Filmverleih


Philibuster: Dein Film handelt von drei verschiedenen Muslimen in Deutschland, die sich durch ganz eigene Wertekonflikte kämpfen müssen. Wie sehen diese Konflikte aus?  

Burhan Qurbani: Kurz zusammengefasst geht es um einen Generationskonflikt zwischen Vater und Tochter, um die verbotene, homosexuelle Liebe eines Moslems und um das Thema Schuld und Sühne, das von einem Polizisten verkörpert wird, der im Dienst versehentlich eine Frau anschießt.

Philibuster: Sind solche inneren Konflikte typisch für die muslimische Alltagswelt in Deutschland?
  
Burhan Qurbani: Ich finde, es sind eher universelle Geschichten für Menschen jeden Glaubens. Themen wie Generationenkonflikte, verbotene Liebe und Schuld und Sühne sind nicht zwangsläufig an den Islam gebunden. Es ist noch nicht besonders lange her, da galt Homosexualität auch in Deutschland als Verbrechen. Und in einem katholischen Dorf auf Sizilien würde ich als Homosexueller auch heute noch nicht leben wollen.

Integration
Der Regisseur Burhan Qurbani © Albert Steffen

Philibuster: Deine Eltern sind Weihnachten 1979 aus Afghanistan nach Deutschland geflohen. Ist Shahada ein stückweit Aufarbeitung Deiner Vergangenheit?
 
Burhan Qurbani: Der Film hat weniger mit meiner afghanischen Flüchtlingsvergangenheit, als mit meiner gelebten Gegenwart als Moslem und Immigrant zu tun. Es geht mir nicht um Vergangenheitsbewältigung sondern um Gegenwartsbewältigung.

Philibuster: Wie sieht diese Gegenwart aus?

Burhan Qurbani: Sie hat viele Facetten. Mich irritiert beispielsweise, dass wir immer wieder vom „Dialog der Kulturen“, „Dialog der Religionen“ und von der „Integration der Muslime in die deutsche Gesellschaft“ sprechen, hören und lesen. Gleichzeit weiß aber kaum jemand etwas darüber, wie Muslime ihren Alltag gestalten, wie sie ihre Religion leben und wie sie in Extremsituationen mit ihrer Religion umgehen. Vor allem Letzteres veranschaulicht mein Film. Shahada ist natürlich keine allumfassende Dokumentation. Es ist ein Kino-Drama. Aber es ist ein Drama, das einen neuen, einen anderen Blick auf die islamische Kultur offenbart und einen Anreiz gibt, sich mehr mit der islamischen Kultur zu beschäftigen. Shahada soll Interesse wecken.

Philibuster: „Shahada“ ist das Glaubensbekenntnis und bezeichnet die erste Säule des Islams. Du persönlich übersetzt es als „Entscheidung für einen Weg“. Warum?

Burhan Qurbani: Wer sich zum Glauben bekennt entscheidet sich dafür, einen ganz bestimmten Weg in seinem Leben einzuschlagen. Trotzdem ist man aber immer auf der Suche. Und das ist auch gut so. Ich denke, dass man sich jeden Tag auf ein Neues selbst auf die Probe und sich, seine Werte und die Art und Weise, wie man seine Werte lebt, in Frage stellen sollte. Menschen, die nicht (mehr) suchen, verfallen irgendwann in ein unbewegliches Muster und das kann gefährlich werden.

Philibuster: In einem Interview hast du einmal gesagt: „Muslimisch erzogen, und auch noch gläubig zu sein, das ist angesichts eines Lebens in Deutschland nicht immer einfach zu verbinden“. Wie zeigt sich das?

Burhan Qurbani: Das fängt bei eher banalen Dingen an. Wenn Freunde mich zum Essen einladen, muss ich beispielsweise immer noch mal anrufen und sie bitten ob sie mir vielleicht auch etwas Vegetarisches ohne Schweinefleisch machen könnten. Manchmal sitze ich auch schlicht daneben und esse gar nichts, weil gerade der Fastenmonat „Ramadan“ ist. Das sind zwar alles Kleinigkeiten, aber trotzdem muss man zusehen, dass man den westlichen Lebensstil mit den eigenen Werten und sich selbst vereinbart bekommt. Schwierig wird es, wenn man sich wie die Figuren in Shahada in innere Wertekonflikte verstrickt, die sich nicht mehr auflösen lassen.



Philibuster:
In deinem Film lässt du eine Figur sagen: „Der Koran ist ein Buch der Liebe“. Wie stehst du den Vorwürfen gegenüber, der Islam sei eine gewalttätige Religion?

Burhan Qurbani: Im Koran geht es – wie im Grunde in allen Religionen – um Liebe und den Respekt vor seinem Nächsten. Wenn Menschen den Begriff „Dschihad“, den „heiligen Krieg“, als angeblichen Beweis dafür heranziehen, der Islam sei eine kriegerische und Gewalt verherrlichende Religion, zeigt das nur, dass sie den Begriff vollkommen missverstehen. „Dschihad“ bedeutet nämlich, gegen seine inneren Dämonen zu kämpfen und stetig an sich selbst zu arbeiten. Das ist der „Große Dschihad“. Dann gibt es noch den „Kleinen Dschihad“, der besagt, dass man das Recht hat, sich zu wehren, wenn man in seiner Freiheit oder seinen Religionsausübung unterdrückt wird. Deswegen propagiert der Koran aber noch lange nicht Krieg und Gewalt.

Philibuster: Immer wieder gibt es hitzige Debatten über den Bau von Moscheen. Die umstrittenen Thesen von Thilo Sarrazin sind derzeit in aller Munde. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts „ifo“ auf Spiegel.de hält jeder Sechste die islamische Religion für eine Bedrohung für die deutsche Kultur. Was geht in Dir vor, wenn Du so was hörst?

Burhan Qurbani: Ich kann verstehen, dass man Angst vor dem hat, was man nicht kennt. Und genau das ist das Problem. Das Nicht-Kennen und Nicht-Wissen. Das habe ich bei den Recherchen zu Shahada immer wieder gemerkt. Kürzlich habe ich eine Hochrechnung entdeckt, die besagt, dass im Jahr 2050 knapp 200 Millionen Muslime in Europa leben werden. Wir müssen uns also langsam fragen, wie wir künftig miteinander umgehen und zusammen leben wollen. Auf der einen Seite ist das Gefühl von Angst und Bedrohung. Auf der Anderen steht diese Zahl. Sowohl die westliche als auch die muslimische Kultur müssen daher endlich aufeinander zu gehen. Denn sonst haben wir im Jahr 2050 womöglich einen Bürgerkrieg. Das kann niemand wollen! Ob Diskussionen auf dem Niveau eines Thilo Sarrazin und der BILD-Zeitung geführt werden, ist ein anderes Thema. DASS sie geführt werden müssen, steht aber außer Frage.

Philibuster: Wie könnte eine Annäherung in der Praxis aussehen?

Burhan Qurbani: Ex-Kanzler Helmut Schmidt hat sinngemäß einmal gesagt: Ein Volk, das Angst höher stellt als Hoffnung, nimmt sich selbst die Möglichkeit, verantwortungsbewusst zu handeln. So sehe ich das auch. Wir sollten keine Angst voreinander haben, sondern auf ein interessantes und harmonisches Zusammenleben hoffen und neugierig aufeinander sein.  Das ist der erste Schritt: Neugierig sein. Der zweite Schritt ist, sich richtig kennenzulernen. Und im dritten werden wir merken, dass wir gar nicht so unterschiedlich sind, wie wir immer meinen. Den ersten Schritt, das „Neugierig machen“ möchte ich mit Shahada leisten. 

Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Jamuro, September 30, 2010

...
Wenn sie denn nur alle so wären, wie Qurbani,......
wir hätten kein Problem.
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