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Deck -> Strömungen -> Wie Deutschland sich zu Tode kocht
Mittwoch, 09.02.2011
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Das große TV-Fressen
 

Wie Deutschland sich zu Tode kocht

Man könnte meinen, man wäre in Ferreris Film „Das große Fressen“ gelandet, wenn man sich das Fernsehprogramm so anschaut. Da wird der Rekord des größten Schnitzels gebrochen, werden Kochduelle ausgetragen und Küken vergast. Deutschland kocht, bis es fett genug für Abspeckshows ist.
Geschrieben von: Violetta Schäfer   
Deutschland hält sich strikt an die 3F-Regel © Flickr twicepix


Valentin Warner liebt Zwiebeln und ehe sich der Zuschauer versieht, hat er eine rohe Zwiebel wie einen Apfel verspeist. Ekelhaft! Aber es ist wie bei einem Autounfall, man kann einfach nicht wegeschauen, selbst wenn man den darauffolgenden Zwiebelkuchen mit Anchovis niemals essen, geschweige denn selbst zubereiten würde. Und das hier ist noch die gehobene Klasse der Kochsendungen. Denn was macht den Menschen richtig glücklich? Klaro! Fressen, Ficken, Fernsehen!

Und weil das Konzept so unwahrscheinlich gut ist, kocht und frisst man auf fast jedem Sender beim Kochduell, der Küchenschlacht oder Lafer! Lichter! Lecker! „Iss was?!“ Fragt da noch Christian Henze. „Iss jetzt!“ erfolgt die prompte Antwort durch Valentine Warner. Kochshows für jedes Alter und jeden Bildungsstand unterhalten die Deutschen so gut, wie kaum eine andere Sendung, denn nicht umsonst kommt das perfekte Dinner jeden Abend zur besten Sendezeit. Und so musste selbst Galileo einsehen, dass man mit Wissenschaften und Parawissenschaften keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken kann. Im Ausgleich zeigen sie nun die Herstellung der größten Pizza der Welt, des weltgrößten Zwiebelkuchens, des Restaurants mit den größten Burgern und all die anderen Versuche einer Gesellschaft im Überfluss, die Langeweile des eigenen Daseins zu bekämpfen. Rund 44 Gelegenheiten gibt es für all die Kochsüchtigen pro Woche, um sich den Mund wässrig zu machen, bevor sie ihre Tiefkühlpizza in den Ofen schieben oder das zweite deutsch-italienische Standardgericht, Nudeln in wässriger Tomatensoße, zubereiten. Oder hat tatsächlich schon mal jemand nachgekocht, was Mälzer, Lafer und Zacherl im Fernsehen vortanzen?

Die enorme Auswahl an Sendungen mit so klangvollen Namen wie „Topfgeldjäger“, „das Kochduell“, „die Kocharena“ und wie sie nicht alle heißen, suggerieren ja eigentlich, dass sich unsere Gesellschaft sehr mit dem Thema anspruchsvoll zubereiteter und gesunder Nahrung auseinandersetzt. Demzufolge dürften ein Coq au Vin oder ein perfekt zubereitetes Filet Wellington ja wohl mittlerweile zum Standardprogramm von Otto Normalverbraucher gehören. Na, aber, aber! Coq au Vin? Seit Jamie Olivers Gasanschlag auf wehrlose, flauschige kleine Küken, müsste ja eigentlich allen der Appetit auf Hühnchen vergangen sein. Aber die Erfahrung zeigt: Nicht nur die Engländer, auch wir haben einen starken Magen und der Kampf zwischen den ethischen Bedenken und 2,17 Euro/kg endet nach dem Prinzip: Erst kommt das Fressen und dann die Moral.

Die grandiosen Sieger der Schwabbel-EM


Essen macht Lust, vor allem Lust auf mehr! Denn laut einer Studie der International Association for the study of obesity (IASO) sind die Deutschen fetter als die Einwohner anderer EU Länder. Grandiose Sieger der Schwabbel EM, da können wir doch mit Liebe und Stolz auf die 75 Prozent der Männer und die 59 Prozent der Frauen blicken. Das denke ich dann auch dran, wenn ich das nächste Mal in der Straßenbahn eine Pummelfee auf dem Schoß sitzen habe.

Dünne Menschen kommen in den Himmel – umso schneller, wenn sie an einer Essstörung leiden – Dicke kommen überall hin. Zum Beispiel nach Afrika zu irgendeinem Eingeborenenstamm, deren Wochenmahlzeit aus einer Schüssel Reis besteht. Glücklicherweise löst das Fernsehen nämlich auch dieses Problem für uns und zeigt den Fetten dort mal wie man abnimmt, indem man sich der Schüssel Früchte und dem frisch gekochten – einzigen – Huhn des Dorfes erwehrt und die Eingeborenen bekommen einen gratis Crashkurs in Sachen Zivilisation und spezialisierter Hochkultur. Denn während in der Werbung noch das Erfolgskonzept der kleinen Kinder und Tiere verfolgt wird, hat die Unterhaltungsbranche schon längst die Extremen entdeckt, um all den Zuschauern zu Hause das gute Gefühl zu vermitteln, dass man selbst glücklicherweise nicht so dick, doof oder hässlich ist, wie die im Fernsehen zur Schau gestellten Zirkusattraktionen. Und für die, die der Meinung sind, sie sind körperlich oder intellektuell ähnlich benachteiligt, gibt es ja immer noch die Einladung zu fünf Minuten zweifelhaftem Ruhm in einer Castingshow.

Die Frage, die sich hier aufwerfen mag ist: „Sind das alles Schauspieler?“ Doch die Vermutung besteht, dass sich dabei tatsächlich um reale Menschen handelt, ebenso übrigens, wie bei den Mitarbeitern der Müllabfuhr, auch wenn man noch niemanden getroffen hat, der wirklich einen kennt. Aber vielleicht befragen wir dazu einfach mal die Teilnehmer des perfekten Promidinners. Bei der großen Anzahl an Schlafzimmern und Schränken, die diese Leute, die ich guten Gewissens nicht einmal in die Kategorie „C-Promis“ einordnen möchte, schon während der Show durchwühlt haben, sollte doch sicherlich auch mal ein Mitarbeiter der Stadtreinigung oder einer Castingshow dabei gewesen sein.

Der ganzheitliche Ansatz

Vielleicht ist das ganze ja auch als Anregung gedacht: Man lernt bei Johann Lafer, stellt seine Fähigkeiten im perfekten Dinner unter Beweis, nimmt dann an „Mein neues Restaurant“ teil und ruft bei Rach dem Restauranttester an, um die Kuh vom Eis zu holen – und am besten gleich Tipps für ihre Zubereitung zu bekommen. Christian Rach sollte man im Übrigen anrufen, bevor die Lebensmittelkontrolleure kommen und den Laden vor aller Augen dicht machen, es sei denn man erwägt auch noch an „die Auswanderer“ teilzunehmen und zu hoffen, dass es auf Mallorca weniger strenge Hygienevorschriften gibt.

Das Fernsehen erzieht uns schon zur Mündigkeit. Wir lernen, was man kocht und wie, wie man frisst und wie man wieder abnimmt. Und den richtigen Umgang mit Lebensmitteln sollten selbst die Kleinsten schon beigebracht bekommen. Am besten wie in einer dieser Abspeckshows, in der ein Tisch mit all den Lebensmitteln gezeigt wird, die der vorgeführte Fette in einer normalen Woche zu sich genommen hat. Gemeinschaftlich werden da die bösen Lebensmittel weggeschmissen, die überhaupt die ganze Ursache für die Fettleibigkeit darstellten, gerne auch mal 29 Steaks und päckchenweise Wurst.

Tiere schlachten für die Mülltonne, uns geht’s wirklich gut! Aber wenns die Bilder von verendenden Schweinen nicht schaffen, dann möchte ich als allerletztes an die Moral appellieren und noch irgendjemandem die rund 1 kg Fleisch madig machen, die jeder Bundesbürger pro Woche zu sich nimmt. Aber hey, das darf man eben nicht so eng sehen. Vor allem in einer Zeit, in der Kinder Hühner mit sechs Beinen malen, weil es die Hähnchenschenkel im Sechserpack gibt. Wir kaufen Milch in Tetrapacks, aber ekeln uns vor dem Inhalt eines Euters. Man ist eben, was man isst.

Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Tom, Februar 09, 2011

Volltreffer
Liebe Violetta,

genau DAS habe ich mir neulich auch gedacht, als ich mich mal wieder geärgert habe, dass der Kochwahnsinn jetzt auch noch bei ZDFneo wiederholt wird: wer kocht das eigentlich nach? Keiner, weil der Griff ins Tiefkühlfach dann ja doch schneller vollbracht ist. Damit es nicht ganz so auffällt, werden höchstens ein paar Kräuter über die Fertigpampe geschnibbelt, für den Lafer-Effekt. Zu Zeiten des Wirtschaftswunders war Deutschland fett, weil es schick war, den neuerworbenen Reichtum um die Hüften zu tragen. Heute dagegen ist Fettsein in vielen Fällen Ausdruck geistiger Armut. Na dann mal guten Hunger!
geschrieben von Inka, Februar 09, 2011

Deutschland vs. USA
Wer wissen will, wohin Deutschland steuert, sollte mal einen Blick über den großen Teich wagen. Fette Leute überall, geistiger Verfall ... Na, klingelts?
geschrieben von Muskowski, Februar 10, 2011

Deutschland vs. Intellekt
Dass das Bildungsfernsehen tot ist, wissen wir nicht erst seit Topfgeldjäger. Wer aber in jeden zweiten Satz adipöse Menschen als "fett" bezeichnet, hat einen sehr eingeschränkten Wortschatz und sollte sich hüten von Übergewicht auf Bildungsstand zu schließen.

Cheers
geschrieben von Maike, Februar 10, 2011

...
@Muskowski: Die Ironie dahinter kam wohl nicht so recht an, oder? Natürlich gibt es Menschen, die gerne "dünn" wären, aber durch eine Krankheit daran gehindert werden. Aber wie viele Menschen schieben dagegen ihre "Fett"leibigkeit auf Gene etc. und stopfen doch Tag für Tag nur Dreck in sich hinein? Der Trend geht ganz klar zum Dick/"Fett"sein und Schuld ist eben in den meisten Fällen die Ernährung. Das kann man drehen und wenden, wie man will. Jetzt hab ich zweimal das Wort FETT benutzt. Dreimal ...
geschrieben von Muskowski, Februar 10, 2011

...
@Maike: Die Erkenntnis, dass Fettleibigkeit durch Ernährung entsteht, ist auch mir nicht verborgen geblieben. Und dass viele die dick sind, gerne dünn wären, ist fast so eine sozialkritische Beobachtung wie die famose These, dass arme Menschen gerne reich wären...
Und tatsächlich hab ich wenig Ironie entdecken können, aber jetzt wo du es so offen ansprichst....

Cheers
geschrieben von Christian, Februar 26, 2011

Deutschland Stuft seine Intelligenz herunter!
Das Programm im Fernseher ist in der heutigen Zeit so richtig zum Verdummen!
Aber mich wundert in Deutschland nicht mehr viel, ich denke bis zu 70 % von den Deutschen Bürgern
sind Glücklich Abends eine Fette Pizza zu Essen, und sich das Intelligenz herabstufende Fernseh Programm anzusehen!
Unsere Politik zieht uns Bürger über den Tisch, und Deutschland liegt im Fernseh Komma,
und glaubt der Bildzeitung!
Aber das ist der Plan,je dümmer die Menschen desto weniger stehen sie auf,sondern akzeptieren
das was man ihnen vorgaukelt!
Und bei den ganzen Giften im Essen, ist eigentlich klar wo das hinausläuft!
Aber die Zeit kommt wo sich der Mensch wieder autark ernähren muss, und wer es bis dann nicht erlernt hat der verhungert
geschrieben von Christian, Februar 26, 2011

Gesund Essen wie?
Lesen Sie einmal was wir Täglich in unserem Essen für Giftige Stoffe haben !
Helfen Sie uns die Menschen aufzuklären!
Wie man sich wieder autark ernährt!
http://www.allesschall-rauchloerrach.npage.de

geschrieben von Zeven, März 27, 2012

...
Naja. Es wird niemand gezwungen sich dieses "Programm" zu "fahren".

Dass das Essen und Fernsehen darauf ausgelegt ist Menschen dumm zu halten kann ich mir kaum vorstellen. Zumindest in anbetracht der Tatsache, wie teuer es ja erst war diesen Menschen Intelligenz einzuverleiben (Stichwort: Schule/Abitur/Studium).

Ich mache es so, dass ich die Woche 2-3 ausgewählte Sendungen schaue. Die Restliche Zeit verbringe ich mit Freunden oder anderen Sachen die mich aktuell interessieren.

An vier Wochentagen ernähre ich mich gesund mit frischen Sachen. Die restlichen 3 Tage gönne ich mir dann auch mal eine dicke fette Pizza. Mir geht es gut damit. Dafür brauche ich mich auch nicht Tag ein Tag aus mit Kochshows zuzudröhnen. Man kauft sich für 3 Euro ein Kochbuch. Oder schreibt einer von euch mit was die da bei so einer Kochshow runterrattern?

Also jeder ist seines eigenen Glückes Schied. Schmiedet leute, schmiedet was das Zeug hält.
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