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Mein Philibuster
Deck +++ Strömungen +++ Kleine Männer, große Worte
Mittwoch, 10.10.2012
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Der FOCUS und die Debattenkultur
 

Kleine Männer, große Worte

Polemisieren, vereinfachen, Feindbilder bedienen – das zeichnet große Bereiche der deutschen Debattenkultur aus. Im aktuellen FOCUS wird nun gegen Homosexuelle gewettert; die Diskussion um das Outing von schwulen Fußballern dient hierbei nur als Krücke, um die eigenen Ressentiments zu verbreiten.
Geschrieben von: Marko Pfingsttag   
Am Lautstärkeregler drehen, sei das, was selbsternannte deutsche Debattenführer da so treiben © Philibuster


Jaa, schöön, immer feste druff. Mit Knüppel und Gebrüll. Dagegen sein und verbal draufhau'n. Dann über sich sagen lassen, endlich sage es mal einer, ein Tabubrecher sei man gar – und sich dafür selbst noch auf die Schulter klopfen. Klappern gehört zum Handwerk, da machen auch Journalisten keine Ausnahme. Aber was manche selbsternannten "Bastion[en] gegen den Totalitarismus der Toleranzerzwinger" zunehmend in die Tasten hauen und als "Debattenbeitrag" unter die Leserschaft bringen, ist ... Ja, was eigentlich? Ordinärer Reaktionismus? Text gewordenes Frustrationsventil? Oder reines Kalkül, zum Zwecke der Aufmerksamkeit, der alle schäbigen Mittel heiligt?

Ein überdeutlicher Fall, der diese Fragen aufwirft, ist die aktuelle Kolumne des FOCUS-Redakteurs Michael Klonovsky, von dem obiges Zitat stammt und der seines Zeichens Chef des Debattenresorts ist. Debatte ist für ihn, wenn er meint, es sei Zeit für einen "Zwischenruf" – und zwar seinen –, der mit "Es ist genug" übertitelt gehört: Für Klonovsky ist das Fußballstadion der falsche Ort, um Toleranz für Homosexuelle einzufordern, wie es Politiker vermehrt tun.

In der Tat stellt sich (mir) die Frage, ob es der persönlichen Freiheit einzelner Berufssportler dienlich ist, wenn diese Debatte ihnen aufgezwungen wird, man sie am fast schon "nur zu ihrem Besten" zwangsouten möchte. Im Glauben, damit mache man den Profifußball zu einem toleranteren und die Welt zu einem besseren Ort.

Klonovskys Argumentation indes liest sich anders: Die Fankurve ist eine "archaische Sphäre", ein Ort der "Enthemmung" und "Triebabfuhr", wo das "temporäre Menschenrecht" herrscht, sich auch mal daneben benehmen zu dürfen. Als könne man nach Verlassen des Stadions sagen: "Ach, das mit dem 'Bananenfresser' und der 'schwulen Sau' war doch gar nicht so gemeint", und alles sei wieder gut. Weil Männer Affen seien – Fußballfans allemal.

Entspringt dieser "Neandertaler-Freibrief" dem Kalkül, dass sich maximal rückwärts gewandte Thesen gut verkaufen – oder der ureigensten Überzeugung? Bereits vergangenes Jahr reüssierte Klonovsky mit biologistischen Plattitüden, wie man sie von Eva Herman kennt:

"Die jahrtausendealten männlichen Verrichtungen: auf die Jagd gehen, in der Wildnis überleben, […], um Frauen kämpfen, neuen Lebensraum erschließen, […] Kontinente erobern, […] – all das existiert so gut wie nicht mehr. […] Was Jahrmillionen geformt haben, lässt sich – trotz zahlreicher beeindruckender Dressurerfolge – nicht in ein oder zwei Generationen wegtherapieren." (Der Held. Ein Nachruf. Diederichs Verlag 2011)

Männer jagen Tiere, erobern Frauen, stellen diese an den Herd, spielen Fußball – und haben nicht schwul zu sein. Weil: Gene und Natur und so.

Ein Feuilleton-Chefredakteur umschrieb das Treiben der neuen Spiegel-Online-Kolumnisten sehr schön, die Anfang 2011 begannen, Spiegel Online "kantiger" zu machen: "Am Lautstärkeregler drehen" sei das, was Diez, Augstein und Fleischhauer betreiben. Wer alle Regler aufreißt und sie am Liebsten bis 11 drehen möchte, der erzeugt nur Gedröhne. Und so drehten sie auf, und waren jede Woche aufs Neue aus Prinzip gegen das, was momentan jeweiliger Konsens war, oder sie gingen Personen an, die im Gespräch waren. Selten argumentierend, meist bashend.

Es ist eine Zeit der Sarrazins und Buschkowskys und des gesunden Volksempfindens, das keine Statistik trüben kann. Eine Zeit des Kolumnist gewordenen Bauchgefühls, so wie Franz Josef Wagner, der alle DFB-Fußballer die Deutschland-Hymne singen sehen will und für den hierzulande "glorreiche Zeiten" für Homosexuelle herrschen – man sperre sie ja nicht mehr ein wie früher.

Es ist eine Zeit der Mahner und reaktionären Angstbeißer, die sich als einzelne Kämpfer gegen die miese Mehrheit inszenieren und denken, die hundert ablehnenden Reaktionen auf ihre kontroversen Aussagen seien ja eben der Beweis deren Richtigkeit. Auf ihren Facebook-Seiten hätten sie den Spruch pappen "You have enemies? Good, that means you stood up for something, sometime in your life."

Allerdings sind sie eloquenter und kleiden ihre Gedanken pseudo-geistreich ein, so haut Klonovsky Aphorismen raus wie "In der Idee, schwulen Paaren das Adoptionsrecht zu geben, weht der Geist der Paralympics". Im Vorübergehen watscht er noch Frauen und Thomas Bernhard ab.

Scharfzüngig sind sie, die Trolle in leitenden Positionen, und schütten Benzin in jedes Feuer in Reichweite. Mal mehr, mal weniger ausdrücklich wettern sie gegen die "Gutmenschen". Und meinen damit jene, die ihren eigenen Kopf und ihren eigenen Lautstärkeregler zu bedienen wissen. Und die sich Debatten nicht von den Lautsprechern zu "Kontroversen" kaputtlärmen lassen.

Nadia hat übrigens die besten Klonovsky-Sprüche von dessen Webseite geklaubt:

"Je größer das Publikum, desto dümmer für gewöhnlich die Rede"


Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Kim Berra, Oktober 21, 2012

Freund-Feind-Bedürfnis
Ich frage mich schon eine ganze Weile, warum die (männliche) Verbalradikalisierung eigentlich so einen Erfolg zeitigt? Die Namensliste der Scharfmacher und TabubrecherInnen wird länger und länger, auch wenn sie einzeln sicher keines Kommentares wert sind.

Ich fand es auffällig, dass dieser Klonovsky sich für Enthemmung und Triebabfuhr einsetzt, also gegen Zwangsmoral und repressive Korrektheit rebelliert. Da liegt der Verdacht nahe, es handele sich um infantilen Männerprotest, wie ihn auch Sarrazin und Kachelmann praktizieren. Aber diese Rechnung (Trieb vs. Ratio) geht für mich auch nicht auf. Es scheint mir doch vor allem ein sehr gestiegenes Bedürfnis oder Begehren nach schärferen Unterscheidungen von Freund und Feind seinen Ausdruck zu suchen. Zum Beipspiel hat Broder, wenn er sich hinter Sarrazin stellt, nach meinem Eindruck die Befürchtung, dass wenn political correctness alle inkludiert, er plötzlich mit den falschen Leuten zusammen in einem Boot sitzt. Das Gleiche gilt ja für die radikale linke Szene seit Jahren.

So ätzend ich nun Leute wie Sarrazin, Klonovsky oder die Maskulinisten finde, das Interesse an, allgemein formuliert, irrationalen Bindungen, ist doch bemerkenswert und bringt mich zu der Frage, inwiefern ich Jahrelang solche Bedürfnisse nur unterdrückt habe statt sie produktiv und klärend die Grenzen der Ratio für sie zu öffnen. Als ob ich durch letzteres meine Überzeugungen preis geben müsste.
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