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Deck -> Strömungen -> Die Medien, die Wolf schrien
Montag, 30.05.2011
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EHEC
 

Die Medien, die Wolf schrien

Der Lärm um EHEC dringt an meinen Ohren wie der Ruf des Jungen, der Wolf schrie. Doch zu lange haben es unsere Medien übertrieben mit ihrer Panikmache und ich will und kann ihnen keinen Glauben mehr schenken, was diesen "Killerkeim" anbelangt.
Geschrieben von: Michael Stepper   
EHEC - erneut schreien die Medien nach dem Wolf © Flickr zoomar
 

Wenn es nach unseren Medien geht, bin ich wohl lebensmüde. Zumindest aber extrem leichtfertig im Umgang mit Ihren Warnungen, denn: Ich habe sie ausgeschlagen. Mehrfach habe ich am vergangenen Wochenende Salat gegessen – roh versteht sich – und bin damit das Risiko eingegangen mich mit dem wohl gefürchtetsten Bakterium der Stunde zu infizieren: EHEC, dem Killerkeim, der sich resistent zeigt gegen Antibiotika und bereits Todesopfer im zweistelligen Bereich forderte, weil sich ihre Körper und Ärzteteams nicht mehr zu helfen wussten.

EHEC, die nächste große Sau im Dorf

Zugegeben, liebe Medien, bin ich dieses Risiko bewusst eingegangen und das aus zweierlei Gründen. Erstens wäre ich mir ziemlich bescheuert vorgekommen, meinen Salat „steril abgekocht“ zu bestellen. Nicht, dass ich diese Variante jemals in einer Speisenkarte entdeckt hätte. Und zweitens muss ich sagen, dass es mir mit Euch in inzwischen geht wie den Dorfbewohnern aus Aesops „Der Junge, der Wolf schrie“. Aus purer Langweile – in Eurem Fall wohl eher aus dem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Quotengeilheit – habt ihr immer wieder den Notstand ausgerufen: Ob BSE, SARS, Schweinegrippe, Vogelgrippe oder jetzt eben EHEC - immer habt ihr uns mindestens eine Epidemie prophezeit, dann eine Pandemie. Egal ob das nun stimmte oder nicht. Viele von uns glaubten Euch und ließen sich anstecken von Eurer Panikmache, Euren Schreien nach dem Wolf, der jahrein, jahraus im neuen Pelz daherzukommen schien. Und noch viele mehr decken sich regelmäßig mit Desinfektionsmittel ein, um zumindest im Haushaltsalltag dem sicheren Tod zu entkommen.

Jetzt steht er also mal wieder vor Eurer Tür und Ihr schreit, doch wir wollen Euch nicht mehr hören. Selbst wenn er tatsächlich den Schafspelz abstreifte und sein wahres, sein mordlustiges Gesicht zeigte, wir würden Euch nicht mehr glauben. Selbst, wenn Ihr dieses Mal Recht behalten solltet und der Wolf in Form von EHEC demnächst auch in unseren Gefilden auftauchte. Dann hätten wir in der Tat schlechte Karten und die Schuld trüget zu einem großen Teil Ihr, liebe Medien.

Das tägliche bisschen Horrorshow

Eure Aufgabe in solch einem Fall sollte eigentlich die faktenorientiere Aufklärung sein, die den Lesern ein Gefühl der Informiertheit und – sofern das möglich ist – auch ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Doch Ihr informiert schon lange nicht mehr, Ihr klärt auch nicht auf. Ganz im Gegenteil beschränkt Ihr Euch auf das „Informieren lassen“ und nutzt die Gelegenheit schamlos aus, dass zum Thema EHEC noch keine wirklich aussagekräftigen Fakten existieren. Ähnlich wie wir stochert Ihr im Nebel, konsultiert „Experten“ – wie immer, wenn Ihr Euch trotz Eures eigenen mangelnden Wissenstands – argumentativ sicher fühlen wollt. Und das Schlimme dabei: Ihr seid Euch dieser Tatsache volkommen bewusst!

Während Ihr also brüllt und die Fakten, die Euch Eure Agenturticker um die Ohren spucken, zu trüben Informationscocktails verarbeitet, halten wir uns die Ohren zu. Dabei essen wir weiterhin sämtliches Gemüse und sogar Salatgurken. Roh! Vielleicht nicht gerade aus Spanien, denn das habt Ihr ja dem letzten Hinterwäldler eingetrichtert: die sind böse, die gehören untergepflügt, wegen diesem Erreger EHEC, von dem bis heute niemand weiß, woher er eigentlich wirklich stammt. Und weil selbst die Politik sich in diesem Fall wieder einmal nicht zu helfen weiß und der Druck durch Euch ins Unendliche steigt, neigen ihre Amtsträger - wie programmiert – zu den immer gleichen Übersprungshandlungen. Wurde bei BSE, SARS, Vogelgrippe und Schweinegrippe noch munter drauflosgekeult, vernichten wir jetzt auch Gemüse in unfassbaren Mengen. Nicht, weil bewiesen wäre, dass es als Quelle des Übels zu bestimmen wäre. Nein einfach so, präventiv. So präventiv, wie die USA Kriege führen, weil auch in diesen Fällen Verdacht auf Bedrohungen besteht. Zwar lassen sich diese oft ebenso wenig beweisen oder nachvollziehen, aber Hauptsache wir haben vorgesorgt und unsere Interessen verfolgt. Noch vor ein paar Jahren haben Medienexperten sich amüsiert über die Zustände der US-Branche, die durch geschickte Panikmache ein Volk von Konsumvieh im Zaum hält und ihm immer wieder neue Bedrohungen als real verkauft. Heute denke ich, dass wir in unserem eigenen Land nicht mehr allzu weit von diesem Zustand entfernt sind.

Ich für meinen Teil werde also weiterhin meinen Salat essen, ob Ihr mir nun die hundertfache Ausführung Eurer Bildergalerie mit den schicken, nichtssagenden Symbolbildern von Petrischalen, Bakterienstämmen und an Schläuche angeschlossene Siechpatienten schmackhaft machen wollt. Brüllt weiter nach dem Wolf, liebe Medien, aber passt auf, dass er Euch nicht doch eines Tages verschlingt und in der Folge an einem fiesen Darmkeim krepiert. Uns wäre damit nur geholfen!

Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Rüdiger Kerlotz, Mai 30, 2011

Kassandra ist heiser
Super Argumentation. Bis die eigene Niere krepiert. Schönes Sterben noch.
geschrieben von Merav, Juni 02, 2011

EHEC
Man weiß wirklich nicht mehr, was man den Medien noch glauben darf. Selbst einstige relativ sichere Quellen wie Spiegel Online verbreiten auch nur noch den gleichen Käse wie der ganze Rest an "seriösen" Onlinemedien. Gäbe es endlich eine finanzielle Absicherung für Blogs und alternative Berichterstatter, würde unsere Medienlandschaft sicher davon profitieren und Nachrichten auch wieder so etwas wie einen Nachrichtenwert aufweisen. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Vielleicht ein wenig flapsig formuliert hier, aber doch so wahr!
geschrieben von Ex-AKGler, Juli 21, 2011

...
Ist schon lustig, womit man alles sein Geld verdienen kann ... Journalismus. Wer ergreift solche Berufe??? - heutzutage.
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