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Deck +++ Strömungen +++ Gärtnern ist der neue Sex
Mittwoch, 30.09.2009
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Farmville
 

Gärtnern ist der neue Sex

Gärtnern ist der neue Sex, sowohl real - 2008 gaben die Deutschen 600 Millionen Euro mehr für ihre Gärten und Balkone aus, als 4 Jahre zuvor - als auch virtuell in der Facebook-Applikation FarmVille. Ein Trend und seine Hintergründe.
Geschrieben von:   
FarmVille - der Trend zur Selbstversorgung © farmvilleneighbors.com


Ersetzt Gärtnern zunehmend den Sex? Sex als Ausgleichssport: Die Frau wurde „bepflügt" und auf ihr „rumgeackert", damit sie empfängt und gebärt. Reicht das heute nicht mehr als Erdung zu den geistigen Bestrebungen der Menschen? Haben diese Bestrebungen zugenommen? Könnte man so sehen: Die Virtualisierung des modernen Lebens erfordert stärkere Erdungen? Denn auch FarmVille, ein Online-Spiel, das Gärtnern im Netz simuliert, erdet nicht.

Es ist ein virtuelles Spiel mit positiven Effekten, weil es räumliches Denken und Teamgeist fordert. Somit ist es sozialer als normales einsames Gärtnern, denn ich kann Nachbarn (Freunde bei facebook) virtuell akquirieren, betreuen und beschenken (Bäume und Tiere), säen und ernten, Land, Traktoren, Ernte/Sämaschinen und Häuser dazu kaufen, d.h. Geld verdienen und das auf einem immer höheren Niveau. Und es ist schön, sich mitteilen zu können, was man geschenkt bekommen mag oder im Chat daran zu erinnern, jetzt unbedingt zu ernten, damit man keine coins verliert oder gefährdet, sein Level zu erhöhen.

Ich habe zwar mein reales Gärtnern erheblich zurückgefahren, auch meinen früheren Sex, aber ganz ohne geht es nicht. Früher hatte es sich unter meinen Freunden/Innen herumgesprochen, dass ich den so genannten ‚grünen Daumen’ habe. Letztes Jahr wurde mir angeboten, im Englischen Garten einen Schrebergarten zu mieten. Ich habe mich tatsächlich einige Wochen damit beschäftigt, die Idee aber dann doch verworfen. Das würde ja richtig in Arbeit ausarten, so wie ich es schon von meinem Balkon her kenne: täglich das Verblühte abschneiden, kontrollieren, ob Pflanzen von Schädlingen befallen sind, ob sie Wasser, Dünger, neue Erde oder mehr Schatten bzw. Sonne brauchen. Jetzt zusätzlich noch in der Erde zu graben und richtig anzubauen, um dann allen stolz meine prallen Kürbisse, Tomaten, Gurken und Äpfel zu zeigen, würde mich vielleicht doch zu sehr vor den eigentlichen Herausforderungen des Älterwerdens - der Verfeinstofflichung - und meinen zunehmenden Falten ablenken. Bloß nicht zu viel Materie und wenn, dann doch lieber ein neues MacBook oder ‚GUERILLA GARDENING’: irgendwo heimlich in der Stadt ein Blümchen pflanzen.

Der Schrebergarten als letzter Schrei

Dieses Jahr ist mein 10 Meter langer Balkon so prächtig wie nie. Da ist kein Platz mehr zum Sitzen, nur noch zum Giessen und Staunen: über die vielen Blüten an den drei Rhododendrenbüschen und dem Akazienbaum, die fünf Rosenstöcke mit hunderten von roten, rosa und weißen Blüten hat der Regen schnell niedergemacht, dafür die Hortensien größer als sonst werden lassen, die Walderdbeeren, der Borretsch, die Zitronenmelisse und der Lavendel sind geerntet oder getrocknet, außerdem gibt es noch Rosmarin, Salbei, Basilikum, Pfefferminze, Brombeeren, Sternblumen und einen Gingkobaum. Irgendwann begann ich zu fotografieren und die schönsten Bilder auf facebook zu laden. Unter Freundinnen zeigten wir uns bei Besuchen in den letzten Jahren gegenseitig als Erstes unsere Pracht auf Balkon oder Terrasse und  verabreden uns eher zum gemeinsamen Ausflug ins Gartencenter als ins Café oder Kino. Immer wieder fällt mir auf: Der ‚grüne Markt’ boomt. Es entwickelt sich ein neues Gartenbewusstsein in Deutschland!

Schon einige Jahre zuvor sprach ich mit jungen Paaren mit und ohne Nachwuchs in Berlin über ihre Schrebergärten. Sie berichteten mir begeistert von ihren Wochenenden, die sie dort verbringen. Immer mehr junge Leute würden die Gärten der aussterbenden älteren Generation übernehmen und das fühlte sich gar nicht spießig an, sondern eher nach neuen Treffpunkten. Vor zwei Wochen lese ich in der letzten ‚EMMA’-Ausgabe von der in London lebenden Naturdesignerin Gabrielle Pape: „Gardening is the new sex“. EMMA meint weiter: In England hätte sich der Boom, den das Kochen die letzten Jahre erlebt hat, nach draußen fortgesetzt und Schrebergärten seien in London unter jungen Leuten der letzte Schrei. Die Gartenschau der Royal Horticultural Society ist für Blumen das, was Ascot für Pferde und Wimbledon für Tennis ist: das Höchste der Gefühle! Selbst die Queen und Prinz Charles kamen vorbei. Gabrielle Pape, eine gebürtige Hamburgerin, hat in Berlin-Dahlem einen Platz gefunden, um die Gartenkultur in Deutschland wiederzubeleben. Im Mai 2008 eröffnete sie ihr Zentrum für Gartenkultur mit einer Gartenschule für Laien, Design-Center und Schaugarten. 1992 gründete sie mit ihrer belgischen Partnerin Isabelle van Groeningen die Firma „Land Art“ bei Oxford. 2009 legten sie gemeinsam auf der Chelsea Flower Show einen deutschen Staudengarten an, und zwar nach dem Vorbild von Karl Förster, dem berühmten Gärtner aus Potsdam.

Von 1959 an waren Sibylle Kreuzberger (stammt aus Königsberg) und Pamela Schwerdt über Jahrzehnte verantwortlich für Vita Sackville-Wests Paradies auf Schloss Sissinghurst, das sie bewirtschafteten und zum meistbesuchten Garten Englands machten. Dem Rosengarten widmeten die Gärtnerinnen ihre besondere Aufmerksamkeit. Viele Besucher bestaunten die üppig blühenden und betörend duftenden Schönheiten mit Namen wie: „Cardinal de Richelieu“, „Nuit de Young“ oder die Gallica- und Damaszenerrosen; als Seltenheit galt die Bourbonrose „Mme. Lauriol de Barny“ und „Baron Girod de l’Ain“. Englische Gartenkultur galt und gilt als klassisches Vorbild für private Hausgärten. Nicht nur in Bezug auf die Gestaltung und Kultur von öffentlichen Gärten und Parks, wie etwa die Entwicklung des Landschaftsgartens, hat England eine gewisse Vorbildfunktion, auch bei Ideen für den bürgerlichen Garten waren es oftmals Engländer, die Neuem in der Gartenkunst zum Durchbruch verhalfen, z.B. der Garten von Hidcote, der von der Gartenkünstlerin Gertrude Jekyll kreiert wurde.

Pflanzen, Früchte und Gärten waren überwiegend immer Sache der Frauen. Sie bestimmten, welche Pflanzen essbar oder für Medizin verwertbar waren. Die bekannteste Klostergärtnerin ist Hildegard von Bingen aus dem 12. Jahrhundert. Weitere ‚Kräuterweiber’ sammelten aus den Wäldern und an Flussufern Wildkräuter, trockneten,  mörserten und destillierten sie und machten aus diesen Essenzen Salben, Heilpflaster, Liköre, Sirupe, wahre Lebenselixiere oder Verhütungs- und Abtreibungstees.  Für ihr Wissen wurden sie später als Hexen verbrannt. In der Zeit der ersten Frauenbewegung fragte Elizabeth von Arnim (1866-1941): „Warum dürfen Frauen nicht wie Männer die üppige, feuchte Erde umgraben, rechen, jäten, gießen, pflanzen, das Gras mähen und die Bäume schneiden?“

Um 1914 gründet Elvira Castner die Gartenbauschule für gebildete Mädchen und Frauen in Berlin. 90 Jahre später ist die Gärtnerin kein exotisches Wesen mehr. In deutschen Gärtnereien pflanzen, düngen und züchten heute 63.000 Frauen, fast jeder 4. Gärtner ist weiblich. Von rund 1800 Gartenbau-StudentInnen sind über 900 Frauen, im Fach Landschaftsgestaltung sind es von 6000 StudentInnen rund 3300. 2008 gaben die Deutschen 600 Millionen Euro mehr für ihre Gärten und Balkone aus als 4 Jahre zuvor, insgesamt fast 15 Milliarden Euro. Was treibt plötzlich so viele zum Wühlen in der Erde und zum darüber Reden? Selbst im Weißen Haus in Washington wird jetzt angebaut und Michelle Obama oder Angela Merkel, Gesine Schwan und Wolfgang Joop reden über ihre Gärten. Ist es die Flucht aus der Krise, der Rückzug ins Private oder dient es einfach nur zur Entspannung? Oder steckt das zunehmende Erwachen eines ökologischen Bewusstseins dahinter? Jedenfalls gehört diese Leidenschaft zu einer der ältesten der Kulturgeschichte.

Von der Sehnsucht nach Erdung

Die Gärten der römischen Antike sind der Ursprung bürgerlicher Gartenkultur in Europa. In Deutschland entspringt sie im Wesentlichen der Renaissance. Im 15. und 16. Jahrhundert bis Anfang des 17. Jahrhunderts erblühten Gärten in Nordeuropa nach Vorbildern in Italien. Nutzten im Barock und Rokoko eher Fürsten Natur und Garten, um ihre Macht zu demonstrieren, blühte die bürgerliche Gartenkultur im 19. Jahrhundert richtig auf. Entscheidende Impulse gingen wieder von England aus. Wichtige Vertreter waren William Robinson (1838-1935) oder Gertrude Jekyll (1843-1932). In Deutschland entwickelte der oben genannte Karl Förster (1874-1970) Theorien zur natürlichen Bepflanzung. 1865 eröffnet in Leipzig der erste Schreberplatz von Moritz Schreber.

Nach 1945 gab es in Deutschland keinen Platz und kein Geld für bürgerliche Gartenkultur. Eher wurden Nutzgärten angelegt und die Grundstücke für den Anbau von Kartoffeln, Gemüse und Obst genutzt. Das Bewusstsein für die Schönheit eines Gartens oder die Bepflanzung auf Terrassen und öffentlichen Plätzen ist inzwischen zurückgekehrt, denn auch das sind Lebens- oder Kulturräume, in denen man sich gerne aufhält und seine Zeit verbringt, die positive Energien geben und auch als Visitenkarte gelten können. Dazu gehört trotz Krisenzeiten auch der Boom der Bio-Branche, die sich inzwischen auf die Angebote in den Supermärkten ausweitete. Jeder möchte die bestmögliche Qualität für sich und die Umwelt erhalten. Sind wir nicht alle bestrebt, gesünder und älter zu werden?

Wer kennt nicht die neuesten, bunten Wildtomaten aus Österreich oder die platten Bergpfirsiche aus Spanien, Griechenland oder Frankreich? Entsprechend geht der Trend zur Fruchtfolklore, einer Art Manufaktum-Moderne, in der das Handgemachte mehr gilt als das industriell Hergestellte, in der Spuren, Geschichte, das Alte wichtiger sind als das Neue, Erfundene, Künstliche. Wir leben zunehmend virtueller oder feinstofflicher. Als Gegenbewegung wird deswegen immer wieder das Bedürfnis auftauchen, uns zu erden. Früher war Sex die lustvollste Möglichkeit den Körper zu erleben, sich zu erden. Heute ist es ‚gardening’, denn Erde und Pflanzen sind der erdigere Sex, den wir angesichts der zunehmenden Virtualisierung unseres Lebens brauchen.

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