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Leben in der Geschmacksdiktatur
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Die Revolution des kleinen Mannes |
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| Dschungelcamp und Co.: Während Tunesien den Despoten ben Ali aus dem Land jagt, erträgt Deutschland das Leben in der Diktatur des schlechten Geschmacks. |
| Geschrieben von: Michael Stepper |
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Leben in einer Freiheit, die keine ist © Philibuster
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Der Trend geht zur Revolution. Ob im Großen (Tunesien) oder im Kleinen (Ottenser Hauptstraße, Hamburg), immer geht es darum sich der Herrschaft eines negativen Einflusses zu entledigen. In Tunesien hieß das, den unliebsamen Präsidenten ben Ali aus dem Land zu jagen, in Hamburg flog bereits im September die BILD aus den Zeitungs-Sortimenten zweier Krämer: Die beiden hatten die Nase voll vom täglichen Hetzgeschrei des Revolverblattes. Vom Leben in der Möglichkeitenmaschine Doch halt! Es wäre vermessen, eine blutige Revolte mit zahlreichen Toten mit einem Verkaufs-Boykott zweier enttäuschter Händler vergleichen zu wollen. Wir werden nicht von einem Despoten regiert, der sich verjagen ließe, bei uns müssen auch keine Menschen sterben, weil sie nicht mit der Politik unseres Landes d’accord gehen. Höchstens ihre Gehirnzellen, wenn sie es doch tun. Aber auch wir leben in einer Diktatur: einer Geschmacksdiktatur, unter dem Diktat einer Möglichkeitenmaschine, die uns vorgaukelt, wir hätten die totale Kontrolle über unser Leben. Denn frei sollen wir angeblich sein. Frei durch etwas, das sich Demokratie nennt. Wir können unsere eigenen Entscheidungen treffen und uns eine Meinung leisten, die sich von der breiten Masse abhebt. All das garantiert uns ein politisches System, eine Wertegesellschaft und nicht zuletzt das Grundgesetz. Und ja, wir sind frei, so frei, dass ein großer Teil unserer Mitbürger seine „freien“ Abende wissend mit der kollektiven Vernichtung von Gehirnmasse mit RTLs „Dschungelcamp“ zubringt. Wie könnten sie sich dem auch entziehen? Wurden sie doch im Vorfeld über Wochen konditioniert, wurde ihnen vorgegaukelt, dass die einzige Alternative zum drögen Feierabend das Abenteuer ist. Der Überlebenskampf in einem Dschungel, der gar keiner ist und Gefahren, die so berechenbar sind wie Fläche eines Wohnzimmerteppichs. Tausche Seele für Volks-Kaffeemaschine Gefahr aber droht uns in Deutschland keine. Wir haben keine Feinde, weil jedermann unser Freund sein will. Allen voran Politiker, die uns Honig ums Maul schmieren, um ihren Machtstatus zu erhalten und uns Geschenke versprechen: Arbeitsplätze, Steuersenkungen und Wohlstand für alle zum neuen Jahr. Dafür erwarten sie im Gegenzug unsere Loyalität und unser Vertrauen. Wir sollen ihrer politischen Linie bedingungslos folgen und ihnen auch: zahlreich bei Facebook und Twitter. Nicht anders verfahren unsere Leitmedien. Sie ködern uns mit Prämien, wollen uns mit bezahlbaren Volkskaffeemaschinen, -Computern, -Rasierern und -Autoreifen gefügig machen. Sie teilen uns unmissverständlich mit: bei uns bist Du Mensch, bei uns darfst Du auch (mal) arbeitslos sein. Die Versprechungen sind so vollmundig, dass wir sie noch immer schlucken - wie die Dschungelcamp-Teilnehmer bitteren Krötenschleim. In Tunesien hingegen war die Sache etwas einfacher. Ben Alis Beteuerungen waren so leer, dass die Bevölkerung, an die sie gerichtet waren, sie mit Inhalt füllte: mit ihrer Wut, die sich über 23 Jahre angestaut hatte und mit Verzweiflung. All das ließ sich hervorragend in die leeren Worthülsen packen, und dem Präsidenten und seiner Gefolgschaft als Molotowcocktail entgegen schleudern. Wir hier in Deutschland aber schleudern nichts. Allerhöchstens unsere Wäsche, die sich so formidabel vor dem Fernseher bügeln lässt, während uns ehemalige Systemkritiker die Zeit mit ekligen Prüfungen im australischen Dschungel verkürzen. Kommentare zu diesem Artikel:
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