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Deck +++ Strömungen +++ The French, the Dead and the Mogwai
Dienstag, 26.02.2013
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Les Revenants
 

The French, the Dead and the Mogwai

Mit LES REVENANTS fügten französische Fernsehmacher dem Zombie-Genre eine neue Facette hinzu. Die Musik für die 1. Staffel steuerten die Post-Rock-Formation MOGWAI bei. Wir blicken auf das Ergebnis dieser hervorragenden Kollaboration.
Geschrieben von: Marko Pfingsttag   
Les Revenants - Das Zombie-Genre neu interpretiert © CANAL+


Die Toten wandeln wieder auf Erden, und sie haben Hunger. Diesmal jedoch entgegen aller Genrekonventionen nicht auf Menschenfleisch, sondern vornehmlich auf Kohlenhydrate. Sandwiches, Kekse, was eben rasch zur Hand ist und rasch den Blutzuckerpegel anhebt. Denn in der französischen TV-Serie LES REVENANTS (THEY CAME BACK) sind die Untoten mehr Wiedergeborene denn Zombies, frisch wie am Vortag ihres Ablebens. Egal, ob das vor vier Jahren der Fall war – oder vor dreißig. Schlaf hatten sie demnach genug – der Hunger jedoch ist groß!

LES REVENANTS orientiert sich am gleichnamigen Film von 2004, hat jedoch die Anzahl der Wiedergänger von 70.000 auf rund ein halbes Dutzend reduziert und den Fokus auf deren jeweiliges persönliches Umfeld, in das sie zurückkehren, gerichtet. Wie schon in THE WALKING DEAD sind es auch hier die familiären Dramen, die den Zuschauer fesseln. Hierfür bedarf es keiner ständigen und tödlichen Bedrohung durch Zombies, keiner maximalen Stresssituation. Es muss nur die 15-jährige Camille nach Hause kehren, um vier Jahre nach ihrem Unfalltod die Familie erneut zu erschüttern, die sie in desolatem Zustand vorfindet: die Eltern getrennt, der Vater dem Alkohol verfallen (herrlich zynisch und zerstrubbelt: Frédéric Pierrot (POLIEZEI, 2011)), die Zwillingsschwester Lena garstig und auf Streit aus. [Achtung, Spoiler] Diese wird ganz besonders von Scham- und Schuldgefühlen geplagt, denn anstatt an jener fatalen Schulbusfahrt teilzunehmen, die über 40 Leben forderte, blieb sie lieber „krank“ zuhause, um mit ihrem Freund ihr erstes Mal zu erleben. Und nun taucht diese Fleisch gewordene Mahnung auf, dieser pubertäre Spuk aus der Vergangenheit, und ist das neue Nesthäkchen?!

Die Kränkung, die Wut ist groß, aber auch die schwesterliche Zuneigung. Camilles Rückkehr schweißt letztlich die Familie wieder zusammen, stimmt sie selber aber zutiefst unglück: Wohin in einer Welt, die einfach vier Jahre übersprungen hat und für Tote ohne Personalausweis keinen Platz, sondern nur Verwunderung, theologisches bis wissenschaftliches Interesse und Angst übrig hat?



[Achtung, Spoiler]
Pfarrer Pierre gibt Camille wieder ein Lebenssinn: Sie hat den Tod überwunden, sie könne Hoffnung schenken! „Ich habe ihnen nur gesagt, was sie hören wollen.“ Damit meint sie ihre tröstenden, nichtsdestotrotz zusammenphantasierten Worte, die sie an ein Elternpaar richtet, dessen Sohn beim Busunfall ebenfalls ums Leben kam und das seither in Trauer siecht. Was gut gemeint war, zeitigt schlimme Folgen: Das Elternpaar reist via selbstgebasteltem Strick ihrem Sohn ins Jenseits nach. Nun trägt auch Camille, noch ein Kind, für manche ein Zeichen der Hoffnung und für manche ein Affront – „Warum darf sie zurückkehren? Und nicht meine Tochter?“ –, Schuld mit sich.

Es sind über weite Strecken alltägliche Dramen und Tragödien, nur allzu menschliche Unvollkommenheiten, die LES REVANTS mit höchster Drehbuchkunst inszeniert und neben denen die weiteren Vorkommnisse in der kleinen Stadt in den Bergen fast verblassen: Eine Mordserie findet nach über zehn Jahren seine Fortsetzung, der Pegel des Stausees sinkt unauhörlich, Einwohner entwickeln schmerzahfte Wundmale. Das – und die Atmosphäre – erinnert nicht selten an David Lynchs TWIN PEAKS, kommt herrlich unaufgeregt daher und kulminiert in einem überraschenden Staffelfinale.

11 Mio. Euro und fünf Jahre Vorbereitungszeit nahmen sich die Macher von LES REVENANTS (ausgestrahlt im November und Dezember 2012 auf Canal+, erhältlich auf DVD) für ihr Erfolgsformat. Zeit, in der auch der Soundtrack der Glasgower Post-Rock-Band MOGWAI reifen konnte. Für MOGWAI war es ein „stab in the dark“, wie sie selbst sagen: Hinweise und Orientierungshilfen gab es nahezu keine. Doch eines war für die Band klar: Man wollte klassische und komplette Songs komponieren, sich nicht mit Fragmenten begnügen. Man reduzierte den Rock- und somit Gitarrenanteil radikal, errichtete Fundamente aus verzerrten Bässen und Celli, verwob darüber Pianolinien, Glockenspiele, Melotronschwaden. Kurze, übersichtliche Songs, nicht selten kommt einem dabei die Klangwelt SILENT HILLs in den Sinn. Die Umkehrung des Produktionsprozesses, bei dem der Soundtrack meist nach- und untergeordnet ist, hatte direkten Einfluss auf LES REVENANTS: Die Macher ließen sich von der Musik und ihrem melancholischen Vibe inspirieren.

Im Januar veröffentlichten MOGWAI eine EP mit vier Songs, Ende Februar erschien nun die LP. Ein Song mit Gesang hat sich unter die darauf enthaltenen Instrumentalkompositionen gemischt, das Traditional „What are they doing in heaven today?“. Womöglich die Hochzeit einer hervorragenden Serie mit einem ebenso bittersüßen Soundtrack feiern. Und auf die zweite Staffel (ab Februar 2014) warten.

Themen: Canal+ Fernsehen Frankreich Serie Zombies
Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Senem, September 09, 2013

...
Kürzlich erst beim Zappen draufgestoßen. Aber wie das ja so oft ist bei guten Serien: die laufen fast immer zu später Stunde auf gammeligen Sendeplätzen. Damn!
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