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Mischa-Sarim Vérollet
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„Bielefeld ist kein Disco-Aufriss“ |
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Der Autor Mischa-Sarim Vérollet („Das Leben ist keine Waldorfschule“) über Heimat, Wurzeln, die Faszination der Serie "Lost" und das seltsame Verhältnis zu seiner selbgewählten Heimatstadt. |
| Geschrieben von: Nadia Shehadeh |
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Der Autor ganz Kind auf dem Spielplatz der Bielefelder Sparrenburg © Carolin Wessel
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Philibuster: Ein Schlüsselthema deiner Texte, auch deines im Herbst erscheinenden neuen Romans „Warum ich Angst vor Frauen habe“, ist oft herkunftsbedingte Zerrissenheit. Verfolgst du damit eine Mission?
Vérollet: Mit englisch-französischem Vater und deutscher Mutter sowie Gibraltar als Geburtsort bin ich ja so gesehen vierfach „belastet“. Über eine Mission zu sprechen wäre in meinem Fall jedoch ein bisschen übertrieben um ein Trauma handelt – das ist wohl eher eine Baustelle für politisch verfolgte Asyl-Suchende. Obwohl ich zugeben muss, dass ich als Kind diese „Zerrissenheit“ manchmal schon belastend fand. Man ist ja als Kind mit multikulturellem Background nicht immer in der Lage, damit souverän umzugehen, wenn man von seiner deutschen Umgebung als „der Engländer“ abgestempelt wird. Mit Sicherheit waren meine Freunde, die sich damals manchmal über meine Herkunft lustig machten, keine Rassisten. Vor allem durch Fremdwahrnehmungen wurde man aber immer wieder darauf hingewiesen, dass man irgendwie anders ist. Heimat war für mich lange Zeit ein diffuser Begriff. Philibuster: Kann man dich so gesehen also als eine Art Hybrid-Wesen betrachten? Vérollet: Auf jeden Fall. Ich muss schmunzeln, wenn ich irgendwo höre oder lese, dass türkisch- oder italienischstämmige Jugendliche in die Schublade „Multikulti“ gesteckt werden. Deren Vorfahren leben schließlich schon seit Jahrzehnten in Deutschland, und der ethnische Background ist klar einzuordnen. Ich hingegen stamme von den drei europäischen Ländern ab, die sich Jahrhunderte bis auf`s Blut bekämpft haben. Aber es ist natürlich schon vergleichbar: Ein Großteil von meinen türkischstämmigen Bekannten hatte mit ähnlicher Zerrissenheit zu kämpfen, hüben wie drüben fehlt die Akzeptanz. Hier ist man „der Ausländer“, drüben ist man „der Deutsche“. Philibuster: Hast du denn aufgrund deiner Herkunft auch manchmal Vorteile gehabt? Vérollet: Selbstverständlich! In der Schule stand ich in Englisch immer auf glatt „sehr gut“, und mein exotischer Name hat mir auf jeden Fall schon das ein oder andere Mal geholfen, mit Mädchen ins Gespräch zu kommen. Philibuster: Deine Geschichten spielen oftmals in Bielefeld und umliegenden Zonenrandgebieten. Würdest du trotzdem sagen, dass sich die dort von dir gezeichneten Szenarien auf die Allgemeinheit beziehen lassen? Vérollet: Ich mache ja ganz klar Unterhaltungsliteratur und lasse die Geschichten da auch gerne mal in meiner Region spielen, weil sie mir ans Herz gewachsen ist. Ich mag Bielefeld total. Bielefeld ist zwar nicht die heiße Blondine, die man in der Disko aufreißt, sonder so was wie die beste Freundin, in die man sich langsam aber sicher doch verliebt. Und ich denke schon, dass der ein oder andere sich in meinen Geschichten wiederfindet – auch, wenn er nicht aus Ostwestfalen kommt. Philibuster: Dein Buchtitel „Das Leben ist keine Waldorfschule“ wurde von BuchMarkt als kuriosester Buchtitel ausgezeichnet. Nun mal Butter bei die Fische: Welche Gefühle hegst du für die Waldorfschule? Vérollet: Ehrlich gesagt: Gar keine. Das ist nur ein Buchtitel, basierend auf der Redewendung, und diese Redewendung ist so etwas wie der rote Faden des Buchs. Dafür hegt die Waldorfschule Gefühle für mich, und zwar anscheinend keine allzu guten. So weigerte man sich im größten Biomarkt Castrop-Rauxel`s etwa mein Lesungsplakat auszuhängen, da 90 Prozent der Stammkunden dort ihre Kinder auf die örtliche Waldorfschule schickten. Philibuster: Wie stehst du zu Lesungen in deiner selbst gewählten Heimatstadt Bielefeld – Freud oder Leid? Vérollet: Natürlich lese ich gerne in Bielefeld, aber es ist natürlich schwieriger vor Leuten aufzutreten, die man kennt. Zudem finden die Bielefelder Lesungen meist im kleineren Rahmen statt, was zusätzlich eine besondere Herausforderung ist. Mir fällt es ehrlich gesagt theoretisch leichter vor 5000 Leuten zu lesen als vor 20. Bei 20 Leuten nimmt man eher die kleinsten Reaktionen wahr, was einen ja durchaus verunsichern kann. Bei 5000 Zuhörern ist aber total egal, wenn da mal zehn Leute schief gucken. In Bielefeld zu lesen ist also schon etwas emotional aufreibender, vor allem da ich sehr hohe Ansprüche an mich selbst stelle. Und wenn`s in anderen Städten mal katastrophal laufen sollte kann man da ja immer noch sagen: „Da trete ich nicht mehr auf!“ Das ist in Bielefeld natürlich schwieriger. Philibuster: Man merkt, dass du dem Medium Internet sehr aufgeschlossen gegenüber stehst. Hat die weitreichende Verbreitung von Breitband-Internet Einfluss auf dein künstlerisches Schaffen genommen? Vérollet: Das kann man schon sagen. Natürlich fällt die Recherche leichter. Mehr aber noch als dem Schreiben nutzt das Internet dem Marketing. Facebook, Twitter und Co. helfen ungemein, mit den Lesern in Kontakt zu treten und auf Veranstaltungen hinzuweisen. Insofern ist die Netz-Arbeit für mich unabdingbar. Ich gebe aber zu, dass ich manchmal auch der totale Mail-Muffel bin. Es kann schon vorkommen, dass ich nicht schnell genug auf Mails reagiere und die dann in meinem Postfach so lange nach unten rutschen, bis ich sie total vergessen habe. Das ist dann aber keine böse Absicht. Philibuster: Du bist bekennender Fernseh-Junkie und unter anderem sozusagen fanatischer Anhänger der Fernsehserie „Lost“. Angenommen, ich hätte keinen Fernseher: Wie würdest du mich überzeugen einen zu kaufen? Vérollet: Also, eigentlich dürfte man als Autor „Lost“ ja gar nicht gucken. Da wird ja Plot-technisch gesehen ja so ziemlich alles falsch gemacht was nur falsch gemacht werden kann. Beispielsweise wird mittels Spannung ein Versprechen aufgebaut, das nicht eingelöst wird … Trotzdem liebe ich die Serie. „Lost“ war ein bisschen wie „Twin Peaks“, nur mit Seifenoper-Charakteren, was dem ganzen zusätzlich eine interessante Wendung gab. Und zu deiner Fernseher-Frage: Ich würde dich nicht überzeugen, einen zu kaufen. Du hast ja schließlich das Internet. Philibuster: Dein im September bei Carlsen erscheinender neuer Roman heißt „Warum ich Angst vor Frauen habe“, im Netz stieß man aber auf die Info, dass der Arbeitstitel des Buches „Axel Schulz Roadkill“ laute. Was hat die Plagiatsdebatte um Helene Hegemann`s „Axolotl Roadkill“ bei dir ausgelöst? Vérollet: Ich fand die Debatte schon ziemlich erschreckend. Helene ist ja eine Autorin, die in kürzester Zeit vom Feuilleton hoch-gehyped wurde, um quasi im selben Moment von den gleichen Leuten wieder in den Arsch getreten zu werden. Da sind ja zwei absolut konträre Ansichten in kürzester Zeit vom selben Medium produziert worden. Und es ist meiner Meinung nach absolut nicht in Ordnung, mit einem so jungen Menschen, der sich ja noch in der Prägephase befindet, derart harsch umzugehen. Da hatten die Medien schon wieder alles vergessen, was sie aus dem Selbstmord Robert Enkes angeblich gelernt hatten. Der einzige Fehler, den Helene gemacht hat, war, ihre Quellen nicht zu nennen – das Verfahren an sich kann man ihr absolut nicht vorwerfen, vor allem nicht bei ihrem Hintergrund. Es passiert ja total schnell, dass man irgendwo Sachen liest, die man lustig findet und die man dann irgendwann wieder aufgreift. Insofern ist das Ganze natürlich Anlass für viele Autoren, ihr Werk nochmals genauer zu prüfen – auch für mich. Und ehrlich gesagt war ich im Zuge der Hegemann-Debatte auch ganz glücklich darüber, dass ich nicht zu jener Sorte Autoren gehöre, die ständig in den Feuilletons auftauchen. Dass mein nächstes Buch „Axel Schulz Roadkill“ heißen soll war tatsächlich eine Ente. An dieser Fehlinformation trage ich aber selbst die Schuld, da ich diese Ansage im Eifer des Gefechts im Februar selbst bei Twitter gemacht habe. Da kann man mal sehen was passiert, wenn man unbedacht im Netz rumfunkt! Kommentare zu diesem Artikel:
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