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Mein Philibuster
Deck +++ Strömungen +++ Der Suizid des Musikfernsehens
Montag, 11.10.2010
(114 Bewertungen)
Kommentare (3) Drucken
 
MTV goes Pay-TV
 

Der Suizid des Musikfernsehens

MTV wird in Deutschland bald hinter einer Bezahlschranke verschwinden. Ob der Sender allerdings als Pay-TV-Kanal zu alter Größe zurückfinden kann, darf bezweifelt werden.
Geschrieben von:   
Pay-TV bleibt in Deutschland ein Glücksspiel © Ferdinand Haschner / Philibuster


Es traf uns die wie Nachricht vom Tod eines entfernten Verwandten, der die letzten zehn Jahre seines Lebens in einem Altersheim zugebracht hat. Irgendwo im Ausland, irgendwo dort, wo uns nichts mehr verband. Die Nachricht lautete: MTV wird zu einem Bezahlsender umgebaut. Unser Bekannter, Jochen Overbeck, fand rasch die passenden Worte: Nicht schlimm.

Nein, wirklich nicht schlimm.  Erstens haben wir diesen Schock bereits 1995 überwunden, als das Bild von MTV Europe plötzlich hinter einer Bezahlschranke verschwand. Zweitens hat das MTV, das uns heute begegnet, nicht ansatzweise etwas mit dem Kultsender unserer Jugend gemein. Vielleicht verherrlichen wir das Ganze, aber MTV war einst (also in den 90ern) Trendsetter, Gradmesser der allgemeinen Coolness, kollektive Freizeitbeschäftigung und Identifikationsmedium. Der Sender hatte sie alle. Die Videos unserer Helden, Moderatoren wie Ray Cokes und vor allem: die Deutungshoheit. Was auf MTV lief, fanden wir prinzipiell cool. Selbst die Werbespots, die sich thematisch und stilistisch an den Musikvideos orientierten.

Deutschlands Pay-TV-Debakel

Heute sind wir diesem Sender entwachsen, der nach zahlreichen Senderchef-Wechseln bis auf ganz wenige Ausnahmen zu einer Müllhalde des schlechten Geschmacks verkommen ist. Einst nach anfänglicher Euphorie (und um Dieter Gornys VIVA Paroli zu bieten) eingedeutscht, gleicht das ehemalige Musikfernsehen heute einem Transportmedium für amerikanische Unkultur, die nur noch durch die penetrante Klingeltonwerbung übertroffen wird. Musik sucht man bei  MTV schon länger vergebens - vielleicht wurde auch daher international bereits vorsorglich die Unterzeile „Music Televison“ aus dem Logo verbannt.

Nun also der Schritt hin zum Bezahlfernsehen. Keine schlechte Idee, aber - bei Betrachtung des deutschen Marktes – auf den ersten Blick eine aussichtslose. „Der Deutsche will keine Qualität im Fernsehen und schon gar kein Pay TV“, hat man oft genug gehört und gelesen. Hat der Billigheimer-Michel doch kostenlos alles, was der nicht vorhandene Anspruch verlangt. Free-TV in Hülle und Fülle, Blockbuster mit satten Werbeunterbrechungen und allerlei Seichtproduziertes aus den Häusern RTL und ProSiebenSat.1.

Wer einen Ausweg aus diesem Einheitsbrei sucht, wird in Deutschland schwer enttäuscht. Da wäre zum einen Rupert Murdochs Sky. Dieser Neuaufguss alter Premiere-Ideen, der einem jetzt erst einmal ein kostenpflichtiges Grundpaket aus Sendern andreht, von denen nicht ein einziger annähernd den Kaufpreis rechtfertigt. Die Telekom hält mit T-Home Entertain dagegen. Dasselbe Spiel, das gleiche Programmangebot. Premium-Sender, Spielfilme, Serien und HD? Alles aufpreispflichtig. Flexible auf den Kunden zugeschnittene Pakete? Fehlanzeige. Wozu auch? Das will der durchschnittliche Deutsche ohnehin nicht bezahlen. Wer Eier aus Käfighaltung kauft, nur weil zehn Stück gerade mal 49 Cent kosten, wer zum halben Hähnchen greift, das in Osteuropa einen qualvollen Tod sterben musste, nur weil es für 2,99 Euro aus der Kühltruhe ragt, der legt für Qualitäts-Fernsehen sicher nicht unnötig Geld auf den Tisch. Ohnehin muss er ja ab 2013 bereits für das staatliche Pay-TV aufkommen – ob er will oder nicht.

Und wer fragt den Kunden?

Aber kann man es sich immer so leicht machen? Kann man sich mit dem immer gleichen Argument aus der Affäre ziehen, dass die Nachfrage schließlich das Angebot bestimmt? Ist es im Bereich Fernsehen nicht eher so, dass das oftmals miserable Angebot zu Verdruss führt? Die wenigen verbliebenen Formate, die aus dem Ausland kopiert wurden, stellen diejenigen zufrieden, die sich ohnehin mit der gegeben Qualität abgefunden haben. Der Rest schaut immer weniger fern - aber immer öfter in die Röhre, beschränkt sich auf Nachrichtenformate und wandert ansonsten ins Internet ab. Wo sonst findet sich eine solch nahezu unbegrenzte Auswahl internationaler Filme und Top-Serien, die deutsche Sender – wenn überhaupt – erst recht spät und dann mit Werbeunterbrechung  ins Programm nehmen?

Gerade MTV und VIVA haben durch die zunehmende Verflachung ihr Schicksal selbstverschuldet besiegelt. YouTube mag Musik-Videos bieten, die aber aufgrund immer strengerer Kontrollen von Seiten der Major-Labels oft schnell wieder gelöscht werden. Aber woran es Googles Videoportal mangelt ist: Einordnung. Bei aller Vielfalt des Internets will der User immer noch ein Stück weit geführt werden, wie Apples Store-Modelle täglich beweisen. Und in genau diesem Wunsch nach Führung liegt die Chance, Pay-TV vielleicht doch noch auf die vernünftige Beine zu stellen. Man stelle sich ein MTV vor, dass an die seligen Anfangstage erinnert. Das Musik zum Thema macht, anstatt Justin Biebers Frisur. Das Konzerte live überträgt und das Musikvideos zeigt, die nicht in Pixelhaufen zerfallen, wenn man versucht das Bild augenfreundlich zu vergrößern.

Es mag stimmen, dass gerade der Deutsche nach wie vor als übler Schnäppchenjäger gilt, doch damit machen es sich die Anbieter zu einfach. Immer wieder beweisen Studien, dass die „Geiz ist geil“-Mentalität ausstirbt, dass langsam wieder der Wunsch nach mehr Qualität erwacht. MTV böte sich also die Chance, Musikfans mit einem Programm zu beglücken, das auch ihren Ansprüchen gerecht wird. Längst sind die langhaarigen Kurt-Cobain-Verehrer zu zahlungskräftigen Verbrauchern herangereift, die durchaus gewillt wären, für anspruchsvolles Musikfernsehen den ein oder anderen Euro locker zu machen. Dann allerdings dürfte MTV nicht in gewohnte Verhaltensmuster verfallen und aus Bequemlichkeit alten Wein in neuen Schläuchen verkaufen, wie das bei den momentan verfügbaren Pay-TV-Kanälen aus dem Network der Fall ist. VH1 Classic ist so ein Beispiel, das vor allem durch ein lieblos zusammengeschustertes Programm und eine - für digitale Übertragungswege - miserable Bildqualität glänzt. MTV Europe zog 1987 mit dem Videoclip zu "Money For Nothing" von den Dire Straits in den Kampf für die Popkultur. Man möge hoffen, dass sich die Botschaft dieses Songtitels nicht bald bewahrheitet.

Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von musictvisdead, Oktober 11, 2010

...
Internet killed the TV-Star. Wozu für etwas bezahlen dass man sich besser selbst besorgen kann?
geschrieben von thomas, Oktober 13, 2010

...
Eigentlich stimme ich voll und ganz überein, außer hier:

"Aber woran es Googles Videoportal mangelt ist: Einordnung. Bei aller Vielfalt des Internets will der User immer noch ein Stück weit geführt werden, wie Apples Store-Modelle täglich beweisen."

Einordnung geschieht in Youtube durch Kanäle und Playlisten. Und zwar, meiner Meinung nach, deutlich besser als es irgendein Fernsehsender jemals geschafft hätte. Ist ja auch klar, man kann soviel - oder sowenig - uploaden wie und wann man will und ist nicht an das starre Sendeschema des Fernsehens gebunden.
So abonniere ich mir genau das was ich will und habe dann täglich einen Strauss aus neuen Videos, die mir mit hoher Wahrscheinlichkeit gefallen werden.

Es mag User geben, die geführt werden wollen, die sollen meinetwegen Apples Produkte nutzen. Ich will nicht geführt werden. Ich will die Welt lieber selbst entdecken ;-)
geschrieben von Michael Stepper, Oktober 13, 2010

Re: Einordnung
@Thomas: Da gebe ich Dir volkommen Recht. Das Internet bietet da natürlich ganz andere Freiheiten. Manchmal aber eben auch zu große Auswahl, die ich - für meinen Teil - gerne kanalisiert, moderiert und kommentiert sähe. Nur weil es Abermillionen von Musikvideos bei YouTube gibt, heißt das noch lange nicht, dass ich dadurch auch auf alle für mich interessanten Videos stoße.

tape.tv hat das schon seinen ganz eigenen Ansatz, der - wie last.fm auch - empfehlungsbasiert arbeitet. Aber auch hier ist lediglich ein Algorithmus am Werk. Klassische Radio-DJs oder VJs bringen immer auch persönliche Meinung und Einschätzung mit. Im besten Falle im Stile und mit der Expertise eines John Peel. Und dann bleibt immer noch die teils miserable Qualität bei YouTube ...
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