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Mein Philibuster
Deck +++ Strömungen +++ „Bloß keine Klischeewelten“
Mittwoch, 06.10.2010
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Kommentare (4) Drucken
 
Muslim Girls
 

„Bloß keine Klischeewelten“

Sineb El Masrar, Herausgeberin des Frauenmagazins „Gazelle“, kämpft gegen stereotype Fremdbilder in vielen Köpfen und leistet so den wichtigen Beitrag, peinlich-rückständige Antagonismen unserer Gesellschaft ein Stück weit verhungern zu lassen. Wir sprachen mit ihr über ihr jüngst erschienenes Buch „Muslim Girls“.
Geschrieben von:   
Muslime - kein tumber Mob © Eichborn Verlag


Philibuster: Mit „Muslim Girls“ rebellierst Du gegen die von vielen Mediendiskursen hergestellte künstliche Realität weiblich-muslimischer Lebenswelten. Was war Dein Antrieb, dieses Buch zu schreiben?

Sineb El Masrar: Ich wollte zeigen, dass es diese künstliche, tumbe und homogene Masse muslimischer Frauen, die so oft gezeichnet wird, nicht gibt: Muslimische Frauen leben und denken nicht alle gleich. Nicht alle Frauen, die einen muslimischen Background haben, sind religiös, nicht alle tragen Kopftuch, jede erwartet etwas anderes vom Leben. Insofern ist das Buch auch eine Forderung, dass man „uns“ endlich als Individuen anerkennt. Und natürlich habe ich es auch geschrieben, weil mich vieles in der Berichterstattung zum Thema irgendwann total nervte.

Philibuster: Gerade gegenwärtig hat man ja den Eindruck, dass sich Medien oft keine besonders große Mühe geben, auf eben genau diese differenzierten Lebenswelten muslimischer Frauen, die Du beschreibst, einzugehen. Warum ist das immer so?

Sineb El Masrar: Zum Einem ist es natürlich immer einfach, in Kategorien und Schubladen zu denken. Zum Anderen bedienen aber auch dramatische Geschichten oder die Vorführung von tragischen Einzelschicksalen die Sensationslust der Rezipienten. Das kann dann auch schon mal dazu führen, dass Frauen mit muslimischem Hintergrund bei medialer Präsenz eben genau auch primär diese Schubladen bedienen, um Erwartungen nicht zu enttäuschen. Kritisch sehe ich auch den Sachverhalt, dass in medialen Kontexten automatisch fast jede Person mit muslimischem Hintergrund zum Experten stilisiert wird. Und insgesamt sehe ich auch viel Wechselseitigkeit und Klassifizierung, die zur Zementierung von Vorurteilen beiträgt – gerade wenn mit Dualismen wie „Westen versus Osten“ oder „Islam versus Nicht-Islam“ hantiert wird.

Philibuster: „Muslim Girls“ rebelliert gegen dieses verzerrte Bild. Du zeigst unter anderem auch, dass Klischees zum Thema „Muslime“ eben nicht einfach gegebene Wahrheit sind, sondern auch ein kontingentes Ergebnis historischer Entwicklungen. Wo siehst Du da Zusammenhänge?

Sineb El Masrar: In der historischen Darstellung ist es ja so, dass die Frauen der ersten Einwanderungswelle immer nur als zugezogene Familienangehörige klassifiziert wurden. Dabei kamen Frauen auch allein nach Deutschland, um hier zu arbeiten. Sie waren selbständig und unabhängig - das wird aber kaum thematisiert. Diese verkürzte Sicht auf die Einwanderungshistorie zeigt aber auch, wie tiefgreifend auch ungenaue historische Darstellungen vielleicht zu den Klischee-Bildern von heute beitragen.

Philibuster:
Was ärgert Dich an der ganzen medialen Diskussion am meisten?

Sineb El Masrar: Da ärgert es mich oft, dass häufig Themen fokussiert werden, die wirklich die letzten Punkte auf der Prioritätenliste sind. Dabei wäre sinnvoller, wenn primär über bessere Partizipationsmöglichkeiten gesprochen würde, wenn das Hauptaugenmerk auf die zukünftige wirtschaftliche Unabhängigkeit junger Menschen gelegt werden würde. Wenn man das zum Beispiel genauso oft thematisieren würde wie die „Kopftuchfrage“ – das wäre ein Anfang. Außerdem nervt es, dass ständig Klischeewelten herbeigeredet werden, die nicht existieren. Dass Muslime eben keine homogene Gruppe sind – das müsste doch schon längst klar sein. Es wird aber ständig noch so dargestellt und befeuert somit zum Teil natürlich auch die Stigmatisierungsmaschinerie weiter. Man stilisiert eine Wahrheit, die gar nicht zutrifft.

Philibuster: Betonst Du deshalb in Deinem Buch auch die Prozesshaftigkeit von Identität?

Sineb El Masrar:
Ja, denn Menschsein ist niemals statisch. Es gibt immer eine Prozesshaftigkeit im Leben und biographische Entwürfe, die sich wandeln können. Platt gesagt: Eine muslimische Frau kann sich beispielsweise heute für ein Kopftuch, morgen dagegen entscheiden. Oder umgekehrt.

Philibuster: In welche Richtung müsste Deiner Meinung nach die öffentliche Diskussion gehen, um produktivere Diskurse zu erzeugen?

Sineb El Masrar: In eine differenziertere Richtung. Niemand profitiert davon, wenn ständig verkürzt und kulturalistisch über Missstände debattiert wird. Es geht schließlich nicht nur um Herkunft, sondern um Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe. Und da fährt man in eine total falsche Richtung, wenn man wichtige Bausteine wie zum Beispiel Bildungsgrad, berufliche Perspektiven oder familiäre Strukturen ausblendet. Es geht auch um ökonomische, soziale und symbolische Fragen. Und die dürfen im Bemühen um eine ausgewogene Berichterstattung nicht ausgeblendet werden.

Lesetipp: Sineb El Masrars Frauenmagazin Gazelle

Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Tom, Oktober 06, 2010

...
Es war ja auch ein gewisser Thilo Sarrazin, der den Medien den achso schönen Begriff des "Kopftuchmädchens" auf dem Silbertablett präsentierte. Und mal ganz ehrlich, warum sollten sich die großen Medien die Mühe machen, zu differenzieren. Schreibt sich doch vieles einfacher, wenn man immer nur von "denen" reden muss. Denen Kopftuchmädchen die sich im Gegensatz zu unseren Politikern noch richtig Gedanken machen, weil es um ihr Ansehen, ihre Zukunft und ihre Stellung in unserer Gesellschaft geht. Vor diesen Mädels ziehe ich meinen Hut, pardon, mein Kopftuch ...
geschrieben von freak, Oktober 06, 2010

...
Eure Page wird für mich immer mehr zum Beweis dafür, dass man auch mainstream-tauglich anders denken kann. Gute Arbeit, die Ihr macht.
geschrieben von Daniel Lücking , Oktober 07, 2010

Es ist beschämend,...
wie der Medien-Mainstream ein derartiges Klischeedenken fördert. Egal, mit welchem Menschen man es im wirklichen Leben zu tun hat: Schubladendenken hilft nicht weiter.

Problemgruppen zu definieren und zu stigmatisieren sollte gerade in Deutschand nicht mehr vorkommen dürfen und ist in meinen Augen die wesentlich beunruhigendere Entwicklung. Klar ist, das am Thema Integration gearbeitet werden muss - zynisch ausgedrückt existiert das Thema für Deutsche-Medienkonsumenten ja auch erst wenige Monate außerhalb von Berlin-Neukölln.

Ich hoffe, wir verlernen nicht ob der aktuellen Berichterstattung miteinander zu reden.
geschrieben von Hamid Rochdi , Januar 08, 2011

Das Buch "muslim Girls" Sehr erhellend!
Sehr erhellend! Ich war sehr gespannt auf das Buch und dessen Inhalt, bevor ich es geholt habe. Ich habe das Buch gelesen und stellte fest: ein starkes und spannendes Buch! Sehr zu empfehlen, sollte mann/frau weitere Erkenntnisse über Interkulturalität! Ein Bildungsbuch...
Die authentische, selbstkritische und differenzierte Darstellung in dem Buch "Muslim Girls" macht den Weg frei für einen sinnvollen interkulturellen Dialog! Alle Schichen der Bevölkerung sind dazu eingeldaen und werden gebeten, auf einander zu zugehen! Ein solcher Dialog kann der erste Schritt dafür, miteinander -statt über- oder nebeneinander- zu kommunizieren! Das Land von Goethe und Schiller braucht eine solche positive Entwicklung dringender denn je! Denn "Deutschland schafft sich nicht ab", sondern das Risiko besteht, "das Land blamiert sich". Dass Letzeres vermeiden werden sollte, wären weitere Beiträge à la Sineb El Mesrar sehr sinnvoll und hilfreich. Wolltet Ihr, dass die Gesellschaft sozialer und tolerant wird, dann mischt Euch ein!

Hamid Rochdi
Sprachwissenschaftler, Dipl.-Übersetzer
Kultur-/Kommunikationscoach
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