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Mein Philibuster
Deck +++ Strömungen +++ Todesstahl aus Nahost
Freitag, 29.04.2011
(89 Bewertungen)
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Nervecell
 

Todesstahl aus Nahost

Arabischer Death-Metal ist keineswegs ein exotischer Ausreißer, sondern dank „Nervecell“ seit Jahren eine internationale Institution. Heute erscheint mit „Psychogenocide“ das dritte Studioalbum der Band aus Dubai – Anlass für ein Gespräch über Musik als Spiegel des kulturellen Aufbruchs.
Geschrieben von:   
Nervecell - Metal aus Dubai © Nervecell


Philibuster: Sich in Dubai auf Metal zu spezialisieren, ist ja nicht gerade die gewöhnlichste Sache. Wie kam es dazu?

Nervecell: Warum nicht? Wenn man sich den Nahen Osten heute so anguckt, sieht man überall Chaos; im Moment natürlich mehr als jemals zuvor. Wir sind von Nationen umgeben, die im Moment kollabieren und sich neu sortieren, und irgendwie „lebt“ der Nahe Osten – im Gegensatz zu vielen anderen Regionen – schon lange buchstäblich den Metal-Lifestyle und geht Hand in Hand mit dem, worüber die meisten Bands singen. Bei „Nervecell“ sprechen wir von Unruhe, von Chaos und von der nicht enden wollenden Gehirnwäsche. Und irgendwie fühlt es sich gerade so an, als ob wir unseren Teil zur ganzen Sache beitragen, indem wir mit unserer Musik eine ehrliche Message vermitteln wollen.

Philibuster: Konntet ihr bei eurem Stil auf arabische Vorbilder zurückgreifen?

Nervecell: Nicht wirklich. Die arabische Musikszene wird komplett von der westlichen Pop-Szene dominiert. Und man muss natürlich fairerweise sagen, dass das Motto „Sex sells“ auch in Nahost gilt. Wir sind hier als erste Metal-Band gestartet und haben eigentlich nie gedacht, dass wir mal berühmt oder eine „Fulltime“-Band werden. Wir haben einfach Spaß dran, Metal zu spielen, wir werden es passioniert weitermachen. Und ansonsten sind wir weiterhin einfach so, wie wir sind.

Philibuster: Ihr gehört ja schon zu den Bands, die vermehrt Botschaften in der Musik verpacken. Habt ihr eine Haupt-Message?

Nervecell: Wir singen hauptsächlich über humanitäre Fragen, Ungleichheit und andere gesellschaftliche Aspekte. Unsere Botschaft ist dabei ziemlich direkt. Wir wollen eigentlich nichts anderes, als unsere Fans dazu ermutigen, aufzustehen und die Augen zu öffnen. Einfach, um die harte und grausame Realität der Welt in der wir leben, auch mal wahrzunehmen.

Philibuster: Ihr fallt ja international durch euer Alleinstellungsmerkmal schon ziemlich auf – einfach, weil ihr eine Metal-Band aus Nahost seid. Nervt das manchmal?

Nervecell: Nein, das nervt nie. Wir freuen uns eher darüber, dass wir auch in dieser Hinsicht wahrgenommen werden. Und es ist natürlich großartig, dass die Fans uns auch gerade für das, was wir sind, akzeptieren. Gleichzeitig ist man natürlich auch irgendwie ein bisschen stolz darauf, im Nahen Osten verankert zu sein und da gleichzeitig auch die Möglichkeit zu haben, Metal zu spielen. Dass wir durch die Musik dann auch noch Fans auf der ganzen Welt vereinen können, ist schon ein ziemlich gutes Gefühl. Irgendwer muss es ja machen, und wenn wir den Job nicht übernommen hätten wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen bis irgendeine andere Kick-Ass-Band aus unserer Region es gepackt hätte.

Philibuster: Wenn ihr euch den arabischen Underground im Moment anschaut: Mit was kann man da noch rechnen? Erwartet ihr – auch im Hinblick auf die gegenwärtigen Umstürze – so etwas wie eine Art Wandel?

Nervecell: Wir glauben definitv daran, dass der arabische Underground heute stärker als je zuvor ist. Wir haben in den ganzen Ländern mittlerweile viele Bands auf dem Vormarsch, die eigentlich direkt in den Startlöchern sitzen, und wahrscheinlich wird es schon so sein, dass mit all den Protesten und den daraus resultierenden Folgen sich die Szene insgesamt noch weiter vergrößern wird. Wir setzen darauf, dass da noch einige fette Acts kommen werden, die ehrlichen Metal implementieren und vor allem in der Musik das ganze Chaos und die Unruhen unserer Zeit verarbeiten werden. Stoff ist auf jeden Fall genug da.

Philibuster: Ihr habt ja schon eine starke Anbindung an Europa. Wie würdet ihr Eurer Verhältnis zu Deutschland beschreiben?

Nervecell: Deutschland ist das Metal-Zentrum Europas. Metal ist bei Euch ja fast schon Kulturgut. Deswegen spielen wir auch besonders gerne Gigs bei Euch, weil das Publikum da schon sehr gut abgeht und auch alles feiert - egal, welche Art Metal man spielt. Die Fans unterstützen uns sehr, sie lieben Musik und – das ist ja kein Geheimnis - ordentliches Bier. Und dann haben wir letzten Endes ja auch unseren Plattenvertrag beim deutschen Label „Lifeforce“, worüber wir echt sehr glücklich sind, weil das wirklich ein großartiger Haufen ist und wir als Band komplett so, wie wir sind, akzeptiert werden.

Philibuster: Wenn ihr euch die Szene weltweit anguckt, wie würdet ihr den aktuellen Stand der Dinge bewerten? Was ist tonangebend und wo würdet ihr Möglichkeiten der Vermischung auch mit anderen Genres sehen?

Nervecell: Aktuell gibt es ziemlich große Veränderungen in der Szene. Heute gibt es überall Kinder, die eher sowas wie Fashion-Victims oder Emos sind und halbwegs irgendwelche Instrumente spielen können und sich dann das Label „Death Metal“ geben, aber eigentlich nichts weiter als Breakdowns beherrschen. Das ist natürlich amüsant. Ansonsten gibt es viele Acts da draußen, die mit allem möglichen experimentieren: Da mischen sich dann Metallketten und Blending-Trance oder Techno- und Dance-Musik mit harten Gitarren und Death-Metal-Vocals. Aber vieles davon ist natürlich ganz plump gesagt Trend mit begrenzter Haltbarkeit. Da gibt es für vieles ein Ablaufdatum. Die wirklich guten Jahre waren ja die 80er, wo man großen Pop und aber auch den guten klassischen Death- und Thrash-Metal hatte. Die Musik aus diesem Jahrzehnt wird ewig weiterleben, weil sie hochwertig war und eben kein Produkt von perfektem Studio-Tuning aus irgendeiner Aufnahmebox. Bei vielen Bands heute ist es so, dass sie aufgrund der ganzen Technologien, die so zur Verfügung stehen, oft vergessen wie man richtig spielt. Die beherrschen ihr Metier dann oft gar nicht mehr richtig und versauen es dann, wenn sie live spielen. Das sind dann oft die Bands, die bei Gigs gnadenlos elend performen. Davon gibt es ja einige. Crossover ist ansonsten generell akzeptabel, aber sicherlich und in gewissen Ausmaßen auch nicht immer jedermanns Sache. Solange Energie und lyrischer Gehalt einwandfrei sind, klappt das ja oft ganz gut. Wie bei „Rage against the Machine“: Große Texte, herausragende Musiker. Das hat auf jeden Fall funktioniert.

Philibuster: Last but not least: Was erwartet uns mit „Psychogenocide“?

Nervecell: „Psychogenocide“ ist insgesamt viel dunkler als all unsere bisherigen Aufnahmen. Jeder Song auf dem Album wurde im letzten Jahr geschrieben; die Hälfte davon zwischen unseren Touren im Nahen Osten, Asien und Europa. Rami und Barney haben sich im Grunde für etwa zwei Monate eingesperrt und hatten alle Song-Arrangements und was dazu gehört fertig, noch bevor wir im Dezember 2010 ins Studio sind. Und - man sagt es als Musiker zwar immer - das ist bisher definitiv die beste Produktion, die wir hingelegt haben. Es gibt sehr technisches Zeug aber auch viele melodische und progressive Elemente, und natürlich Trash- und Death-Metal-Varianten – von unserem eigenen Stil natürlich mal ganz abgesehen. Wir sind absolut zufrieden mit der Platte und freuen uns natürlich, das ganze Ding bald für die Fans in Europa zu spielen.



Themen: Dubai Metall Musik Nahost Nervecell Protest
Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Tobias Paul, Juni 13, 2011

...
Nette Combo, unvergessen die Verwirrung der Band beim WFF, dass ihr übliches Stageacting in Deutschland weniger Anklang fand (Hail Germany, you are a great country, with a great history, so hail germany!). "Metallketten und Blending-Trance" scheint irgendwie holprig übersetzt, oder?
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