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Deck +++ Strömungen +++ Schuld und Bühne
Montag, 25.01.2010
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Feuilleton
 

Schuld und Bühne

Die Theaterkritiker sind dafür verantwortlich, dass sich heute kaum noch jemand ins Theater traut. Warum sind die eigentlich so schlecht drauf und was hat Dieter Bohlen damit zu tun?
Geschrieben von:   
Ob Film, Theater oder Musik - Kritiker wissen stets alles besser © Flickr ibtrav


Wer heute im „FAZ“-, „SZ“- und „Zeit“- Feuilleton darüber schreibt, was landläufig unter „Theater“ rubriziert wird, muss mit zweierlei rechnen. Erstens: Der Leser etikettiert die unverständliche Kulturschwurbel als „bildungsbürgerliche Nabelschau“. Zweitens: Er überblättert. Es gibt gewisse Überschneidungen.

Anders noch zu Zeiten Georg Kreislers: Nicht grundlos arbeitete sich der österreichische Kabarettist mit einem Hass-Song auf den „Musikkritiker“ an der verhassten Berufsklasse ab. Damals hatten Kritiker: Macht, Ansehen und wurden für ihre fiesen Verrisse gefeiert. Auch Kurt Tucholsky beschimpfte bereits die notorische Nörglerei als „Berufsstörung“ und tat Kunstrezensionen als „Waschzettel“ ab.

Theaterkritiker sind heute: ungelesen, ungeliebt

Martin Walsers Roman „Tod eines Kritikers“, in dem der Schriftsteller allzu augenscheinlich und ungewandt über Marcel Reich-Ranicki herfällt, scheint eine wunderliche Ausnahme - aber Martin Walser ist ja ohnehin etwas wunderlich. Dieser Tage bietet der Theaterkritiker nach Möglichkeit keine Angriffsflächen mehr. Er ist froh, wenn er überhaupt gelesen wird.

Womit wir beim Problem wären. „Zeit“- Chefredakteur Giovanni di Lorenzo teilte seinen Redakteuren nach einer umfangreichen Leserbefragung sogar mit, ja, es gebe Texte in ihrem Wochenblatt, die liest kein Mensch. Ob es sich dabei auch um Theaterkritiken handelte, wollte er nicht sagen. Ob die Texte zu recht ungelesen blieben, auch nicht.



Die neue Kritikergeneration heißt „Dieter Bohlen“

Heute, wo Kunstkenner nicht länger alt, grau und Marcel Reich-Ranicki sind, sondern blond, solariumgebräunt und frei von der Leber weg, sprich: Dieter Bohlen heißen und mit der Casting-Show „Deutschland sucht den Superstar“ („DSDS“) Kunstkritik völlig neu definieren, als breitenwirksames Spektakel, hat der Theaterkritiker natürlich keine Chance. Erschwerend hinzu kommt: Bohlen hat Karina, diese sehr junge, attraktive Freundin.

Auch der Theaterkritiker  – meist: cordjackettbekleidet, mittleren Alters und mittlerer Größe mit mehr Bauch, dafür weniger Haaren – will nur ein bisschen Spaß: Umsonst ins Theater, junge Schauspielerinnen kennenlernen, einen ordentlichen Rausch auf der Premierenparty und hin und wieder etwas auf die Bühne werfen - der FAZ-Schreiber Gerhard Stadelmaier zum Beispiel seinen Kritikerblock.

Selber schuld!

Und dann begegnet er doch wieder der Deutschklasse aus Neukirchen-Vlyn auf Brecht-Exkurs, die jedes Mal, wenn die Schauspielerin Brüste oder Höschen zeigt, in pubertäres Gekicher ausbricht. Dabei war der Kritiker gerade so tief in die Inszenierung „eingetaucht“.

Nach der Aufführung macht er sich schlecht gelaunt auf den Heimweg. Zuhause angekommen, setzt er sich an den Schreibtisch, schaltet den Computer an. Steht auf. Öffnet den guten Rotwein. Setzt sich an den Schreibtisch. Steht auf. Macht den Fernseher an. Es läuft die Wiederholung von „DSDS“:  Kritiker Bohlen rammt unter Publikumsgejohle einen Kandidaten in den Boden.

Der Theaterkritiker seufzt. Warum habe ich nicht so eine junge Freundin wie Dieter Bohlen? Warum bin ich ungelesen? Wo soll das alles enden? Schließlich ist der Theaterkritiker auch Kulturpessimist. Das erklärt auch, warum er seit Peter Zadek und Peter Stein nichts „spannendes“ mehr im Theater gesehen hat – „spannend“ ist eins seiner Lieblingsworte, danach folgt „furios“. Er kann Frank Schirrmacher heißen, muss aber nicht.

Er schreibt also: „Peter Zadek ist tot und mit ihm das Theater. Wie schon Deleuze in Bezug auf Leibnitz bemerkte …“

Kommentare zu diesem Artikel:
geschrieben von Patricia, Januar 25, 2010

...
Die Kritiker der Zukunft sitzen vor ihrem Rechner und bloggen. Persönliche Empfehlungen übers Web nehmen die Leute viel ernster als Gedrucktes, glaube ich.
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